Pflanzen-Inventar – Das botanische Erbe unter der Lupe von Freiwilligen

«Das ist wie ein Sechser im Lotto», sagt Isabel Brogle über ihre Gefühle, als sie bei einem Spaziergang den Wasser-Ehrenpreis fand. Diese grüne Pflanze wird rund einen halben Meter gross; ihre weisslichen Blüten sind mit etwa einem halben Zentimeter Durchmesser unscheinbar. Mehr als 120 Jahre lang wurde die Art zuvor in der Region Basel nicht mehr nachgewiesen.
Das kann ja nicht sein, dass ich die finde – sie ist so selten.
«Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht geglaubt, dass es diese Pflanze ist. Das kann ja nicht sein, dass ich die finde – sie ist so selten, das ist gar nicht möglich.» beschreibt Brogle ihre erste Reaktion bei ihrem Fund im letzten Jahr. Doch Experten bestätigten die Art später.
Isabel Brogle ist eine von rund 130 Freiwilligen des Vereins «Flora beider Basel», die mit besonders offenen Augen durch die Landschaft streifen und ihre Beobachtungen danach festhalten. Botanische Vorkenntnisse sind unverzichtbar – Brogles Fachgebiet sind Wasserpflanzen. Sie ist seit dem Beginn dieses Projektes vor fünf Jahren dabei.
Online vernetztes Pflanzenwissen
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Die ehrenamtlichen Freiwilligen der «Flora beider Basel» geben jeden relevanten Fund sofort via Handy-App in der nationalen Wildpflanzendatenbank «Infoflora» ein. Diese enthält auch Informationen, ob eine Art selten und gefährdet ist.
Angestossen hatten das Projekt verschiedene Naturschutzorganisationen und die Universität Basel. Der Verein dahinter organisiert auch Exkursionen und andere Anlässe für ein breites Publikum.
Der Verein arbeitet mit 35'000 Franken pro Jahr. Die ersten fünf Jahre deckten dies Stiftungen, doch nun fliesst auch Geld von den Kantonen Basel-Stadt und Baselland.
So kann die Botanik- Kartierung sicher noch zwei Jahre weiterlaufen. Im Visier sind als nächstes Hinterhöfe in der Region.
Beim Spaziergang Anfang September in der Reinacher Heide schaut Brogle mit Freiwilligen-Kolleginnen und SRF bei einem Feld-Mannstreu vorbei. Diese stachelige Pflanze steht als «stark gefährdet» auf der Roten Liste der bedrohten Arten der Schweiz. «Wenn sie sich hier ausbreiten kann, dann kann sie sich vielleicht auch an einem anderen Ort etablieren», schätzt die Botanikerin Lucienne de Witte.
Die botanischen Streifzüge der Flora-Freiwilligen im Raum Basel sind sehr erfolgreich: 185'000 Beobachtungen stehen bisher insgesamt zu Buche, 10'000 davon betreffen Individuen bedrohter Arten. Kartiert wurden so rund 1870 Arten, also rund ein Drittel der gesamten Flora der Schweiz – ohne Algen und Moose ist es gar knapp die Hälfte.
Nur wenn wir wissen, was vorkommt, können wir es auch schützen.
Die Pflanzenkartierung sei wertvoll, sagt Ramon Müller, Geschäftsführer des Vereins: «Zweck dieses Projektes ist, eine Grundlage zu schaffen, was hier überhaupt vorkommt. Nur wenn wir wissen, was vorkommt, können wir es auch schützen.» Diese Basis sei sehr wichtig für Behörden, Naturschutz und Wissenschaft, um Schlüsse daraus zu ziehen. Die letzte umfassende Kartierung fand in den 1910er-Jahren statt.
Manche Pflanzenarten finden von allein den Weg ans Rheinknie, falls der Lebensraum passt. Weil in diesem Dürrejahr der Rhein sehr wenig Wasser führt, liegen teils schlammige flache Uferzonen frei, und dort fühlt sich der nickender Zweizahn wohl. 60 Jahre lang war er in der Region nicht mehr beobachtet worden - auch ihn melden die Freiwilligen umgehend online.
Basel sei der ideale Ort, um botanische Veränderungen zu dokumentieren, erklärt Müller. «Die Region Basel ist bekannt als Eintrittspforte für neue Arten. Hier können wir gleich live den ganzen Wandel mitverfolgen.»
Rund ein Drittel der einheimischen Pflanzenarten ist bedroht, wegen veränderter Nutzung des Landes und wegen des Klimawandels. Manche Pflanzen aus anderen Ländern kommen als blinde Passagiere mit Gütertransporten nach Basel und treffen ideale Bedingungen an, nicht zuletzt vergleichsweise hohen Temperaturen.
Ausreissen um zu schützen
Darunter sind auch unerwünschte Arten, sogenannte invasive Neophyten, die Einheimisches verdrängen. Dazu zählt das Einjährige Berufskraut, das einer Margerite gleicht. Den Freiwilligen macht es am Rheinbord keine Freude: «Ui je, das ist nicht gut!» Gleich melden sie den Fund – und reissen die Pflanze aus – zum Schutz des botanischen Erbes der Region.
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