«Ich muss alles machen!»: Was dieser Vorwurf wirklich bedeutet

Dein Partner oder deine Partnerin plant eure gemeinsamen Ferien von A bis Z durch, du lässt dich in den Ferien lieber spontan treiben. Am Ende kommt von ihm oder ihr der Vorwurf: «Ich muss immer alles alleine organisieren.» Therapeutin Bettina Disler kennt etliche solche Beispiele von Paaren, die sie in ihrer Zürcher Praxis um Hilfe bitten.
Die Gespräche haben sie inspiriert, den Ratgeber «Das Go & Flow Prinzip» zu schreiben. Laut Disler kann der Ratgeber einen Grossteil der Konflikte, die Paare führen, erklären und lösen. «Paare brauchen keine komplizierte Theorie. Go und Flow gibt ihnen eine gemeinsame Sprache, mit der sie über ihre Situation unmissverständlich reden können», erklärt sie im Interview.
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Der Kern der Theorie ist, dass jede Person sowohl im Go als auch im Flow sein kann. Je nach Situation kann der Pol wechseln. Im Beruf ist man vielleicht gerne im Go, in der Freizeit im Flow. In einer Beziehung können sich Personen sowohl am selben Pol als auch an unterschiedlichen Polen befinden. «Am häufigsten sehe ich, dass eine Person tendenziell die Go-Seite besetzt und die andere eher im Flow ist», meint Disler.
Was bedeutet Go? Was bedeutet Flow?
Wann wird es in der Beziehung problematisch?
Das fehlende Bewusstsein darüber, auf welcher Seite sich das Gegenüber gerade befindet, kann zu Reibereien führen. In der Kennenlernphase wünscht sich die Person im Go beispielsweise, dass schnell Klarheit über den Beziehungsstatus herrscht, während die andere sich sträubt, ein Label zu definieren. «Beide wollen einander. Aber der Weg dahin sieht komplett anders aus, und genau das erzeugt Spannung, die oft fälschlicherweise als ‹er oder sie will mich nicht› interpretiert wird», so die Paartherapeutin.
Disler erklärt, dass solche Kommunikationsfehler meist erst mit der Zeit eine problematische Dynamik annehmen und dazu führen, dass Paare bei ihr in der Praxis landen: «Sie hat ihn am Anfang genau dafür geliebt, dass er so locker und spontan ist. Er hat sie genau dafür bewundert, dass sie so zielbewusst ist. Drei Jahre später nennt sie es planlos und er nennt es perfektionistisch. Beide reden über denselben Menschen, den sie einmal genau dafür gewählt haben.»
Was erlebst du in deiner Beziehung oder im Alltag bei dir eher: die Go- oder die Flow-Seite?
«Sobald sich jemand in einer Position verschanzt, wird es kritisch»
Die Lösung ist laut Disler genauso einfach wie das Prinzip selbst. Es geht nicht darum, sich und seinen Charakter komplett zu verändern, um mehr wie sein Partner zu sein. Denn auch wenn beide im Flow oder im Go sind, kann es problematisch werden: «Irgendwann kippt die Ähnlichkeit, weil niemand mehr das Gegengewicht hält.» In ihrem Buch beschreibt Disler ein Paar, das verzweifelt ihre Praxis aufsuchte, weil beide so sehr im Flow waren, dass sie nur noch zu Hause auf der Couch lagen.
Stattdessen liegt der Schlüssel einer erfüllenden Partnerschaft darin, beweglich zu bleiben. «Sobald sich jemand in einer Position verschanzt und sagt ‹ich bin halt so›, wird es kritisch. Ein Paar, bei dem die planende Person auch mal loslassen kann und die unbekümmerte Person auch mal den Lead übernimmt, hat etwas Entscheidendes verstanden: Go und Flow ist keine Identität, sondern eine Position. Und Positionen kann man wechseln», erklärt Disler.
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So hilft die Go & Flow-Theorie aus der Krise
Der erste Schritt sei das Verständnis für das Gegenüber und dafür, dass keine Seite richtig oder falsch liegt. «Das allein verändert schon viel. Die Felder bewusst zu wechseln und damit eingefahrene Muster zu durchbrechen, das ist dann die eigentliche Herausforderung und fällt vielen Paaren nicht leicht», so Disler.
Der Therapeutin war es ein Anliegen, keine steife Theorie zu definieren, sondern möglichst alltagsnah zu bleiben. Deshalb kommt ihr Ratgeber beispielsweise auch mit Übungen für Paare zum Selberausfüllen.
Die Theorie hatte in ihrem Praxisalltag längst einen festen Platz, noch bevor sie sie auf Papier brachte: «Wenn ich das Prinzip meinen Klientinnen und Klienten erkläre, schauen sie sich meistens an, schmunzeln und sagen: ‹Genau so ist es bei uns.› Zwei Menschen, die sich fünf Minuten vorher noch gegenseitig für das Problem gehalten haben, fühlen sich plötzlich beide gesehen.»
«Das GO & FLOW Prinzip: Wie aus zwei Wahrheiten eine Lovestory werden kann» von Bettina Disler ist in diversen Buchhandlungen und online erhältlich.
Vor welchen Problemen stehst du in deiner jetzigen oder einer früheren Beziehung? Erzähle uns davon.
Leonie Projer (pro), Jahrgang 1997, ist stellvertretende Leiterin im Ressort People und arbeitet seit Oktober 2022 bei 20 Minuten. Ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelte sie bei Tele M1 und «ArgoviaToday».
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