«Ausbremsen wäre absurd: E-Autos sollen weiter 120 fahren dürfen»

- GLP-Chef Jürg Grossen fordert, dass E-Autos bei einem Tempo-80-Regime auf Autobahnen weiter 120 fahren dürfen.
- Der Bund will bei Benzin- und Dieselengpässen das Tempo flächendeckend auf 80 km/h senken.
- Bei knappem Strom sollen laut Grossen auch E-Autos nur noch 80 fahren.
- Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung äussert sich nicht zu einer möglichen Ausnahme.
Seit Monaten kennen die Preise an der Tankstelle praktisch nur eine Richtung: nach oben. Wegen des Irankriegs und der Trockenheit ist die Versorgung der Schweiz mit Treibstoff massiv zurückgegangen. Der Bund hat das Pflichtlager für Diesel teilweise freigegeben.
Sollte der Ölmangel anhalten, behält sich der Bund im Notfall vor, das Tempo auf der Autobahn flächendeckend auf 80 km/h zu senken. Das reduziere den Treibstoffverbrauch bei einem modernen Dieselfahrzeug von 6,2 Liter pro 100 Kilometer auf nur noch gerade 3,6 Liter. Dies rechnet EMPA-Forscher Christian Bach bei Nau.ch vor.
Freie Fahrt für E-Autos – solange genug Strom vorhanden ist
Doch seit Tagen sorgt eine Frage in den Kommentarspalten von 20 Minuten für hitzige Diskussionen: «Was ist mit E‑Autos? Schleichen diese den Dieslern und Benzinern hinterher?». Das fragt sich etwa User «Kaitiakitanga». Und «Der_Die_Das_ECHTE» verlangt: «E-Autos müssten von der Temporeduktion ausgeschlossen sein!»
Nun wird dieser Wunsch politisch aufgegriffen – und zwar vom obersten E-Autofahrer im Land, GLP-Chef Jürg Grossen, der auch den Verband «Swiss-e-Mobility» präsidiert. Er sagt: «E-Autos auszubremsen, weil Benzin und Diesel knapp werden, wäre absurd.»
Grossen verweist auf die Strommangellage 2022. Damals schlug der Bundesrat vor, E-Autos gleich ganz stillzulegen, um Strom zu sparen. Nur noch «zwingende Fahrten» wären erlaubt gewesen. Der Vorschlag wurde nach der Vernehmlassung aber gestrichen. Ein Fahrverbot für Verbrenner fordert Grossen explizit nicht, wie er betont.
Allerdings: Wenn neben dem Benzin auch der Strom knapp würde, wäre es für den Berner Oberländer selbstverständlich, dass auch die E-Autos nur noch mit 80 km/h über die Autobahn fahren dürften.
Positiver Effekt auf E-Auto-Umstieg?
In der Schweiz sind bisher alle Forderungen nach einer «Umstiegsprämie» für E-Autos gescheitert. Doch die «freie Fahrt für Stromer bei Ölmangel» könnte genau diesen Effekt haben – «und dies, ohne einen Steuerfranken zu investieren», so Jürg Grossen.
Wer beruflich beispielsweise im Aussendienst unterwegs ist, ist froh um jede Minute, die er beim Kunden und nicht im Auto verbringt. Eine einfache Rechnung ergibt: Eine Fahrt von 100 Kilometern bei 120 km/h dauert 50 Minuten. Bei 80 km/h ganze 75 Minuten.
Wie gross der Umsteigeeffekt von Verbrennern zu Stromern effektiv wäre, wagt kaum jemand zu beziffern, aber «grösser als Null» wäre er sicher, sagt GLP-Präsident Jürg Grossen.
80 die einen, 120 die anderen: Ein Problem für die Sicherheit?
Er hat keine Bedenken, dass sich die unterschiedlichen Höchstgeschwindigkeiten negativ auf die Sicherheit auswirken würden: «Schon heute fahren auch neben den Lastwagen einige auf der Autobahn deutlich langsamer als 120 Stundenkilometer», sagt Jürg Grossen und verweist auf die verschiedenen Spuren. Wenn der Verkehr stockt, würden eingebettet in den Verkehrsfluss auch die Stromer langsamer als 120 fahren: «Es bringt also nicht in jedem Fall etwas.»
Was würdest du bei drohendem Sprit- und Strommangel auf der Autobahn am sinnvollsten finden?
Auch zur Kontrolle hat sich Grossen schon Gedanken gemacht: Wer mit mehr als 80 Stundenkilometer im E-Auto unterwegs ist, würde zwar geblitzt, aber nicht gebüsst, weil der Fahrzeugtyp im System hinterlegt ist.
Ausnahme oder nicht? Bund lässt sich kaum in die Karten schauen
20 Minuten wollte vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung wissen, ob eine Ausnahme für E-Autos im Fall der Fälle infrage kommt. Ein Mediensprecher sagt, man habe diesen Herbst «verwaltungsinterne Konsultationen» durchgeführt, um die Krisenpläne aktuell zu halten. «Über Einzelheiten zu verwaltungsinternen Konsultationen wird grundsätzlich nicht informiert, bevor der Meinungsbildungsprozess abgeschlossen ist.»
Stefan Lanz (sla) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Er ist Bundeshausjournalist mit langjähriger Erfahrung.
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