CDU und Faschismus: Durch die Mitte gegen die Wand

Die geistige Leere und die Habgier im Zentrum der Gesellschaft sind Zeichen der Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft. Ein Vorbild steht bereit.
Foto: Markus Schreiber/ap
M ir geht es gut. Mir geht es jedenfalls so gut wie selten in meinem Leben, materiell gesehen. Der EC-Automat spuckt Scheine aus, wenn ich welche will. Und wenn mich nicht die Vergangenheit in Form einer posttraumatischen Störung einholt, lege ich meine Kreditkarte bedenkenlos auf das Lesegerät im Supermarkt.
Vielleicht ist es diese momentane Sicherheit, die es mit sich bringt, dass ich mich mehr um die Zukunft sorge als um die Gegenwart. Eher nicht meine persönliche Zukunft, und auch nicht um die Zukunft der Menschheit. Die Zukunft der Menschheit ist mir zu abstrakt.
Aber wenn mich meine Kinder fragten – was sie außer dem Jüngsten seltsamerweise gar nicht tun –, wie ich mir so die nähere Zukunft vorstelle, dann käme ich mit der Antwort ins Schwimmen. Ich würde wahrscheinlich sagen, was mich persönlich am meisten ängstigt. Das ist ein Sieg des mafiös-faschistischen Putinregimes im Krieg gegen die Ukraine; und das ist der mit diesem Regime verbündete Faschismus in Deutschland – ob er sich nun BSW oder AfD abkürzt –, in Europa und in den USA.
Vermutlich, weil es mir seit einiger Zeit gut geht, also von einem Klassenstandpunkt her, liegt für mich die Antwort auf die faschistische Bedrohung in der Mitte. Wenn ich in einer anderen historischen und persönlichen Situation dafür war, die reale Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben, so habe ich jetzt eine Sehnsucht nach Sammlung, nach Bündelung der Kräfte.
Kein Hauch eines positiven Gegenentwurfs
Wenn ich mir nun zum Beispiel ansehe, was der CDU-Landeschef und Spitzenkandidat seiner Partei bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, Stefan Evers, zum rot-grün-roten Sondierungspapier zu sagen hatte, dann wird mir ein bisschen schlecht.
Da ist kein Hauch eines positiven Gegenentwurfs zum ja durchaus mit guten Argumenten kritisierbaren Papier und Projekt, da ist nur dummer Trotz und dumpfe Angstmacherei. Dass sich diese CDU aus einer potentiellen Mitte abgemeldet hat, verstört mich genauso, wie die Radikalisierung der FDP, deren daraus folgendes Verschwinden mich früher natürlich sehr gefreut hätte.
Wenn man keine Antworten auf die Fragen der Zeit hat, nichts ändern will, keine Selbstkritik üben, wenn man Opfer immer nur von anderen erwartet, wenn man nicht bereit ist, auch nur das Geringste beizutragen, wenn man sich selbst ständig lügenhaft arm rechnet, dann will man, dass die Gesellschaft gegen die Wand fährt.
Die Idee ist dann vielleicht, die Trümmer aufzusammeln und sich sein eigenes Türmchen daraus zu bauen. Das natürlich jemand beschützen muss. Dann sind wir beim Faschismus angekommen, den, soweit ich das verstehe, auch die Big-Tech-Bros anstreben.
Und es ist klar, dass ein Bündnis von Supermännern und braunen Gartenzwergen keine Mitte mehr braucht. Dieses Bündnis braucht auch keine kritische Kultur, keine Empathie. Es ist die Diktatur der Starken mit den ewigen Halbstarken, in der diejenigen, die sich noch auf Kategorien wie Gewissen, Moral, religiös-humanistische Werte und nicht zuletzt Schönheit berufen, als „selbsternannte Oberlehrer und Elite, die uns jeglichen Spaß verderben wollen“, gelten, wie das der Psychologe Klaus Ottomeyer mal in der taz formuliert hat. Und sollte es doch mal eine offene ethische Frage geben, liefert die KI herrschaftsgerechte Antworten.
Meinen vierjährigen Sohn beschäftigt gerade das Sterben. Und ich kann ihm guten Gewissens die Antwort geben, dass das Sterben zum Leben dazugehört, aber ihn noch nicht übermäßig beschäftigen muss. Schwierig wird es werden, wenn er mich nach dem Leben fragt.
Ambros Waibel taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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