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Friday, September 11, 2026

Tierische Trauer – Wie Tiere den Tod verstehen

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Wir bestatten unsere Toten, komponieren Requien, errichten Friedhöfe und wissen, dass auch uns selbst einmal das endgültige Ende bevorsteht. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sah gerade darin ein Wesensmerkmal des Menschen: Nur wir seien ein «Sein zum Tode». Tiere hingegen, so die gängige Vorstellung, verenden bloss.

Susana Monsó widerspricht. Die spanische Philosophin erforscht, was Tiere über Tod und Sterblichkeit wissen. Ihre These: Ein Verständnis vom Tod ist im Tierreich viel verbreiteter, als wir lange annahmen.

Nicht jedes Tier ist gleich

Allerdings nicht unter Ameisen: Stirbt eine Ameise im Nest, tragen andere sie hinaus. Was aussieht wie eine Beerdigung, wird lediglich durch chemische Reize ausgelöst. Die Insekten reagieren auf die Ölsäure, die bei der Zersetzung entsteht. Das heisst: Bestreicht man eine lebende Ameise, ein Blatt oder einen Stein mit diesem Geruch, wird auch dieses Tier oder Objekt rausbefördert.

Nahaufnahme von mehreren Ameisen auf Holzspänen.
Legende: Bei so vielen Ameisen in einer Kolonie, fällt der Tod einer einzelnen überhaupt auf? Imago/imagebroker

Anders sieht es bei manchen langlebigen und sehr sozial lebenden Tieren aus. Elefanten etwa verweilen bei den Überresten verstorbener Artgenossen, untersuchen mit ihrem Rüssel die Knochen und beschäftigen sich auffällig intensiv mit den Stosszähnen des Verstorbenen. Ein Verhalten, das sie gegenüber anderen Tierarten nicht zeigen.

Besonders eindrücklich sind auch Mütter, die tote Junge weitertragen. Immer wieder werden Orcamütter beobachtet, wie sie ihr verstorbenes Kalb mit sich tragen. 2018 etwa balancierte Tahlequah ihr kurz nach der Geburt verstorbenes Kind 17 Tage lang auf der Schnauze. Dabei schwamm sie über 1000 Kilometer durchs Meer.

Trauer heisst nicht gleich Verstehen

Bei Primaten gibt es vergleichbare Fälle: Eine Schimpansenmutter im Zoo von Valencia trug den Körper ihres Babys sogar sieben Monate bei sich – bis er sich selbst zersetzte und in Stücke zerfiel.

Ein Beweis dafür, dass Wale und Elefanten trauern? Nein, meint Philosophin Monsó. Aber es deute darauf hin, dass der tote Körper für sie mehr ist als ein beliebiger Gegenstand. Doch Trauer und Todesverständnis sind nicht dasselbe.

Man kann jemanden vermissen, ohne zu wissen, dass dieser Mensch oder dieses Tier gestorben ist. Auch ein Haustier kann trauern, wenn sein Gefährte plötzlich verschwindet, ohne den Tod als Ursache zu begreifen.

Die methodische Schwierigkeit: Da wir nie wissen werden, wie es ist, dieses oder jenes Tier zu sein, und wir sie nicht nach ihren Gefühlen befragen können, sollten wir uns hüten, ihnen vorschnell unsere Begriffe überzustülpen.

Aber: Wenn Schimpansen einem toten Artgenossen mit einem Zweig die Zähne reinigen oder Vögel sich laut um einen Kadaver versammeln, liegt es doch nahe, von Ritualen oder Trauerfeiern zu sprechen? Monsó warnt vor der Versuchung, das Menschliche im Tier zu suchen. Vielleicht warnen die Vögel auch bloss vor einer Gefahr am Fundort. Um Tiere ernst zu nehmen, dürfe man sie nicht vermenschlichen, sondern müsse ihre eigenen Ausdrucksweisen ernstnehmen.

Drei Bedingungen für ein Verständnis vom Tod

Wie wissen wir dann, ob ein Tier einen Begriff vom Tod hat? Für die Philosophin Susana Monsó genügt eine schlichte Einsicht: Ein lebender Körper tut bestimmte Dinge – er bewegt sich, reagiert, erzeugt Laute, ist warm. Nach dem Tod hört das dauerhaft auf.

Wer versteht, dass dieser Körper die für Lebewesen typischen Funktionen verloren hat – und sie nicht wiederkehren werden –, besitzt einen minimalen Begriff vom Tod. Dazu braucht es keine Idee von Ewigkeit, keine abstrakte Theorie der Zeit und auch kein Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.

Damit ein Tier zu diesem Verständnis gelangen kann, müssen laut Monsó drei Dinge zusammenkommen: Kognition, um die dauerhafte Nicht-Funktionalität zu erfassen; Erfahrung mit sterbenden und toten Tieren; und Emotion, die seine Aufmerksamkeit auf den Körper lenkt.

Ein kurioser Fall ist das Opossum. Bei Gefahr fällt es in eine totenähnliche Starre, die Zunge wird blau und es verbreitet einen Verwesungsgeruch. Das Tier weiss mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht, dass es sich totstellt. Aber damit die Täuschung funktioniert, müssen immerhin die Fressfeinde verstehen, was ein Kadaver ist. Und dazu sind Raubtiere offenkundig fähig.

Wissen um die eigene Sterblichkeit

Und wie steht es um das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit? Hier ist Monsó vorsichtig. Schimpansen oder Elefanten könnten aus Beobachtungen lernen, dass ein Sturz, ein Leopard oder eine Krankheit tödlich sein können – und daraus ableiten, dass ihnen Ähnliches widerfahren könnte. Doch die menschliche Gewissheit, dass der eigene Tod unausweichlich ist, wann und wie auch immer er kommt, sei wahrscheinlich etwas Einzigartiges unserer Spezies.

Das ist allerdings kein Grund für Überheblichkeit. Menschen verstehen den Tod vielleicht am komplexesten – aber sie gehen auch besonders schlecht damit um: Wir verdrängen ihn, lagern Sterben und Schlachten aus dem Alltag aus und behandeln Trauer als private Angelegenheit. Monsó selbst fand in ihrer Forschung einen Trost: Wer akzeptiere, ein Tier unter Tieren zu sein, könne sich womöglich auch mit dem eigenen Ende eher versöhnen.

Und das hat auch praktische Folgen. Wenn Tiere Beziehungen verlieren und in unterschiedlicher Weise trauern, sollten Zoos und Halterinnen und Halter ihnen nicht vorschnell die Möglichkeit nehmen, Abschied zu nehmen. Das Wissen um den Tod macht Tiere nicht zu Menschen. Aber es verpflichtet uns Menschen, sie nicht länger als gefühllose Automaten zu behandeln.

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