Filmcheck – Eine Stunde im Pottwal: Wie realistisch ist «Whalefall»?

Ein Mann taucht vor der kalifornischen Küste. Irgendwo hier unten liegen die Überreste seines Vaters, der auf See ums Leben kam. Plötzlich schiesst ein Riesenkalmar aus dem Dunkel, dicht gefolgt von einem Pottwal.
Auf der Flucht verheddert sich der Kalmar in der Ausrüstung des Tauchers. Der Pottwal schnappt zu und verschluckt beide. Nun ist es stockdunkel, und in der Flasche bleibt noch Luft für eine Stunde.
Soweit die Ausgangslage des Kinofilms «Whalefall», der auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Kraus aus dem Jahr 2023 basiert. Doch könnte ein Pottwal tatsächlich einen Menschen verschlucken? Und falls ja: Gäbe es einen Ausweg?
Kein echter Fall bekannt
Zuerst die gute Nachricht für alle Taucherinnen und Taucher: Dem Walbiologen Shane Gero, der Pottwale seit über 20 Jahren erforscht, ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Pottwal einen Menschen gefressen hätte. Das sagt er gegenüber dem Magazin «Popular Science».
- Rein anatomisch hält er es zwar für denkbar, dass ein schlanker Mensch durch den Schlund eines sehr grossen Pottwals passt. Mit Taucherausrüstung und Pressluftflasche aber sicher nicht.
- Hinzu kommt: Pottwale fressen normalerweise in rund 900 Metern Tiefe – weit unterhalb der Reichweite von Tauchern.
- Pottwale jagen vor allem Kalmare und nutzen dabei Echoortung. Dabei hilft ihnen ihr erstaunlich schiefer Kopf. Einen Menschen würden sie dank ihrer guten Ortungsfähigkeiten wohl als ungewöhnliche Beute erkennen und nicht als Leckerbissen.
Der Schädel eines Pottwals ist deutlich schief. Sein Blasloch sitzt nicht in der Mitte, sondern weit links. Dahinter steckt eine Arbeitsteilung: Der linke Nasengang dient vor allem zum Atmen, der rechte zur Erzeugung von Klicklauten.
Asymmetrische Schädel haben nur Zahnwale, die per Echoortung jagen. Laut einer Studie mit 3D-Scans von 162 Walschädeln entstand die Schieflage vor rund 30 Millionen Jahren, etwa zur selben Zeit wie die Echoortung.
Das Prinzip ist das eines Echolots. Der Wal sendet einen Klicklaut aus, der Schall prallt an einem Kalmar ab, und das Echo kehrt zurück. Aus der Zeit, bis es ankommt, und aus seiner Form erkennt der Wal, wie weit entfernt und wie gross seine Beute ist.
Pottwale erzeugen die lautesten bekannten Tierlaute: Gemessen wurden bis zu 236 Dezibel Schalldruckpegel. Unter Wasser zählen Dezibel allerdings anders als in der Luft: Umgerechnet entspricht dies rund 175 Dezibel in der Luft. Das ist immer noch weit über der Schmerzgrenze des Menschen von etwa 120 bis 140 Dezibel.
Ganz ausgedacht ist die Szene trotzdem nicht: Einige wenige Menschen sind tatsächlich schon im Maul eines Wals gelandet. Allerdings dem eines Buckelwals, und die können einen Menschen gar nicht verschlucken. Ihr Rachen ist dafür zu eng.
Doch angenommen, ein Pottwal würde tatsächlich einen Menschen erwischen? Dann wäre das Abenteuer wohl schnell vorbei. Gero geht davon aus, dass ein Mensch schon ertrinken würde, wenn er mit der Wucht des Wassers ins Maul gerissen wird. Hinzu kommt, dass der Wal heftig würgen würde. Das könnte einen Menschen schwer verletzen.
Und selbst wenn man es irgendwie unbeschadet durch den Rachen schafft, landet man an einem lebensfeindlichen Ort: in einem Magen.
Kehlkopf als theoretische Chance
Wie es im Inneren eines Wals aussieht, weiss die Anatomin Joy Reidenberg. Sie hat das Buch und den Film anatomisch beraten. Gegenüber «Popular Science» erklärt sie: Der Pottwalmagen hat vier Kammern. Ein Überbleibsel aus der Zeit vor rund 50 Millionen Jahren, als die Vorfahren der Wale noch pflanzenfressende Landtiere waren.
Die erste Kammer ist ein dicker Muskelsack, der die Nahrung zermahlt. Kauen können Pottwale nämlich nicht, ihre spitzen Zähne sitzen nur im Unterkiefer.
Halt fände man dort kaum, nur nasse, glitschige und weiche Wände, so Reidenberg. Auf dem Weg zurück nach oben wäre einzig der Kehlkopf eine Chance. Er rage wie ein starres Rohr empor. Wer ihn zu fassen bekommt, könnte sich hochziehen. Ihr Fazit fällt trotzdem nüchtern aus: Die meisten würden das alles nicht überleben.
Walbiologe Gero sieht in Pottwalen aber ohnehin keine Monster, sondern sanfte Riesen der Tiefsee. Diese hätten kein Interesse an Menschen als Beute. Wer beim Tauchen einem begegnet, muss sich also kaum Sorgen machen, verschluckt zu werden. Und falls man sich doch in dieser Situation wiederfindet: Auf dem Weg in den Magen den Griff zum Kehlkopf nicht vergessen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.