Fazit der DFB-Länderspiele: Nicht wieder bei null

Die erste Zwischenbilanz unter Bundestrainer Klopp fällt gemischt aus. Nach dem torlosen Remis in Griechenland bereitet besonders die Offensive Sorgen
Schon kurz nach dem Abpfiff hatte Jürgen Klopp seinen Spielern wieder jene Wärme zukommen lassen, die ihre Wirkung bei vielen in der deutschen Nationalmannschaft entfaltet. Dem Mittelfeldspieler Aleksandar Pavlović legte der Bundestrainer zum Beispiel seinen linken Arm fast schon etwas zu lange um den Hals, als wolle er ihn in den Schwitzkasten nehmen. Doch Klopps körperliche Nähe kommt offenbar gut an. Ersatzkapitän Florian Wirtz bezeichnete den Bundestrainer als einen „Meister darin, dass sich jeder wertgeschätzt fühlt“. Auch das ist Teil der Veränderungen, die Klopp als Nachfolger von Julian Nagelsmann in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) herbeigeführt hat.
Ein bisschen Trost war am Sonntagabend im Toumba Stadion von Thessaloniki bei Klopps Umarmungen wohl auch dabei. Ein torloses Unentschieden lag ja hinter der deutschen Elf in der Nations League bei jener griechischen Mannschaft, die ihnen eine Woche zuvor in Augsburg eine 0:1-Niederlage zugefügt hatte. Unangenehme Debatten waren die Folge. Die angestrebte Revanche war also trotz eines lange Zeit guten Auftritts verpasst worden. Als Tabellendritter mit je drei Punkten Rückstand auf die Niederlande und Griechenland braucht die Nationalelf wohl zwei Siege, um einen der ersten beiden Plätze zu erreichen und damit das Viertelfinale. Im ungünstigsten Fall könnte es sogar zu wenig sein, wenn die DFB-Auswahl am 13. November beim Tabellenletzten Serbien gewinnen sollte und drei Tage später in Berlin gegen die Niederlande.
Klopp sieht dennoch keinen Anlass, die Situation nach seinem vierten Spiel als Bundestrainer negativ zu beurteilen. Der einzige „Makel“ sei gewesen, dass seine Mannschaft ihre Chancen nicht genutzt habe. „Wenn man mir vor einer Woche gesagt hätte, dass wir am Donnerstag und Sonntag so eine Leistung abliefern können, dann hätte ich das nicht geglaubt“, sagte Klopp und hob die erste Halbzeit als „herausragend“ hervor. Er erinnerte an den 2:0-Sieg gegen Serbien am vergangenen Donnerstag in München, als man bereits „ein ganz tolles Spiel gemacht“ habe. Nun habe man auch gegen die Griechen einen Entwicklungsschritt vollzogen, „als Fazit kann ich sagen: Damit bin ich super happy.“
Tatsächlich hatte die DFB-Elf ungefähr eine Stunde lang sehr dominant gespielt. Die Abschlüsse allerdings gerieten oft unpräzise. Und als einmal dank einer scharfen Hereingabe des sehr engagierten Derry Scherhant ein Treffer durch Jonathan Burkardt gelang, wurde dieser wegen eines vorherigen Handspiels von Tom Bischof per VAR nicht anerkannt. Ein Stürmertor blieb damit auch im vierten Spiel unter Klopp aus, gerade einmal drei Treffer gelangen insgesamt. Nur ein Sieg steht zu Buche, dazu zwei Unentschieden und eine Niederlage.
Ausbaufähige Abstimmung in der Offensive
Es ist nach dem Neustart bisher ein Aufbau, der in Sinuskurven verläuft. Alleine die Ergebnisse künden von einer wechselhaften Zwischenbilanz. Auf das 1:1 in den Niederlanden zum Auftakt und das 0:1 gegen die Griechen war das 2:0 gegen Serbien gefolgt. Nach dem jüngsten 0:0 sind die Nationalspieler nun erst einmal wieder in ihren Vereinen. Doch Klopp ist zuversichtlich, im komplizierten November nicht wieder bei null anfangen zu müssen. Wenn man sich wiedersehe, „wird die DFB-Fußball-Festplatte nicht komplett leer sein“, sagte er.
Auch Klopps Themenliste ist weiterhin ziemlich voll. Das Gegenpressing und die Einsatzfreude funktionieren schon gut und zählen neben dem Binnenklima zu den auffälligsten Verbesserungen. Die Abstimmung in der Offensive und der Abschluss allerdings sind ausbaufähig. Spannend wird, wer von den diesmal 44 nominierten Spielern von Klopp zum Wiedersehen in fünfeinhalb Wochen eingeladen wird. Der Kader soll dann ein Normalmaß haben, also um etwa 20 Spieler reduziert werden.
Von den zehn Debütanten unter Klopp hatten vor allem Torwart Jonas Urbig, Rechtsverteidiger Philipp Treu und Linksaußen Scherhant sportlich Werbung für sich betrieben. Urbig könnte auf Sicht Marc-André ter Stegen ernsthaft Konkurrenz machen. Empfohlen als Alternative in der Innenverteidigung haben sich Yann Aurel Bisseck und Malick Thiaw.
Das Talent läuft den Jungs aus den Ohren raus
Jürgen Klopp
Positiv aufgefallen war zudem das Mittelfeldtrio Florian Wirtz, Bischof und Pavlović. Letzterer stach in Thessaloniki erneut als lange Zeit souveräne Ordnungskraft vor der Viererkette hervor. Mit Joshua Kimmich könnte im November auch die jüngst aufgekeimte Debatte zurückkehren, ob der Kapitän gesetzt sein sollte. Für den Moment ruhte dieses aus Klopps Sicht lästige Thema.
Der Bundestrainer widmete sich den erfreulichen Teilen der ersten Bestandsaufnahme. „Ich wollte etwas anschieben, das habe ich auf jeden Fall gesehen“, sagte er und befand: „Das Talent läuft den Jungs aus den Ohren raus.“ Auch diese Sichtweise hat Klopp schon neu etabliert.
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