9 Mio. sind weg – und bei den SBB merkts keiner

Wie konnte das passieren?
9 Mio. sind weg – und bei den SBB merkts keiner
Neun Millionen sind weg – und aufgeflogen ist das nur, weil ein Ex-Kollege den SBB-Kadermann Ueli T. verpetzte. Wie kann es sein, dass so ein Monsterbetrag weg ist – und niemand bemerkt etwas? Und: Was passiert jetzt mit den Luxusartikeln?
Publiziert: vor 58 Minuten
- Ein Ex-SBB-Kadermann soll über 17 Jahre mit Scheinrechnungen rund neun Millionen abgezweigt haben
- Die SBB-Buchhaltung prüfte meist nur formale Angaben, aufgeflogen ist der Fall durch einen Tipp
- Vor Bundesstrafgericht drohen dem Betrüger bis 15 Jahre Haft, der beschlagnahmte Luxus soll versteigert werden
Qendresa LlugiqiReporterin News
Neun Millionen wie von Zauberhand einfach weg: Ueli T.* (54) hat seinen Arbeitgeber 17 Jahre lang bestohlen – über die Hälfte seiner Anstellungszeit bei den Schweizerischen Bundesbahnen. Dass der ehemalige Leiter der Beschaffungslogistik aufgeflogen ist, ist einem seiner Ex-Kollegen zu verdanken, der den SBB einen Tipp gab. Der Aargauer zeigte sich Anfang 2026 in einem Interview mit Blick geständig und reuig.
Ueli T.s Millionentrick sorgt für Kritik – wie Kommentare unter einem früheren Blick-Artikel zeigen. Manche Leser fühlen sich gar direkt betroffen: «Jetzt ist also klar, warum die Billette immer teurer wurden – weil niemandem aufgefallen ist, dass man da etwas kontrollieren sollte.» Auch fragt sich einer: «Gibt es denn bei den SBB kein Beschaffungscontrolling?»
Ueli T.s Masche unter anderem: Für Leistungen, die nie erbracht wurden, stellte er zusammen mit weiteren Personen und Firmen Rechnungen aus. Weil der Manager bei den SBB unterschriftsberechtigt war und auch hinter den Firmen steckte, liess er diese begleichen.
Die SBB-Buchhaltung überprüfte gemäss Anklage jeweils nur, ob Lieferant, Bestellnummer und Betrag übereinstimmten. Vertiefte Kontrollen fanden lediglich stichprobenartig statt.
Finanzieller Engpass?
André Kuhn, Fachanwalt für Strafrecht, erklärt auf Blick-Anfrage: «Unternehmen haben zwar Kontrollsysteme, um Betrug zu verhindern. Aber es ist schwierig, sich gegen die immer erfinderischen neuen Maschen betrügerischer Mitarbeiter zu wehren. Im vorliegenden Fall waren die Dokumente für die Buchhaltung korrekt, was die Betrugsverhinderung erschwerte.»
Als Grund für den Griff in die Kasse gab Ueli T. gegenüber Blick an: «Ich hatte einen finanziellen Engpass und deshalb solche Sachen gemacht.» Vertiefen wollte er dies nicht. Nur: Die Anklageschrift zeichnet ein ganz anderes Bild.
Villen, Waffen und Lambo
Mit dem Extrataschengeld der SBB gönnte sich Ueli T. über die Jahre Luxus pur: teure Ferien, schmackhaften Whiskey, hübsche Villen in den USA und in der Schweiz – Letztere samt Pool und eigener Waffenkammer. Ebenfalls spektakulär: seine Autosammlung. Das auffälligste Gefährt: ein Lamborghini Gallardo LP570-4 Blancpain – von dem es weltweit nur zwölf Stück gibt.
Jetzt muss sich Ueli T. für seine Taten verantworten. Ab Dienstag steht der ehemalige Kadermann vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Dieses ist für bestimmte Straftaten zuständig, die von besonderer Bedeutung für den Bund sind – darunter auch Fälle von Wirtschaftskriminalität und Geldwäscherei. Die Vorwürfe: schwere Geldwäscherei, gewerbsmässiger Betrug, mehrfache ungetreue Amtsführung sowie mehrfache Urkundenfälschung.
Neben Ueli T. sind auch seine Schwester und drei weitere Männer angeklagt. Mit ihnen gemeinsam soll Ueli T. gemäss Anklage ein Konstrukt gebaut haben, um die rund neun Millionen Franken ab 2007 bis zu seiner Verhaftung am 20. November 2024 abzuzwacken.
Hohe Haftstrafe
Laut Kuhn muss Ueli T. bei einer Verurteilung – trotz Geständnis und Reue – mit einer längeren Haftstrafe rechnen: «Denn allein schon gewerbsmässiger Betrug wird mit mindestens sechs Monaten bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft. Für alle Delikte zusammen muss der Beschuldigte hier aber mit bis zu 15 Jahren rechnen.»
Wovon Ueli T. jedoch profitiert: Betrug verjährt nach 15 Jahren. So dreht sich die Verhandlung statt der ursprünglich rund neun Millionen nur noch um fünf Millionen. Kuhn: «Die Behörden haben die Untersuchung sehr schnell vorangetrieben, dennoch greift vorliegend für viele Taten die Verjährung.» Heisst: Verzögert sich der Prozess – aus welchen Gründen auch immer –, könnten Millionen verbrennen.
Doch auch die SBB dürfen noch hoffen: Viele Luxusartikel, die sich Ueli T. mit der Beute erkauft hat, wurden beschlagnahmt. «Diese werden nach dem Urteil versteigert, und der Erlös kann auch zur Deckung des Schadens verwendet werden», erklärt Kuhn. «Für den Rest muss dann der Verurteilte nach der Entlassung aus dem Gefängnis geradestehen und seine Schulden wohl ein Leben lang abstottern.»
Kuhn ist sich sicher, dass auch die SBB durch den Vorfall dazugelernt haben: «Die Betrugssysteme werden laufend verfeinert. Die gleiche Täuschung dürfte also künftig nicht mehr klappen.»
Nur: Die SBB hatten in den vergangenen Jahren immer wieder mit Betrugsfällen zu kämpfen. So verurteilte das Bundesstrafgericht 2025 einen SBB-Baustellenleiter wegen Bestechung – er hatte Aufträge an einen befreundeten Architekten vergeben. Und das Zürcher Bezirksgericht verurteilte 2024 den Ex-Chef der SBB-Tochter Elvetino zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten. Auch er soll mit Kollegen illegal geschäftet haben.
Das mündliche Urteil wird am Donnerstag erwartet. Blick ist an der Verhandlung dabei und berichtet live.
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