Geld, Affären, Macht: Neues Buch zeichnet anderes Bild von Putin

«Der Zar persönlich» ist ein 800 Seiten starkes Buch über den Werdegang Wladimir Putins. Während zwanzig Jahren haben die russischen Journalisten Roman Badanin und Mikhail Rubin über den russischen Präsidenten und sein Umfeld recherchiert. Als Mitgründer des unabhängigen Mediums «Proekt» wurden sie 2021 ins Exil gezwungen, nachdem sie als «ausländische Agenten» eingestuft worden waren.
Die Autoren beschreiben darin ein System, das ihrer Ansicht nach auf Geld, Loyalität und Geheimhaltung basiert. Putin sei keineswegs ein Ideologe, sondern in erster Linie ein Mann, der entschlossen sei, an der Macht zu bleiben, umgeben von treuen Leuten, die seine Interessen schützen. Ein Porträt, das das vom Kreml geformte Bild eines strengen Führers und Verteidigers traditioneller Werte in sein Gegenteil verkehrt, wie «L'Express» berichtet.
Putins Vermögen
Auf dem Papier weist Wladimir Putin seit Jahren ein bescheidenes Vermögen aus. Doch Roman Badanin und Mikhail Rubin behaupten, sein tatsächliches Vermögen sei hinter einem Geflecht aus Vertrauten, Offshore-Gesellschaften und Strohmännern verborgen.
Sie führen insbesondere den Fall Yamal LNG an. Im Jahr 2009 sollen 25 Prozent dieses Gasunternehmens an Piotr Kolbin abgetreten worden sein, einen ehemaligen Metzger, der Wladimir Putin seit seiner Kindheit kannte. Für die Autoren veranschaulicht diese Episode ein System, in dem die lukrativsten Vermögenswerte niemals direkt mit dem russischen Präsidenten in Verbindung gebracht würden.
Der Palast von Gelendschik am Schwarzen Meer ist das spektakulärste Beispiel dafür. Dieses 17'000 Quadratmeter grosse Anwesen soll eine Eislaufbahn, Spieltische und einen Striptease-Saal umfassen. Seine Verbindung zu Russlands Präsidenten soll laut dem Buch hinter einer Abfolge von Eigentümern, Offshore-Gesellschaften und kremlnahen Oligarchen verschleiert worden sein.
Die beiden Journalisten beschreiben auch einen Mann, der bei Geldthemen sehr misstrauisch ist. Seinen Partnerinnen oder den mutmasslichen Kindern soll er keinerlei Vermögen übertragen. Ihre Ausgaben und Geschenke würden laut den Autoren von Mitgliedern seines Umfelds übernommen.
Putins Privatleben
Im Buch schreiben die Journalisten auch über Putins Privatleben. So sei die Scheidung von Lyudmila Putina zwar erst 2013 offiziell besiegelt worden, ihre Ehe soll bereits lange Zeit davor nicht mehr funktioniert haben.
Roman Badanin und Mikhail Rubin berichten auch von mehreren mutmasslichen Affären des russischen Präsidenten. Sie erwähnen Svetlana Krivonogikh, dann die ehemalige Rhythmik-Turnerin Alina Kabaeva, der sie Immobilien zuschreiben, die über machtnahe Vertraute erworben wurden. Darin sehen sie eines der Paradoxe des Regimes: der Gesellschaft «traditionelle Werte» aufzuzwingen, von denen sich ihre Führer im Privaten befreien würden.
Weiter heisst es im Buch, dass Putin, als er in den 1990er-Jahren stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg war, das «Luna» – ein Etablissement, das Restaurant und Striptease-Bar vereinte – zu einer Art inoffiziellem Büro gemacht haben soll.
Putins Verhältnis zur Angst
Das Werk beschreibt Wladimir Putin schliesslich als einen Mann, «der nicht in der Lage ist, den kleinsten Fehler zuzugeben.» Die Autoren stellen ihn als Sozialphobiker und Hypochonder dar, besonders seit der Covid-19-Pandemie, während der er sich weitgehend isoliert hatte.
Gemäss ihrer Recherche reise der Präsident regelmässig mit einem medizinischen Team, das im Durchschnitt fünf Ärzte umfasse. Diese Krankheitsangst gehe Hand in Hand mit einer anderen Angst: der, die Macht abzugeben. Die Journalisten schätzen, dass das russische System wegen Putins Angst vor Kontrollverlust keinen echten Nachfolger vorbereite.
Treue Gefolgsleute
Um die Langlebigkeit des Systems zu erklären, unterscheiden die Autoren drei Kreise um den Machthaber: die ehemaligen Weggefährten aus St. Petersburg, seine früheren KGB- und FSB-Kollegen sowie Beziehungen, die in den Kreisen des Judo und Sambo geknüpft wurden.
Die Regel sei einfach: absolute Loyalität gegenüber dem Präsidenten im Austausch gegen Schutz und Wohlstand. Die Vertrauten, die sich bereichert haben, müssten diskret bleiben; diejenigen, die zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, würden riskieren, in Ungnade zu fallen.
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Perrine Millet (pmi) ist seit 2022 Journalistin bei 20 minutes in der Rubrik Websteuerung.
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