Gefährliche Online-Netzwerke – Wie Täter Kinder manipulieren und was Eltern tun können

Was ist passiert? Kinder und Jugendliche geraten im Internet ins Visier von Online-Netzwerken, die sie manipulieren und zu Selbstverletzungen oder Gewalthandlungen drängen. SRF hat zusammen mit dem «Tages-Anzeiger» die Lage in der Schweiz recherchiert.
Wie gehen die Täter vor? Die Täter suchen gezielt nach Kindern und Jugendlichen, die sich im Netz einsam, belastet oder verletzlich zeigen, mit einer Essstörung oder Lebenskrise zum Beispiel. «Sie suchen die vulnerablen Kinder», sagt Regula Bernhard Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz. «Vielleicht auch Kinder, die wenig Aufmerksamkeit von ihrem Umfeld kriegen.» Die Täter bauten Vertrauen auf, täuschten Freundschaft oder Liebesbeziehungen vor. Erst wenn eine emotionale Abhängigkeit entstanden sei, verlangten sie Selbstverletzungen oder andere Gewalthandlungen.
Bisher 20 Fälle in der Schweiz bekannt
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Laut Bundesamt für Polizei Fedpol haben Ermittlungen in der Schweiz 20 Fälle ans Licht gebracht.
Ermittelt wird demnach wegen verschiedener Tatbestände: Nötigung, Verleumdung, Beihilfe zu Suizid, schwerer Körperverletzung, Verbreitung illegaler Pornografie, sexueller Handlungen mit Kindern.
Welche Kantone betroffen sind, teilt das Fedpol nicht mit. Auf Anfrage von SRF bestätigen mehrere Kantone Verfahren: Basel-Landschaft bearbeitet Fälle mit Bezug zum Netzwerk 764, wie die Polizei schreibt.
Im Kanton Zürich erklärt die Oberjugendanwaltschaft, man kenne Opfer, die zu Selbstverletzungen wie dem Einritzen von User- oder Gruppennamen genötigt worden seien, zum Erstellen von pornografischen Bildern von sich oder auch zum Suizid aufgefordert worden seien.
Die genaue Anzahl der Betroffenen kommuniziert die Oberjugendanwaltschaft nicht. Es handele sich mehrheitlich um weibliche minderjährige Opfer. Die Ermittlung der Täterschaft erfolgt in Zusammenarbeit mit Behörden im In- und Ausland.
Die Taten seien unter anderem dank aufmerksamer Menschen im persönlichen Umfeld der Opfer zur Anzeige gebracht worden, so die Oberjugendanwaltschaft. Bekannte hätten die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet, woraufhin strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet wurden. Die Opfer werden psychologisch betreut.
Welche Warnsignale gibt es? Eltern sollten aufmerksam werden, wenn sich Kinder plötzlich zurückziehen, gestresst wirken oder neue Plattformen und Messengerdienste nutzen, ohne darüber zu sprechen. Einzelne Hinweise seien aber nicht automatisch ein Beweis für eine Gefährdung, sagt Bernhard Hug.
Was können Eltern tun? Entscheidend sei eine gute Beziehung zum Kind: «Der beste Schutz ist grundsätzlich eigentlich eine gute Beziehung zum Kind», so die Kinderschutz-Direktorin. Kinder müssten bereits mit dem ersten Smartphone oder Social-Media-Konto auch über die Schattenseiten des Netzes informiert werden. Treten Probleme auf, seien offene Gespräche entscheidend. «Immer glauben, immer unterstützen, immer helfen», betont Bernhard Hug. Schuldzuweisungen seien fehl am Platz, vielmehr brauche es Verständnis und Unterstützung.
Wo man sich Hilfe holen kann
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Das Bundesamt für Polizei weist darauf hin, dass sich Eltern bei Verdacht jederzeit via Notruf an die Polizei wenden könnten.
Zudem gibt es verschiedene Beratungsangebote:
Wann sollte man die Behörden einschalten? Bei einem ersten Verdacht können sich Eltern an Beratungsstellen wenden. Erhärtet sich der Verdacht oder liegen belastende Nachrichten vor, sollte Anzeige erstattet werden. «Dann unbedingt Anzeige erstatten und auch gleich sagen, dass es im Zusammenhang ist mit Online-Netzwerken», sagt Bernhard Hug. So könnten Ermittler nicht nur einzelne Täter, sondern ganze Netzwerke ins Visier nehmen.
Wie klar sind Opfer und Täter zu unterscheiden? In solchen Online-Netzwerken verschwimmen laut Fachleuten die Rollen. Betroffene würden unter Druck gesetzt, andere Kinder zu manipulieren oder selbst Gewalt auszuüben. «Oftmals werden die Opfer dann auch zu Tätern und die Täter zu Opfern», sagt Bernhard Hug. Dahinter stehe häufig eine Faszination für Macht, Kontrolle und Gewalt.
Weltweite Warnungen
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Mehrere europäische Länder sind diesen Sommer gegen die IT-Infrastruktur des nihilistischen Netzwerks «The Com» vorgegangen. Gemäss Europol, das die Aktion koordiniert hat, wurden über 4000 Websites identifiziert. Inhalte wie Selbstverletzung, Suizide, sexueller Kindesmissbrauch, Tierquälerei und gewalttätige Angriffe seien festgestellt worden.
«The Com» habe sich zu einer weltweiten Bedrohung entwickelt. Manche Untergruppen oder Mitglieder würden gezielt versuchen, die gesellschaftlichen Strukturen zu stören.
Die kanadischen Behörden führen «764» in der Liste von terroristischen Gruppen. Das FBI in den USA beschreibt «gewalttätigen nihilistischen Extremismus» als wachsende Bedrohung. Auch in den Niederlanden, Belgien oder Australien warnen Sicherheitsbehörden vor dem Phänomen.
Wie gut ist die Schweiz gewappnet? Der Schutz von Kindern im Netz sei aus Sicht von Kinderschutz Schweiz ungenügend. «Die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Netz konnte bislang von den Erwachsenen nicht gewährleistet werden», sagt Bernhard Hug. Sie fordert eine Regulierung von Plattformen und Messenger-Diensten. Sie müssten Schutzmechanismen für Minderjährige «by design» einbauen, also bereits bei der Entwicklung berücksichtigen.
Welche Gesetzesänderungen stehen an? Fortschritte sieht Bernhard Hug bei den Vorschlägen gegen Cyber-Grooming. Künftig soll sexuelle Kommunikation mit Kindern einfacher verfolgt werden können. Gleichzeitig fehle weiterhin eine umfassende gesetzliche Grundlage gegen digitale Gewalt. «Wir haben keinen grundsätzlichen Artikel, welcher Gewalt an Kindern online umfassend abbildet», sagt sie.
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