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Tuesday, October 20, 2026

«Ihre Zukunft ist massiv bedroht»: Daher kommt die Wut der Jungen

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  • Junge Menschen protestieren weltweit gegen schlechte Lebens- und Lernbedingungen.
  • Die Gründe sind verschieden, es dominieren aber Wut und Frust über eine ungewisse Zukunft.
  • Laut Experten verstärken Tiktok, Instagram und X die Proteste, weil sich Videos rasant verbreiten.
  • Politikwissenschaftler Marco Giugni sieht einen Generationskonflikt, Soziologe Peter Rieker fehlende Anerkennung und Mitsprache.

In Frankreich blockieren Schülerinnen und Schüler Schulen und demonstrieren gegen fehlende Lehrpersonen, überfüllte Klassen und marode Gebäude. In Albanien gehen junge Menschen gegen Korruption und schlechte Studienbedingungen auf die Strasse. In Mailand eskalierte am Wochenende eine Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten, während in Belgien ebenfalls Schülerinnen und Schüler für bessere Lernbedingungen protestieren.

Die konkreten Gründe unterscheiden sich von Land zu Land. Gemeinsam ist den Protesten aber eines: Junge Menschen sind wütend – und tragen ihren Frust über die eigene Lebensrealität und eine ungewisse Zukunft auf die Strasse. Die Protestwelle der Generation Z reicht weit über Europa hinaus: Auch in Asien, Afrika oder Lateinamerika gehen junge Menschen auf die Strasse.

Videos von Gewalt werden zum kollektiven Erlebnis

Die Proteste sind von grosser Wut geprägt. Teils eskalieren sie: Menschen werden verletzt, Autos angezündet, Gegenstände und Gebäude beschädigt. Besonders auf Tiktok, Instagram und X sind die Proteste sichtbar. Videos von Menschenmengen, Polizeieinsätzen, Blockaden und Sachbeschädigungen verbreiten sich rasant – oft mit schnellen Schnitten, dramatischer Musik und Texten, die den Moment als historisch inszenieren.

Die Demonstration in Mailand gegen hohe Lebenshaltungskosten eskalierte, nachdem offenbar über Tiktok und andere soziale Medien Hunderte weitere Jugendliche mobilisiert worden waren.

Die Demonstration in Mailand gegen hohe Lebenshaltungskosten eskalierte, nachdem offenbar über Tiktok und andere soziale Medien Hunderte weitere Jugendliche mobilisiert worden waren.Anadolu via Getty Images

Die Videos werden millionenfach angeklickt und kommentiert. «So stolz auf die Gen Z», «Die Gen Z wird uns retten» oder «Ich habe extreme Fomo», schreiben Nutzerinnen und Nutzer. Andere kommentieren: «Ich wäre so gerne dabei.» Manche fragen: «Wieso kann mein Land das nicht?» Andere wünschen sich, dass auch in ihrem Land Menschen auf die Strasse gehen.

Wieso plötzlich jeder Teil davon sein will

Laut Medienpsychologe an der ZHAW, Daniel Süss, können Videos von Protesten, etwa in Frankreich, bei jungen Menschen starke Emotionen auslösen und den Wunsch verstärken, selbst dabei zu sein. An Massenveranstaltungen komme es leicht zu einer Enthemmung, weil sich Einzelne als Teil einer anonymen Gruppe fühlten. Werden die Bilder mit positiven Emotionen verknüpft, entstehe eine euphorische Stimmung: «Gemeinsam sind wir stark! Gemeinsam werden wir wahrgenommen und können uns Gehör verschaffen.» Das Dokumentieren und Posten der Ereignisse gebe den Teilnehmenden das Gefühl, nicht nur von den Anwesenden, sondern auch von den digitalen Followern mitgetragen zu sein.

Hinzu komme die Angst, etwas zu verpassen. «In unserer Gesellschaft wird viel von Erwachsenen über die Jugendlichen gesprochen, aber sie haben oft keine eigene Stimme, die gehört wird.» Wenn Gleichaltrige plötzlich im Rampenlicht stünden, könne das das Bedürfnis wecken, möglichst live mitdabeizusein und alles mitzubekommen.

