TV-Legende im Interview – «Der deutsche Steuerspartrieb ist stärker als der Sexualtrieb»

Harald Schmidt brachte Late Night nach Deutschland. Heute ist der 69-Jährige als Kreuzfahrtdirektor auf dem «Traumschiff» unterwegs.
Harald Schmidt
Der 1957 geborene Harald Schmidt ist ein deutscher Schauspieler, Kabarettist und Fernsehmoderator. Bekannt wurde vor allem seine legendäre Harald Schmidt Show, mit der er Late-Night-Entertainment nach US-Vorbild in Deutschland etablierte und das TV-Kabarett nachhaltig prägte.
SRF: Es heisst, im Kopf machen Sie immer noch eine Late-Night-Show. Was wäre heute der Gag des Tages?
Harald Schmidt: Ich müsste auch berücksichtigen, ob es für die Schweiz oder für Deutschland wäre. Bei Deutschland könnte ich viel detaillierter reingehen.
Verfolgen Sie die Schweiz?
Für mich ist die Schweiz als Tourist interessant.
Warum wollen viele Deutsche hier leben?
Für die meisten ist der Steuergedanke entscheiden. Mir hat mal ein Vermögensberater gesagt, in Deutschland sei der Steuerspartrieb stärker als der Sexualtrieb.
Schweizer haben den Ruf, sanft und reserviert zu sind. Macht es das schwer für einen Satiriker?
Ich finde den angenehmen Schweizer Umgangston gut. Aber für mich sind Deutschlands tägliche Katastrophenmeldungen wie ein gut gedüngter Acker für einen Bauern.
Über Sie als Humorist wird gesagt, Sie hätten eine Art Carte blanche.
Es werden auch Diplomarbeiten geschrieben, wo ich angeblich eine Metaebene einbeziehe.
Die sehen Sie nicht?
Ich kannte den Begriff gar nicht und musste ihn googeln. Entscheidend ist, dass über einen geschrieben wird. Wenn Sie auch in Ressorts vorkommen, wo Sie eigentlich nicht unterwegs sind, haben Sie es geschafft.
Sie sagten kürzlich, Sie hätten Ihren Jaguar verschenkt. Warum wird das aufgegriffen?
Was sind auf Websites unserer Seriositätspresse die meistgelesenen Artikel? «Wer pflegt den Garten» und «Ist Sex mit 95 noch normal?». Genau diese weichen Themen bediene ich.
Sie haben in ihrer Sendung Verona Pooth das Gesicht abgeleckt.
So war das damals. Da gibt es nichts zu entschuldigen oder zu korrigieren. Man muss nur clever genug sein, sich im Lauf der Jahre anzupassen.
Sie sagen also nicht: «Das würde ich heute so nicht mehr tun.»?
Natürlich nicht.
Kennen Sie das Gefühl, als alter weisser Mann gecancelt zu werden?
Nein. Man muss verhindern, dass man gecancelt werden kann. Gegen das Etikett «alter weisser Mann» kommt man nicht an. Also muss man das wie einen Orden vor sich hertragen.
Kollegen wie Thomas Gottschalk reagierten dünnhäutig darauf.
Ja, aber er war Tommy Everybody's Darling, ich bin Dirty Harry.
Haben Sie sich Vogelfreiheit erarbeitet?
Man darf keine Leiche im Keller haben. Ich habe einen unglaublich komplizierten Trick entwickelt: Ich zahle einfach Steuern.
Sie gelten als Daueroptimist. Aber gibt es Sachen, die Sie besorgen?
Ich muss leider sagen: Ich wüsste auf Anhieb nicht, was.
Wenn man Deutschland beobachtet, sieht man viel Sorge und Polarisierung.
Das ist natürlich die Medien- und Talkshow-Industrie. Ich lese die Zeitung nur noch, wenn ich die Autorin oder den Autoren kenne. Sonst lese ich nur die Überschrift: Was ist gerade angesagt?
Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.
Wie entscheiden Sie, wo Sie hingehen und auftreten?
Ich gehe nur dorthin, wo ich der einzige Gast bin. Und heute spielt die Plattform praktisch keine Rolle mehr. Ein grosser Spass für mich ist es, Sachen im Ausland zu platzieren, wie hier.
Sie nehmen Friedrich Merz immer etwas in Schutz. Was würden Sie für seine nahe Zukunft prophezeien?
Ich würde ihm sagen: «Gib Gas.» Über Merz wird gesprochen, als sei er bereits abgewählt. Eine ideale Situation, um zu sagen: «Es wird jetzt alles durchgezogen, was ich vorhabe.»
Mögen Sie eigentlich Menschen?
Natürlich. Mein früherer TV-Partner Herbert Feuerstein sagte: «Was uns verbindet, ist der Hass auf die Menschheit und die Liebe zum Publikum.» Ohne das können Sie den Beruf nicht machen.
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