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Wednesday, October 7, 2026

"Es wird immer schlimmer und schlimmer"

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Wie rettet man Verwundete, wenn Drohnen jede Bewegung gefährlich machen? Alexander Gertz berichtet, wie sich das Leben an der Front verändert hat.

06.10.2026 | 69:32 min

Eigentlich hatte Alexander Gertz internationale Beziehungen studiert und strebte eine Karriere in der Diplomatie an, doch als Russland die Ukraine angriff, war für ihn klar: Er muss helfen.

Nachdem er zunächst humanitäre Hilfe leistete, trat Gertz Ende 2023 als Sanitäter der ukrainischen Armee bei und bildet seitdem taktische Sanitäter (Sanitäter für die Erstversorgung im Gefecht, Anm. d. Red.) für den Frontalltag aus. In einem Buch erzählt Gertz von seinen Erfahrungen im Kriegsalltag.

Wie hat der Krieg ihn verändert? In der aktuellen Folge des auslandsjournal-Podcast "Der Trump-Effekt" sprechen die ZDF-Korrespondenten Katrin Eigendorf, Elmar Theveßen und Ulf Röller mit Alexander Gertz über seine Erfahrungen in der Ukraine und Lichtblicke im Kriegsalltag.

Katrin Eigendorf: Sie haben jetzt zwei Wochen frei bekommen von ihren Vorgesetzten. Nehmen Sie uns mit, aus was für einer Situation kommen Sie gerade?

Alexander Gertz: Meine Lebensqualität hat sich natürlich um 180 Grad gedreht. Ich bin plötzlich wieder im zivilen Alltag. Das letzte Jahr war meine Aufgabe in erster Linie die Ausbildung von Rekruten und davor war ich selbst als Sanitäter an der Front tätig.

Seit ich wieder in Deutschland bin, befinde ich mich in einem Land, von dem ich mich ziemlich entwöhnt habe, weil man sich im Kriegsgebiet sehr schnell an die Realität vor Ort anpasst.

Krieg macht auch vor Kindern nicht halt. Im Ukraine-Krieg wurden mindestens 3.900 Kinder getötet oder verletzt. In einem Workshop lernen nun schon Kinder, wie man Schusswunden richtig behandelt.

06.10.2026 | 2:13 min

Ulf Röller: Wenn Sie an den Alltag an der Front denken, wie sieht der aus?

Alexander Gertz: Den Frontalltag als solchen gibt es nicht. Der Alltag verändert sich mittlerweile täglich in nur eine Richtung: Es wird schlimmer und schlimmer. Zwischen dem Alltag an der Front im Jahr 2022 und heute liegen Welten.

Grundsätzlich hat meine Frontarbeit letztes Jahr aufgehört, weil ich als Sanitäter gemerkt habe, dass ich an der Front so gut wie gar nicht mehr operieren kann. Warum? Natürlich wegen der Drohnen. Ein zunehmendes Problem ist dabei die sogenannte "Killzone". Die kann man auch wirklich als eine solche sehen, das ist wie ein Fleischwolf.

Ich glaube, vielen sind die Dimensionen noch nicht klar, die das Thema Drohnen in Zukunft annehmen wird.

Alexander Gertz, Buchautor und Sanitäter in der ukrainischen Armee

Elmar Theveßen: Was passiert in dieser "Killzone"?

Alexander Gertz: In der Killzone ist besonders eins schwierig: die Logistik. Wenn es darum geht, die Infanterie in Position zu bringen, Verwundete zu evakuieren oder die Lebensmittelversorgung herzustellen, ist das in dieser Zone mit Fahrzeugen kaum mehr möglich.

Wenn man früher noch ein, zwei Wochen auf Position war, kann es mittlerweile mehrere Monate dauern, weil man nicht mehr aus der Position rauskommt.

Alexander Gertz, Buchautor und Sanitäter in der ukrainischen Armee

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Ulf Röller: Was bedeutet es denn, "auf Position" zu sein? Wie kann man sich das vorstellen?

Alexander Gertz: Mit Positionen meine ich Stellungen, die unsere Einheiten halten. Die befinden sich mittlerweile meistens unter der Erde. Zu Beginn des Krieges, 2022 oder 2023, war es noch anders, da der größte Risikofaktor Artillerie war. Eine Drohne hingegen fliegt genau dahin, wo sie hinfliegen muss, nämlich in Dich rein. Deswegen ist die Antwort jetzt eigentlich nur, unter die Erde zu gehen und sich einzugraben.

Elmar Theveßen: Was macht das mit den Menschen, wenn sie ständig in dieser Gefahr sind?

Alexander Gertz: Viele werden dadurch zunehmend paranoid. Durch die Kombination aus hochmodernen Technologien und Stellungskrieg entsteht ein psychologischer Druck, der noch nie zuvor da war.

Es gibt Zeiten, da summt es ununterbrochen, 24/7. Wenn die Jungs von der Position zurückkommen, sagen sie: 'Ich höre das Summen immer noch'.

Alexander Gertz, Buchautor und Sanitäter in der ukrainischen Armee

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Elmar Theveßen: Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sehen, dass die Menschen in Deutschland mit Blick auf die Ukraine zunehmend gleichgültig werden?

Alexander Gertz: Ich finde das extrem traurig. Vor allem, weil ich weiß, dass es einen direkten Einfluss auf unsere Arbeit haben wird und auch hat. Mir ist klar, dass Menschen, solange sie nicht unmittelbar von einem Ereignis betroffen sind, sich selten dafür interessieren. So ist es im Fall des Krieges natürlich auch.

Ulf Röller: An Ihrem Buch fasziniert mich einerseits die wahnsinnige Brutalität, die Krieg bedeutet, aber andererseits auch die tiefe Menschlichkeit, die Sie schildern. Haben Sie das auch so empfunden?

Militäranalyse zum Ukraine-Krieg

:Beschuss trotz Kanzlerbesuch und Energieanlagen im Visier

Notabschaltungen in Kiew, gesperrte Brücken, ein getroffenes Handelsschiff: Nach schweren russischen Angriffen gerät die ukrainische Versorgung unter Druck. Mittendrin: Kanzler Merz.

von Christian Mölling

Russian drone strikes a Kyiv bridge

Analyse

Alexander Gertz: Absolut. Krieg ist das Dunkelste, das der Mensch erschaffen hat. Die kollektive Gewaltanwendung von Menschen gegen Menschen. Ich habe noch nichts Schlimmeres gesehen auf dieser Welt.

Trotzdem gibt es auch in dieser Dunkelheit manchmal extreme Lichtblicke. In unmenschlichen Zeiten schafft es der Mensch manchmal, am menschlichsten zu sein, so menschlich, wie man es in anderen Kontexten niemals erwarten würde.

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