Soziologin über Kindesmissbrauch: „Menschen mit Behinderung sind stärker betroffen“

Barbara Kavemann setzt sich für Menschen mit Behinderung ein, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Die Kampagne „Offen für deine Geschichte“ soll sensibilisieren und ermutigen.
Foto: Isai Hernandez/imago
Menschen mit Behinderungen sind überdurchschnittlich oft von sexuellem Missbrauch betroffen. Unter den Menschen, die bei der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs bisher Gehör fanden, bilden sie jedoch eine Minderheit. Das soll die Kampagne „Offen für deine Geschichte“ ändern. Barbara Kavemann ist Mitglied der Kommission und Anhörungsbeauftragte, bei der sich mittlerweile bereits 3.219 Menschen mit ihren Missbrauchsgeschichten gemeldet haben. Darunter sind 131 Menschen mit Behinderung.
taz: Frau Kavemann, gerade rufen Sie Menschen mit Behinderungen auf, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Warum diese Kampagne?
Barbara Kavemann: Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen mit Behinderung von allen Formen der Gewalt, also auch von sexuellem Missbrauch, stärker betroffen sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die Kommission konnte bisher aber nur wenige erreichen.
Bild: Christine Fenzl
Im Interview: Barbara Kavemann
ist Soziologin und forscht seit den 80er Jahren zu sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend. Neben ihrer Forschung ist sie vielfach ehrenamtlich aktiv, u. a. ist sie Mitglied und Anhörungsbeauftragte der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
taz: Woher rührt diese starke Gefährdung?
Kavemann: Informationen, die Kindern und Jugendlichen heute selbstverständlich zugänglich sind, erreichen Menschen mit Behinderungen häufig nicht. Wenn zum Beispiel kaum jemand Gebärdensprache beherrscht und taube Menschen nicht gut lesen können, wird etwa nicht gut vermittelt, wo Gewalt anfängt, was in Ordnung ist und was nicht. Und wenn Menschen nicht Bescheid wissen, haben Täter und Täterinnen es leichter.
taz: Bisher wird der sexuelle Missbrauch von Menschen mit Behinderungen nicht ausreichend thematisiert.
Kavemann: Das hat damit zu tun, wie Menschen mit Behinderung und Sexualität gesellschaftlich zusammengedacht werden. Da gibt es zwei Extreme: Einerseits wird von Menschen mit Lernschwierigkeiten – wir sprechen nicht von geistiger Behinderung – vermutet, dass sie sexuell furchtbar aufgeladen sind, weil manche sehr körperlich werden. Dann sei es ja kein Wunder, wenn das Verhalten missverstanden wird und es zu sexuellen Kontakten kommt. Auf der anderen Seite wird gedacht: Wer will denn was von denen, sowas wie Sexualität haben die doch gar nicht. Beides sind völlig verfehlte Annahmen, die Aufklärung und Schutz stark erschweren.
taz: Mit dieser Kampagne wollen Sie also nicht nur Betroffene ansprechen, sondern auch die breite Öffentlichkeit sensibilisieren?
Kavemann: Ja, wir brauchen Kenntnis. Das heißt auch ein gut fortgebildetes Personal in den Einrichtungen. Zwar gibt es dort oft Schutzkonzepte, aber das bringt nur was, wenn es Einfluss auf die alltägliche Arbeit hat: Worauf müssen wir achten, wie müssen wir mit gefährdeten Personen sprechen und im Kontakt sein? Dazu ein kollegial-kritischer Blick – was macht der Kollege da, warum hat der immer das Mädchen auf dem Schoß?
taz: Bei Menschen, die auf körperliche Pflege angewiesen sind, besteht also ein besonders hohes Risiko?
