«Wegen einer kaputten Toilette verloren wir zehn Jahre»

- Pablo (39) und Thaiana (41) lernen sich 2002 in Zürich kennen und verlieben sich, doch das Leben trennt sie immer wieder.
- 2014 verschwindet Pablo nach einer gemeinsamen Nacht in Brasilien, weil die Toilettenspülung kaputtging und er sich schämte.
- Nach zehn Jahren Funkstille liked Thaiana Fotos auf Facebook – so finden sie wieder zusammen.
- Heute ist das Paar verheiratet.
«Unsere Geschichte begann im Winter 2002 an einer brasilianischen Party in Zürich. Ich war damals noch ein Teenager und lebte seit vier Jahren in der Schweiz. Thaiana kannte ich nur als ältere Schwester einer Bekannten. Als sich unsere Blicke im Club trafen, sagte mein bester Freund: ‹Die ist zu schön für dich. Vergiss sie.› Es war wohl das einzige Mal, dass ich nicht auf ihn hörte.
Wir wurden Freunde. Thaiana steckte damals in einer schwierigen Beziehung. Oft liefen wir nachts stundenlang durch Zürich und redeten über ihre Probleme. Ich hörte ihr zu und war einfach froh, Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. Denn längst waren meine Gefühle für sie mehr als Freundschaft.
«Du hast mich wirklich gehalten»
Eines Sommerabends 2003 sassen wir am Letten. Thaiana war verzweifelt wegen ihrer Beziehung. Ich ging zum Wasser und forderte sie auf, zu mir zu kommen. «Ich kann nicht schwimmen», sagte sie.
Ich versprach ihr, sie festzuhalten. Sie sprang in die Limmat und liess sich von der Strömung in meine Arme treiben. Dann küsste ich sie. Doch statt eines Happy Ends folgten Jahre, in denen wir uns immer wieder verloren.
Eine Nacht veränderte alles
Vier Jahre später erfuhr ich, dass Thaiana gegen ihren Willen mit ihrer Familie nach Brasilien zurückkehrte. Ich blieb in Zürich, heiratete, wurde Vater eines Sohnes und liess mich später scheiden. Auch Thaiana baute sich in Brasilien ein eigenes Leben auf.
Wie würdest du auf eine alte Liebe reagieren, die sich nach Jahren wieder meldet?
2014 sahen wir uns beim Karneval in Brasilien wieder. Wir verbrachten einen wunderschönen Tag miteinander und küssten uns mitten auf der Strasse. Ich glaubte, endlich könnte aus uns etwas werden.
Doch in dieser Nacht passierte etwas unglaublich Peinliches. In unserer gemieteten Wohnung ging um drei Uhr morgens die Toilettenspülung kaputt. Ich schämte mich so sehr, dass ich meinen Cousin weckte und mit ihm heimlich verschwand. Ohne Abschied, ohne Erklärung.
Thaiana wachte alleine auf. Sie dachte, ich hätte nur eine Nacht mit ihr verbringen wollen und sei danach abgehauen. Sie war verletzt und wütend. Ich wiederum schämte mich zu sehr, um mich zu melden. So verloren wir weitere zehn Jahre. Wegen einer Toilette.
Drei Likes brachten uns wieder zusammen
Im Juli 2024 geschah dann etwas, womit ich nicht mehr gerechnet hatte. Thaiana likte drei meiner Facebook-Fotos. Ich weiss das noch so genau, weil ich jeden einzelnen Like gezählt habe.
Ich fragte ihre Schwester nach ihrer Telefonnummer und schrieb Thaiana nach zehn Jahren Funkstille: «Hallo Verschwundene, wie geht es dir?» Sie antwortete innerhalb weniger Minuten. Aus Nachrichten wurden Videoanrufe, aus Stunden ganze Nächte. Wir lachten, erzählten uns alles, was wir verpasst hatten, und plötzlich waren die alten Gefühle wieder da.
Schwieriger Neustart
Vier Wochen später kaufte Thaiana ein Flugticket nach Zürich. Als ich sie dann endlich wieder in die Arme schliessen konnte, wusste ich, dass ich sie nie mehr verlieren wollte.
Zwei Tage später fragte ich sie, ob sie meine Freundin sein wolle. Sie sagte Ja. Einfach war unser gemeinsamer Neustart trotzdem nicht. Thaiana war mit einem Touristenvisum eingereist. Damit sie dauerhaft in der Schweiz bleiben konnte, reisten wir nach Italien, um über ihren italienischen Vater die nötigen Dokumente zu organisieren.
«Ich will dich sowieso heiraten»
Inmitten des Behördenstresses sagte ich zu ihr: «Wenn es nicht klappt, haben wir einen Plan B. Ich will dich sowieso heiraten.» Doch Thaiana wollte nicht aus aufenthaltsrechtlichen Gründen heiraten. Sie wollte erst Ja sagen, wenn alles geregelt war und wir ausschliesslich aus Liebe heiraten konnten.
Also warteten wir. Diesen September war es endlich so weit: Wir heirateten. Heute leben wir gemeinsam mit unseren Katzen Bagheera und Luna in Zürich. Unser Alltag ist manchmal herrlich unspektakulär. Wir schauen Fussball, kochen zusammen und verbringen Zeit mit meinem Sohn.
Vor einiger Zeit gingen wir noch einmal an den Letten zurück. Dorthin, wo ich Thaiana als Teenager versprochen hatte, sie immer festzuhalten. Damals wusste ich nicht, wie oft wir uns noch verlieren würden. Heute weiss ich, dass Liebe manchmal Umwege macht, die niemand versteht.
«Ich lasse sie nie mehr los»
Wenn mich unsere Geschichte eines gelehrt hat, dann, dass man über alles reden sollte. Hätten wir damals über diese kaputte Toilette gesprochen, wären uns vielleicht zehn gemeinsame Jahre nicht entgangen.
Aber vielleicht mussten wir all das erleben, um heute dort zu stehen, wo wir sind. Zweiundzwanzig Jahre nach unserem ersten Blick sind wir endlich angekommen. Und diesmal lasse ich sie nicht mehr los.»
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Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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