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Wednesday, September 23, 2026

Ausgediente Windanlagen: Auf Rotorblättern surfen

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Viele ältere Windräder werden in den nächsten Jahren abgebaut. Den Schrott illegal im Ausland zu entsorgen, ist keine Lösung. Es gibt bessere Ideen.

Der vor dem Landgericht Weiden in der Oberpfalz verhandelte Fall ist ein Extrem: Geschredderte Rotorblätter von Windkraftanlagen wurden mit anderem, aus Deutschland stammendem, schadstoffbelasteten Müll über die Grenze nach Tschechien geschmuggelt. Dort kippten ihn die Täter in der Ortschaft Jiříkov ab. Die Spur führte zu einem bayerischen Recyclingunternehmer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 700 Tonnen Schrott – vor allem ausgediente Windrädern und E-Auto-Batterien – illegal auf diese Weise entsorgt zu haben. Der nächste Verhandlungstermin findet an diesem Donnerstag statt.

Vor der Frage, was mit Windrädern geschehen soll, die kaputtgehen oder gegen neuere leistungsfähigere Anlagen ausgetauscht werden, stehen auch andere Unternehmen. Viele jetzt zum ersten Mal.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat in den 1990er-Jahren begonnen. Die Flügel einer Windkraftanlage halten nach gut 20 bis 30 Jahren aber dem Wind nicht mehr zuverlässig stand, das Material ermüdet. Laut der Fachagentur Wind und Sonne sind heute von den bundesweit gut 29.200 Windenergieanlagen auf dem Festland schon ein Drittel älter als 20 Jahre. Die Anlagen auf hoher See kommen noch dazu. So werden zahlreiche Windräder in den nächsten Jahren ausrangiert werden müssen.

Sie werden vom Netz getrennt, dann demontiert. Die Betreiber brauchen wie für den Neubau auch für den Abriss eine Genehmigung. Sie müssen die Baustelle anmelden und Regeln aus Baugesetzbuch und Kreislaufwirtschaftsgesetz beachten.

Zu 90 Prozent recycelbar

Das Recycling beginnt oft schon vor Ort. Der Beton aus Turm und Fundament wird zerkleinert und beispielsweise beim Bau von Straßen verwendet. Der Stahl aus dem Stahlbeton wird aussortiert und als Schrott verwertet. Metalle wie Kupfer aus den Stromkabeln sind auch gefragt. Somit lassen sich laut Umweltbundesamt gut 90 Prozent der Materialien gut recyceln.

Anders ist das beim Rest. Besonders kompliziert ist es bislang noch mit den abmontierten und zersägten Rotorblättern. Das Problem: Die Windflügel müssen leicht, biegsam-elastisch, aber strapazierfähig sein, weil sie Wind, Regen und UV-Strahlung ausgesetzt sind. Darum stecken in ihnen technisch komplexe Materialien: in Kunstharzen eingebettete Glas- oder Kohlenstofffasern. Auch Holz, Schaum, Metalle sind mit verarbeitet.

Das lässt sich alles kaum wieder voneinander trennen und macht das Recycling aufwendig und teuer. Lassen sich die Rotorblätter also einfach vergraben? Das wäre in Deutschland illegal, ihre Deponierung ist hierzulande seit 2005 verboten. Bisher werden sie meist zerkleinert und zum Beispiel in der Zementindustrie eingesetzt – als Brennstoff oder Sandersatz.

Wichtige Sekundärrohstoffe

„Das ist aber nur eine Brückentechnologie“, sagt Fabian Rechsteiner. Er forscht am Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik in Augsburg an neuen innovativen Lösungen. In Zeiten von Kriegen, politischen Spannungen, Exportzöllen sei das Recycling nicht nur aus Umweltgründen interessant, sagt er: „Recycling sichert Rohstoffe im rohstoffarmen Deutschland.“

So ein Rotorblatt sei ein „echtes Monstrum“, habe bei Anlagen auf dem Festland eine Länge von bis zu 80 Metern, auf hoher See sogar bis zu 120 Meter und wiege 10 bis 30 Tonnen. Aus dem Material lässt sich einiges machen.

Im niedersächsischen Diepholz kann man am Bahnhof seit diesem Frühjahr auf einer Bank aus recycelten Rotorblättern sitzen. Dahinter steckt ein Forschungsprojekt der örtlichen Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik (PHWT). Das Dresdener Unternehmen Wings for Living hat das Stadtmöbel hergestellt. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, Outdoor-Möbel aus alten Windradflügeln zu designen und zu fertigen.

Skier, Unterstände und Fassaden

Die Dresdner sind aber nicht die einzigen, die einem Rotorblatt ein zweites Leben geben. Das norwegische Start-up Evi baut in Zusammenarbeit mit einer Recyclingfirma Skier aus alten Windradflügeln des Vattenfall-Konzerns. Der spanische Konzern Acciona, der auch im Erneuerbaren-Energien-Geschäft tätig ist, hat aus ausgemusterten Anlagen Surfbretter formen lassen. Im dänischen Aalborg parken Radfahrer am Hafen in einem Unterstand aus ausgedienten Windradflügeln. Im schwedischen Lund fahren Autofahrer in ein Parkhaus mit einer daraus gebauten Fassade. Und im niederländischen Rotterdam klettern und rutschen Kinder auf einem Spielplatz auf Gerüsten und durch Röhren, die einst Rotorblätter waren.

Aber das werde nicht die Lösung für alle Rotorblätter sein, erklärt Recycling-Forscher Rechsteiner. Er und seine Kollegen haben jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Carbon- oder Glasfasern aus ausgedienten Rotorblättern zu einem hochwertigen Vliesstoff verarbeiten lassen. Ein Patent ist angemeldet. Geht alles gut, soll das Verfahren im großen Maßstab angewendet werden. Diese technischen Textilien können dann etwa Automobil-, Luftfahrt- oder Sportindustrie nutzen.

Gibt es eine Alternative? Rechsteiner sagt: „Würden Rotorblätter von Anfang an anders designt, also Materialien verwendet, die sich leichter recyceln ließen, würde es einfacher.“ Daran wird auch schon gearbeitet. In einem Windpark vor Helgoland drehen sich bereits seit 2023 solche neuartigen Rotorblätter. Siemens Gamesa hat sie dort erstmals installiert. Sie bestehen aus einem Kunstharz, das sich leichter wieder von den Glas- und Kohlenstofffasern lösen soll. Kriminelle Machenschaften verhindert das aber wohl trotzdem nicht.

Wie das Urteil gegen den Recyclinghändler aus der Oberpfalz ausfällt, das für Mitte oder Ende Oktober erwartet wird, ist offen. Den illegal abgelagerten Müll ließen die bayerischen Behörden mittlerweile zurückholen.

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