Fahren im Alter – Mehr Verkehr, mehr alte Menschen im Auto, mehr Unfälle?

In Einsiedeln ist ein Auto in eine Gartenwirtschaft gefahren. Am Steuer sass eine 91-Jährige, die mutmasslich Gas- und Bremspedal verwechselt hatte. Aufgrund des Unfalls mussten vier Gäste ins Spital gebracht werden. Geschehen Anfang Oktober 2026.
Die Menschen werden immer älter, der Anteil der über 65‑Jährigen an der Bevölkerung steigt in den nächsten Jahren stark an. Das heisst: Immer mehr ältere Menschen fahren immer länger in ihren Autos auf den Strassen. Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Verkehr waren im Jahr 2024 in der Schweiz 517'754 Fahrerinnen und Fahrer im Alter von 75 Jahren und älter registriert. Und die Zahl der Menschen über 65 mit Führerausweis nimmt weiter zu, insbesondere bei den Frauen.
Seit 1984 erstellt das Bundesamt für Statistik Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz, zuletzt im April 2025.
Gemäss Referenzszenario steigt die Zahl der Personen ab 65 Jahren von 2023 bis 2055 von 1.7 auf 2.7 Millionen an. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung steigt zwischen 2023 und 2055 von 19.3 Prozent auf 25.5 Prozent.
Die Gesamtbevölkerung der Schweiz altert rasch. Entfielen Ende 2023 noch 32.9 Personen im Rentenalter auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter, sind es Ende 2055 gemäss dem Referenzszenario 44.9 Personen.
Zwar verursachen in absoluten Zahlen die 25- bis 64‑Jährigen deutlich mehr Unfälle mit Personenschaden als Personen über 65. Aber: Sie fahren auch viel mehr Kilometer. Das zeigen die Zahlen des BAV. Bezogen auf die gefahrenen Kilometer, verursachen insbesondere Lenkerinnen und Lenker über 80 am häufigsten Unfälle.
Werden die Strassen wegen der Demografie unsicherer?
Sarina Keusch vom Bundesamt für Strassen (Astra) zufolge lasse sich aus der zunehmenden Zahl älterer Menschen nicht automatisch auf eine entsprechende Zunahme der Unfälle schliessen. «Für die Verkehrssicherheit ist nicht allein das Alter entscheidend, sondern insbesondere die individuelle Fahrkompetenz und der Gesundheitszustand.»
Zurzeit müssen knapp 260'000 Menschen jedes Jahr routinemässig und obligatorisch auf ihre Fahrtauglichkeit überprüft werden. Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung dürfte diese Zahl bis 2030 auf bis zu 350'000 Personen ansteigen, schätzt Professorin Isabel Margot-Cattin, eine der Autorinnen der Studie zur Überwachung der Fahrkompetenz in der Schweiz, der HETSL und ZHAW.
Zuständig für die Fahrtauglichkeitsprüfungen sind die Kantone. «Die erwartete Zunahme der Zahl der Personen, deren Fahreignung beurteilt werden muss, stellt das System tatsächlich vor eine grosse Herausforderung», so Isabel Margot-Cattin. Deshalb brauche es eine nationale Strategie zur Beurteilung der Fahreignung.
Für ältere Menschen könnte das einen Mehraufwand bei diesen Überprüfungen bedeuten. «Viele Menschen sind bereit, mehr Aufwand auf sich zu nehmen, um ihren Führerausweis zu behalten», ist sich Professorin Margot-Cattin sicher.
Für viele ältere Menschen bedeute der Führerausweis nicht einfach nur das Recht, Auto zu fahren. Er sei eng mit Freiheit, Autonomie und der Möglichkeit verbunden, weiterhin, die für sie wichtigen Orte aufzusuchen und dort ihren alltäglichen Aktivitäten und Betätigungen nachzugehen.
Trotz wachsender Zahl älterer Fahrerinnen und Fahrer sei es möglich, die Verkehrssicherheit auf einem ähnlichen Niveau wie heute zu halten, ist Professorin Isabel Margot-Cattin von der Fachhochschule Westschweiz (HETSL) überzeugt. Sie ist eine der Autorinnen einer Studie zur Beurteilung und Überwachung der Fahrkompetenz. «Voraussetzung dafür ist, dass die Verfahren zur Beurteilung der Fahreignung verbessert und auf nationaler Ebene harmonisiert werden.»
Technologie könnte positiv sein für Verkehrssicherheit
Zudem könnten Fortschritte bei Fahrerassistenzsystemen und beim automatisierten Fahren künftig dazu beitragen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, erklärt Sarina Keusch vom Astra. Dennoch gilt: Der normale Alterungsprozess kann die Fahrsicherheit beeinträchtigen. Macht die technologische Entwicklung der Autos das Nachlassen im Alter wett?
«Vollständig automatisierte Fahrtechnologien bieten potenziell sehr grosse Chancen, insbesondere für Menschen, die nicht mehr selbst fahren können», sagt Isabel Margot-Cattin. Und andere technische Lösungen könnten Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei helfen, länger und sicherer Auto zu fahren. «Eine Technologie kann jedoch nur wirksam sein, wenn die Person weiss, wie sie eingesetzt wird, versteht, was das System tut, und ihm genügend vertraut, um es nicht systematisch auszuschalten», ergänzt sie.
Ältere Menschen müssen somit den Umgang mit neuer Technologie lernen und in ihren Fahralltag integrieren. Doch es sei auch so, sagt Isabel Margot-Cattin, dass «solche Systeme selbst zusätzliche Anforderungen erzeugen und in bestimmten Situationen die Komplexität des Fahrens erhöhen».
Die Fähigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen, wird im Strassenverkehrsgesetz (SVG) nicht direkt definiert. Sie wird vielmehr indirekt aus der Perspektive der Fahrunfähigkeit betrachtet (Art. 31 Abs. 2 und Art. 55 SVG). Dabei geht es um den momentanen Zustand der fahrenden Person. Ist sie fahrunfähig, zum Beispiel unter dem Einfluss von Alkohol, Medikamenten, oder ist sie durch extreme Müdigkeit beeinträchtigt.
Die Kompetenz ein Fahrzeug zu führen, ist hingegen im SVG wie folgt definiert: Kenntnis der Verkehrsregeln und die Fähigkeit, Fahrzeuge der entsprechenden Führerausweiskategorie sicher zu führen. Dabei handelt es sich um technische, praktische und theoretische Kompetenzen, die durch Ausbildung erworben und durch Prüfungen nachgewiesen werden müssen.
In Bezug auf das Alter kennt das Gesetz keine expliziten Bestimmungen. Grundsätzlich gilt: Der Führer muss das Fahrzeug ständig so beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Die fahrende Person darf kein Fahrzeug führen, «wenn sie nicht über die erforderliche körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt».
Isabel Margot-Cattin erhofft sich, dass in Politik und Gesellschaft eine Debatte über die Zukunft des Fahrens, der Mobilität und des Alterns in der Schweiz angestossen wird. «Wie wird Mobilität aussehen, wenn wir nicht mehr selbst fahren müssen oder können, und wie wollen wir diesen Übergang gesellschaftlich gestalten?»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.