Kavemann: Ja, dass sich diese Menschen nicht wehren können, wird oft ausgenutzt. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen schlechter Pflege und sexuellen Übergriffen. Schlechte Pflege kann der Überlastung geschuldet sein, dass man ungeduldig ist, keine Zeit hat. Ein sexueller Übergriff ist aber immer eine geplante Tat, die im Geheimen geschieht. Einen hundertprozentigen Schutz kann es da nicht geben. Deswegen ist es ja auch so wichtig, Menschen mit Behinderungen aufzuklären, damit sie Missbrauch erkennen und benennen können.
taz: Und die Kampagne wird nur über Social Media geteilt?
Kavemann: Wir haben auch Printmaterial verteilt und bieten an, im Einzelfall vor Ort vorbeizukommen. Viele Einrichtungen zögern aber. Sie befürchten, dass durch die Thematisierung sexueller Gewalt psychologisch-psychiatrische Probleme aufploppen könnten, die das Personal nicht auffangen kann. Das ist aber in den seltensten Fällen so. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Fachberatungsstellen mit einzubeziehen. Das machen wir bei unseren Anhörungen auch immer.
Häufig verwenden Betroffene Formulierungen wie Ich will endlich die Wahrheit aussprechen, denn sie wurden in der Kindheit zum Schweigen verpflichtet
taz: Ist es nicht problematisch, Erinnerungen an Gewalterlebnisse zu wecken, vor allem wenn diese oft lange zurückliegen?
Kavemann: Häufig verwenden Betroffene Formulierungen wie „Ich will endlich die Wahrheit aussprechen“, denn sie wurden in der Kindheit zum Schweigen verpflichtet. Wenn weiter nicht darüber gesprochen wird, ist das erstens gesundheitsschädlich, zweitens kann nicht beraten und geholfen werden. Diese Erfahrungen belasten ja auch in der Gegenwart. Außerdem geht es um Anerkennung, also darum, dass gesagt wird: Das war Unrecht und nicht deine Schuld. Das zu hören, kann befreiend wirken und ist auch der Heilung zuträglich.
taz: Über die Anhörungen sollen zudem Strukturen aufgedeckt werden, die sexuellen Missbrauch erleichtern.
Kavemann: Ja, viele Betroffene sprechen, weil sie verhindern wollen, dass das anderen passiert. Bei vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten zieht sich sexuelle Belästigung zudem wie ein roter Faden durchs Leben. Vor allem bei Frauen, die in Einrichtungen leben, ist das oft immer noch Alltag. Um diese Gewaltverhältnisse beenden zu können, müssen sie klar benannt werden.
taz: Welche Hilfe können Menschen mit Behinderungen erwarten? Problematisch ist, dass viele Beratungsstellen nicht barrierefrei sind.
Kavemann: Das stimmt, auch gehörlose Menschen haben große Probleme, Beratung zu bekommen, so wie Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dabei ist es gar nicht schwer, zum Beispiel einfache Sprache zu lernen. Die haben wir uns auch angeeignet, um Anhörungen durchführen zu können. In der Beratungspraxis gibt es da inzwischen Fortschritte. Was fehlt, sind Therapien. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt es die kaum.
taz: Wie sieht es mit Strafverfolgung aus, wenn sich Betroffene wehren wollen?
Kavemann: Nur wenige entscheiden sich dafür, bei sexuellem Missbrauch stehen die Chancen generell schlecht. Vor Gericht gelten Menschen mit Lernschwierigkeiten zudem häufig als unglaubwürdig. Wir haben in Berlin aber eine anhörungsbeauftragte Person, die sich auf solche Fälle spezialisiert und schon manchen Erfolg errungen hat.
taz: Wie ist bis jetzt die Resonanz auf die Kampagne?
Kavemann: Gut. Schon jetzt haben uns 200 Anfragen erreicht. Das liegt bestimmt auch daran, dass der Entstehungsprozess der Videoclips von einer Gruppe von Expert*innen mit unterschiedlichen Behinderungen begleitet wurde. Das zeigt gut, wohin es gehen müsste. In vielen Werkstätten gibt es inzwischen Frauenbeauftragte aus der Community, die aufklären und wissen, wo es Hilfe gibt. Das müsste es in allen Einrichtungen geben.
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