Wenn Idole enttäuschen – Welche Erwartungen dürfen wir an Vorbilder haben?

Wenn Idole enttäuschen Welche Erwartungen dürfen wir an Vorbilder haben?
Vorbilder geben Orientierung. Wir bewundern ihre Erfolge und wollen sie kopieren. Umso grösser ist die Enttäuschung, wenn sie Fehler machen. Aber weshalb brauchen Menschen überhaupt Vorbilder? Und dürfen sie auch Fehler machen?
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07.10.2026, 09:56
Die Diskussion über die gefälschten Impf-Zertifikate der Nati-Spieler Granit Xhaka und Breel Embolo ist auch eine Diskussion über Vorbildfunktionen. Tausende Nati-Fans tragen die Trikots der beiden Stars. Aber wieso haben Menschen überhaupt Vorbilder?
Christian Fichter
Sozial- und Wirtschaftspsychologe
Prof. Dr. Christian Fichter ist Sozial- und Wirtschaftspsychologe und Forschungsleiter der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. Er befasst sich mit den psychologischen Grundlagen wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens.
«Vorbilder sind die billigste Form des Lernens», sagt Christian Fichter, Professor für Psychologie an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. «Wir lernen, indem wir Verhaltensweisen unserer Vorbildern nachahmen. Dadurch vermeiden wir auch Risiken. Denn unsere Vorbilder haben die Risiken bereits für uns getragen, indem sie eine Verhaltensweise ausprobiert haben.»
Auch bei Primaten gebe es ähnliche Verhaltensweisen. Affen würden Verhaltensmuster voneinander kopieren, wie das Benutzen von Ästen als Hilfsmittel bei der Futtersuche. «Menschen gehen aber viel weiter. Wir übernehmen nicht nur einfache Verhaltensweise. Wir übernehmen Ansichten und ganze Identitäten unserer Vorbilder», erklärt Fichter.
Wie verändern sich Vorbilder?
Wenn man Kinder nach ihren Vorbildern fragt, kriegt man meist eine klare Antwort. Bei Erwachsenen ist das etwas komplizierter. «Kinder und Jugendliche übernehmen Vorbilder als Ganzes», sagt Fichter. «Als Kinder und Jugendliche sind wir noch auf der Suche nach unserer Persönlichkeit. Vorbilder können dabei helfen.»
Nicht einmal Mutter Teresa war in allen Bereichen heilig.
Später verändert sich das. «Erwachsene haben zwar immer noch Vorbilder, allerdings werden die Vorbilder selektiver ausgewählt. Sie haben oft mehrere Vorbilder für verschiedene Lebensbereiche – beispielsweise ein Vorbild für Aussehen, eines für Sport oder eines für politische Meinungen.»
Erwartungen können nicht immer erfüllt werden
Vorbilder haben eine gewisse Verantwortung, findet Fichter. «Wir müssen von unseren Vorbildern erwarten können, dass sie sich nicht nur in ihrer eigentlichen Kernaufgabe vorbildlich verhalten, sondern auch in ihrem Alltag.» Schliesslich wird ihr Verhalten von anderen Menschen kopiert.
Allerdings gebe es gewisse Grenzen. «Beispielsweise müssen Hollywood-Schauspielerinnen und -Schauspieler während der Oscars immer wieder Fragen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen beantworten. Dabei sind das in erster Linie Künstlerinnen und Künstler.» Man dürfe von ihnen keine fundierte Meinung zu Weltpolitik erwarten, findet Fichter. Ähnlich sei es bei Fussballern.
Wie können Vorbilder Vertrauen zurückgewinnen?
Vorbilder werden oft auf ein Podest gehoben. Wenn sie dann einen Fehler begehen, sind ihre Bewunderer geschockt. Das heisse aber nicht, dass dieses Vorbild sofort vom Podest gestossen werde, findet Fichter. «Vorbilder können das Vertrauen zurückgewinnen. Sie müssen sich für ihre Fehler aufrichtig und glaubwürdig entschuldigen. Das Fehlverhalten darf auf keinen Fall glorifiziert werden.»
Fichter betont aber auch, dass Vorbilder Fehler machen dürfen. «Nicht einmal Mutter Teresa war in allen Bereichen heilig. Auch sie hat Fehler begangen. Das ist menschlich. Ein Vorbild ist kein Heiliger, sondern jemand, dem man auch beim Scheitern zusehen kann und dabei im besten Fall noch etwas lernt.»
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