Ausstellung von Sabine Hertig – Schere und Leim statt KI: Thun zeigt Collagen der Extraklasse

Sabine Hertig macht seit bald 20 Jahren Kunst aus zusammengeklebten Schnipseln. Mit der Schere bewaffnet macht sie sich über Kunstbücher und Magazine her. Schneidet hier, schnippelt da und verwendet das Ausgeschnittene für Collagen der Extraklasse: besonders gross, besonders spektakulär oder besonders beunruhigend.
Die Collage war schon immer eine Promenadenmischung der Kunstgeschichte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mischten Pablo Picasso, Juan Gris und Georges Braque mit Collagen die Kunstwelt auf.
Die Dadaistin Hannah Höch klebte ab 1919 höchst vergnügliche Zwitterwesen zusammen und John Heartfield arbeitete zur selben Zeit ebenfalls mit Schere und Leim an seinen politisch schlagkräftigen Fotomontagen.
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Bild 1 von 5. Ausflug in die Geschichte eines Mediums. Pablo Picasso: «Composition with a Sliced Pear» von 1913/1914: Gouache, Bleistift und Tapeten-Collage auf Karton. Bildquelle: IMAGO / Album.
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Bild 2 von 5. Juan Gris: «The Bottle of Anís del Mono» («La bouteille d'anis») von 1914: Öl und Graphit auf Leinwand – mit einem Etikettenfragment als Teil der Collage. Bildquelle: IMAGO / Album.
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Bild 3 von 5. Georges Braque: «Still Life» von 1914. Collage aus Kohle, Graphit, Ölfarbe und Aquarellfarbe auf verschiedenen Elementen aus handgeschöpftem und gewebtem Papier. Bildquelle: IMAGO / Album.
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Bild 4 von 5. Hannah Höch: «Das schöne Mädchen» («The Beautiful Girl») von 1920: Fotomontage auf Papier. Bildquelle: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive.
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Bild 5 von 5. John Heartfield & George Grosz: «Dadafox» von 1919: Collage aus Zeitungsausschnitte sowie satirischen Tuschezeichnungen von Grosz. Bildquelle: IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive.
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Sabine Hertig knüpft an diese Tradition an und entwickelt sie ins 21. Jahrhundert weiter. Die Künstlerin arrangiert die Schnipsel, die eigentlich nicht zusammengehören, zu etwas Neuem.
Betrachterinnen und Betrachter interpretieren die collagierten Teile als etwas Ganzes, es entsteht ein Raum, eine Wunderwelt oder ein neuer Körper. Wer einen Schritt näher herantritt, bemerkt allerdings, wie das Ganze wieder in Einzelteile zerfällt.
Etwas und nichts
«Dieser Kippmoment interessiert mich», sagt die Künstlerin. Denn der sorgt für den Kick – bei ihr selbst und den Betrachterinnen und Betrachtern. Das Kunstwerk «ist» etwas und ist es doch nicht, es pendelt zwischen den beiden Extremzuständen hin und her.
Eventuell ist es sogar beides: etwas und nichts. Das ist unheimlich und sorgt zuverlässig für metaphysisches Gruseln beim Betrachten von Sabine Hertigs Collagen.
Vieles in ihren Collagen sträubt sich gegen Sprache. Die Künstlerin erschafft Welten, für die es noch keine Worte gibt. Denn Worte fixieren und benennen Dinge, bei Sabine Hertig jedoch transformieren sich die Dinge stets in etwas anderes.
Sie klebt eine gerundete Strasse unter ein Stück marmoriertes Papier. Die Rundung lädt das marmorierte Muster mit Bedeutung auf, plötzlich kann man es räumlich lesen: Es wird zum Vorhang oder zum Wirbelsturm.
Manche ihrer Collagen sind riesengross und mehrere Meter lang. Die Arbeit, die in solche Werke fliesst, scheint völlig aus der Zeit gefallen. Erst recht, seit die KI mit einigen guten Prompts auf Knopfdruck Bildwelten nach Wunsch ausspucken kann.
Gerade andersherum arbeitet Sabine Hertig. Auf ihren Collagen ist der Schnitt immer zu sehen, hier soll nichts «möglichst echt» wirken. Dabei setzt sie gerne auf Situationen, in denen etwas präsentiert wird.
In den Collagen von Sabine Hertig trifft das analoge Bildwissen der Künstlerin auf die Erfahrungen, die wir alle mit virtuellen KI‑Bildern machen. Wieder so ein Bereich, vor dem Worte kapitulieren: grenzenlos, unendlich und alles ist möglich.
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Bild 1 von 1. «Exhibition view 2» – analoge Collage und Wasserzeichnung, Kohle auf Papier. (2024). Bildquelle: Sabine Hertig.
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Sabine Hertig bringt eine Spur dieser Unendlichkeit in ihre Kunst: Im Unterschied zu Collagen, die dem Erbe des frühen 20. Jahrhunderts verpflichtet sind und den collagierten Bildteil in die Mitte eines leeren Blattes kleben, sind Hertigs Collagen stets Ausschnitte einer rätselhaften Welt, die an den Rändern weitergeht.
Was dort alles passieren kann, kann sich ausmalen, wer den Mut und die Musse dafür aufbringt. Heisser Tipp für Bildforscherinnen und Hobby-Voyeure!
Ausstellungshinweis
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Die Ausstellung im Kunstmuseum Thun «Schnittstellen der Sicht. Hans Gerber und Sabine Hertig» ist noch bis am 29. November zu besichtigen.
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