Glosse zum Star der Stunde – Schleiereulen? New York hat einen neuen Vogel

Die Stadt, die niemals schläft, hat ein neues Promi-Paar. Seit ein paar Tagen nistet in einem Wasserturm mitten in Manhattan ein Schleiereulenpärchen – ein Novum selbst für den Big Apple, wo man sonst schon ziemlich alles gesehen hat. Grosse TV-Sender berichten, Birdwatcher stehen Schlange, Influencer rüsten sich mit Nachtsichtgeräten aus. Noch Fragen? Wir haben sie dem Weibchen gestellt. (Das Männchen war gerade ausgeflogen.) Das Gespräch ist frei erfunden. Die Eulen sind es nicht.
N.N.
Star der Stunde
Vermutlich von Long Island nach Manhattan eingeflogen – über ihr früheres Leben möchte die Schleiereule sich nicht näher äussern. Name der Redaktion unbekannt.
SRF: Schweineteures Pflaster, Beton am Laufmeter, ständig dieser Stossverkehr: Mir ist etwas, pardon, schleierhaft, warum es eine Schleiereule ausgerechnet nach New York zieht.
Schleiereule: Ich bin nun mal eine Nachteule und wollte schon immer in der Stadt leben. Je mehr Moloch, desto magischer! Das müssten Sie als Mensch eigentlich verstehen.
Der Trump-Tower stand nie zur Diskussion.
Wie findet die Nachteule denn tagsüber ihre Ruhe, wenn sie ihren wohlverdienten Schönheitsschlaf braucht?
Ohropax! Man sagt immer, Odysseus habe sie erfunden. Wir sehen das ein wenig anders. Aber hey, ein gewisser Homer hat in dieser Sache offenbar das letzte Wort.
Wie schwer war es eigentlich, eine Bleibe zu finden? Bezahlbare Wohnungen sind in New York an einem Fang abzuzählen.
Oh, Sie kennen das Fachwort für Eulenfüsse! (lacht) Erst ein bisschen Google Street View, dann ein paar nächtliche Erkundungsflüge, das war's auch schon. Dieser wunderbare Wasserturm hier steht schon länger leer. Der Trump-Tower stand nie zur Diskussion.
New York ist auch kulinarisch ein Schmelztiegel. Was kommt bei Ihnen «auf den Tisch», wenn ich so sagen und fragen darf?
Was sich halt so ergibt. Wobei ich finde, dass die Mäuse in Manhattan zu wenig Gluten abbekommen.
Ich will nicht zu viel verraten. Sonst muss ich noch zu Oprah Winfrey.
Wie kommen Sie mit dem ganzen Medienrummel klar, den Sie ausgelöst haben, seit man Sie erspäht hat?
Noch geht's, und es wird weniger werden. So viel ist klar: Die Kinder sollen nicht vor den Augen der Öffentlichkeit aufwachsen müssen. Aber wir haben jetzt die 15 Minuten Ruhm, die laut Andy Warhol jeder und jede haben kann. Wir werden sie zu nutzen wissen.
Da kann ich nicht nicht nachfassen: Ist schon etwas spruchreif?
Ich werde unsere Abenteuer vermutlich in Buchform verarbeiten. Schreiben – das war für mich schon immer der letzte Schrei, seit ich «Biene Maja» gelesen habe. Natürlich denkt man heimlich daran, die Filmrechte zu verkaufen. Hollywood und so weiter.
Als Schleiereule haben Sie einen etwas anderen Blick auf die Welt. Was wissen Sie über die Menschen, was wir selbst nicht wissen?
Dass sie ständig nach dem Sinn des Lebens suchen und ihn auf diese Weise erst recht nicht finden. Ich will nicht zu viel verraten. Sonst muss ich noch zu Oprah Winfrey.
Sie sind nicht der erste tierische Star dieser Riesenstadt. Vor Ihnen wurden eine Ente und ein Truthahn zum Hingucker. Uhu «Flaco», der aus dem Zoo ausbüxte, brachte es sogar zum Social-Media-Star. Was machen Sie, damit Sie keine Eintagsfliege bleiben?
Nächste Frage!
Das Gespräch führte Stefan Gubser. Fragen und Antworten wurden per Brieftaube übermittelt.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.