«Die Destruktivität wird verharmlost»

Social Media verstärke diesen Effekt zusätzlich. «Kurzvideos vermitteln starke Emotionen und verstärken das Gefühl, mit Protesten etwas bewirken zu können.» Laut Süss bestehe die Gefahr, dass Ausschreitungen, Zerstörung und Gewalt in Videos rasch ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken können. «Die Anliegen, um die es geht, gehen in der Eskalation unter, insbesondere wenn Musikunterlegung und Schnitt der Videos den Fokus auf Action und Wut legen.» Die Destruktivität werde so verharmlost, so Süss.

Die Folge: Aufrufe zu Protesten verbreiten sich rasant und erreichen innert kürzester Zeit Hunderttausende. Erst letzte Woche wurde in Deutschland eine Demonstration für den 31. Oktober angekündigt. Doch warum gehen weltweit Menschen auf die Strasse? Und was macht die Gen Z so wütend?

«Sie sehen ihre Zukunft als massiv bedroht»

Wirtschaftliche Unsicherheit, demokratische Probleme, Klimakrise, Kriege und ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit: Für Marco Giugni, Politikwissenschaftler an der Universität Genf, sind das mögliche gemeinsame Auslöser der Proteste. Junge Menschen rebellierten gegen die vorherige Generation, die in ihrer Wahrnehmung «eine Welt hinterlassen hat, die in einem schlechten Zustand ist und sich in einer anhaltenden Krise befindet».

Das zeige sich auch an den jüngsten Protesten, sagt Giugni: «All diese Themen und Forderungen sind wichtig und stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Generationskonflikt.» Auch der Soziologe Peter Rieker vermutet mehrere Auslöser. Gemeinsam sei aber eine Grundstimmung: «Die Wahrnehmung fehlender Anerkennung der Bedürfnisse junger Menschen und fehlender politischer Partizipationsmöglichkeiten.»

Hinzu komme, dass ein Teil der jungen Menschen seine «Zukunft als massiv bedroht sieht und das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Politik verloren hat». Rieker erstaunt, dass dieser Vertrauensverlust nicht noch gravierender ausfällt: «Aktuell entsteht der Eindruck, dass drängende Probleme wie die Klimakrise, kriegerische Konflikte und wirtschaftliche Belastungen nicht gelöst werden.» Eine zunehmend ungewisse Zukunft könne die Motivation für Proteste erhöhen.

Social Media als Verstärker

Der Eindruck einer besonders starken Mobilisierung dürfte laut Giugni auch an der grösseren digitalen Sichtbarkeit liegen. Soziale Medien spielten «jedenfalls bei der Organisation von Demonstrationen und der Verbreitung von Mobilisierungen» eine wichtige Rolle. Dadurch könne ein kollektives «Wir» entstehen.

Rieker bezeichnet Social Media als «universalen Verstärker» für Information und Vernetzung. Die Plattformen könnten Engagement fördern, aber auch Hoffnungslosigkeit und Apathie. «Doch das Engagement zeigt sich auch ‹offline›», sagt er.

«Ich denke durchaus, dass die Gen Z aussergewöhnlich stark mobilisiert ist», sagt auch Dr. Simon Bornschier, Forschungsbereichsleiter Politische Soziologie. Diese Mobilisierung sei aber nicht bloss ein Social-Media-Effekt, sondern beruhe auf einer langen Reihe von erfolgreichen Protesten.

Neu sei vor allem die stärkere grenzüberschreitende Komponente: «Das Beispiel erfolgreicher Mobilisierung in anderen Ländern wirkt als Vorbild und zeigt, dass viele Menschen, insbesondere der Gen Z, zu mobilisieren vermögen.»

Soziale Medien verstärkten diesen Effekt, weil sie solche Beispiele rasch verbreiteten und die Bewegungen für potenzielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr präsent machten.

Wie beurteilst du die Proteste der Gen Z gegen ihre Lebensbedingungen?

Selina Keller

Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community

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