Schafft sie es trotz Promille-Fahrt in den Bundesrat?

Ein Vorfall in einer Nacht vor zehn Jahren ist Céline Amaudruz' grösster Makel
Schafft sie es trotz Promille-Fahrt in den Bundesrat?
Die Genfer SVP-Politikerin will Bundesrätin werden. Ihre Alkoholfahrt mit fast zwei Promille von 2016 bereut sie zutiefst.
Publiziert: vor 9 Minuten
Raphael RauchBundeshausredaktor
Céline Amaudruz (47) war am Samstag bei der SVP-Delegiertenversammlung die Frau der Stunde. Viele suchten mit ihr das Gespräch – und die welschen SVPler erhöhen den Druck auf die Parteileitung, dass eine Person aus der Romandie – also Amaudruz – aufs Ticket kommt. Nach der Absage von Ständerätin Esther Friedli (49) gilt der Thurgauer Nationalrat Pascal Schmid (50) als Favorit der Parteileitung. Oder die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli (49). Beide haben bislang weder abgesagt noch ihre Kandidatur erklärt.
Bleibt vorerst also Céline Amaudruz. Ihr grösster Makel ist eine Nacht vor zehn Jahren. Genf, 10. Dezember 2016, kurz vor halb vier Uhr morgens: Die SVP-Nationalrätin setzt sich ans Steuer ihres BMW – obwohl ein Taxifahrer und eine Freundin ihr davon abgeraten hatten. So steht es im Strafbefehl der Genfer Staatsanwaltschaft, der Blick vorliegt.
«Unbestimmte Menge Champagner»
Der Taxifahrer fährt hinter ihr her und alarmiert die Polizei: «Sie fuhr im Zickzack.» Vor dem Uno-Flüchtlingshochkommissariat touchiert sie das Trottoir. Vor einem Hotel steht eine Polizeipatrouille, die Polizei fordert die Lenkerin auf, rechts anzuhalten. Laut Strafbefehl stoppt sie zunächst, wechselt ein paar Worte und fährt einfach weiter. Erst später stoppt sie eine weitere Patrouille. Dem Atemalkoholtest unterzieht sie sich erst «nach langem Hin und Her». Um 4.45 Uhr zeigt das Gerät 0,96 Milligramm pro Liter an – etwa 1,9 Promille.
Zunächst sagte Amaudruz, eine «unbestimmte Menge Champagner» konsumiert zu haben. Sie bestritt, die Herrschaft über ihr Fahrzeug verloren zu haben, und behauptete, aus politischen Gründen angehalten worden zu sein.
Vom Polizeiposten aus rief sie Parmelin an
Was nicht im Strafbefehl steht, enthüllte die Presse: Statt ins Röhrchen zu blasen, kündigte Amaudruz an, den Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornot anzurufen. Er nahm nicht ab – und unterschrieb später den Strafbefehl. Vom Polizeiposten aus wählte sie die Nummer ihres Parteikollegen Guy Parmelin. Er riet ihr zu kooperieren. Ihr Anwalt Christian Lüscher sagte damals, sie habe «in einem Moment tiefer Verzweiflung» Halt gesucht. All das ist nachzulesen im Buch des Journalisten Marc Guéniat, «Genève confidentiel».
Amaudruz musste wegen der Fahrt in angetrunkenem Zustand und der Hinderung einer Amtshandlung 100 Tagessätze à 450 Franken bedingt sowie 9000 Franken Busse zahlen.
«Ich habe meine Lehren daraus gezogen»
Was denkt Amaudruz heute darüber? Zu Blick sagt sie: «Ich habe einen schweren Fehler begangen. Ich hätte andere Menschen und mich selbst in Gefahr bringen können. Das bedauere ich zutiefst. Ich habe die Konsequenzen getragen und meine Lehren daraus gezogen. Ich verlange nicht, dass diese Episode vergessen wird, sondern dass auch mein Verhalten seither berücksichtigt wird.» Zum Vorwurf, Anweisungen der Polizei missachtet zu haben, sagt sie: «Mein damaliger Zustand ist keine Entschuldigung. Ich übernehme die Verantwortung.»
Seitdem ist viel passiert. Amaudruz hat mit dem zwölf Jahre jüngeren Michael Andersen (35) die Liebe ihres Lebens gefunden, die beiden sind verheiratet, das Paar hat zwei Töchter (1 und 3 Jahre alt). Andersen politisiert als SVP-Grossrat, den skandinavischen Nachnamen verdankt er norwegischen Wurzeln.
Wie also weiter, SVP? Die Gerüchteküche brodelt, welche anderen Kandidaten die Partei noch aus dem Hut zaubern könnte. Den Freiburger Nationalrat Nicolas Kolly (40)? Oder den Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (63), der an der Delegiertenversammlung da war? Mit Albert Rösti (59) ist der Kanton Bern zwar bereits im Bundesrat vertreten, aber Schnegg ist Romand. Oder der Walliser Nationalrat Michael Graber (45)? Er ist Oberwalliser – und die Romandie hat mehrfach klargestellt, dass er nicht als Romand durchgehe. Graber wurde schweizweit bekannt, als er sich zusammen mit Thomas Aeschi (47) ein Gerangel mit Fedpol-Polizisten im Bundeshaus geleistet hatte.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.