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Saturday, September 19, 2026

Gerüchte um neue Mobilmachung – Russische Männer zwischen Angst und Pflichtgefühl

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In Russland gehen Gerüchte um, nach den Parlamentswahlen von diesem Wochenende könne es eine neue Mobilmachung geben. Bei der letzten im Herbst 2022 wurden hunderttausende Männer für den Krieg gegen die Ukraine eingezogen. Es kam zu Unruhen und Protesten in der russischen Bevölkerung.

Die Angst vor neuen Zwangsrekrutierungen ist in seinem Umfeld das Thema Nummer eins, sagt der 26-jährige Moskauer Dima. «Jedes Gespräch momentan kommt früher oder später auf die Mobilmachung. Sogar Freunde und Bekannte, die im Grunde politikfern sind, reden darüber.» Jede Nachricht aus dem Kreml sehe man durch diese Optik: «Jüngst hat Putin ein paar geheime Dekrete unterzeichnet – ging es da um eine neue Mobilmachung?»

Druckversuch der Behörden?

Dima heisst eigentlich anders. Während der Mobilmachung 2022 reiste er nach Kasachstan aus, kam aber dann zurück nach Russland. Er fragt sich, ob die Gerüchte über eine neue Welle von Einberufungen nicht von den russischen Behörden selbst gestreut werden. «Ich glaube, das könnte ein Druckversuch sein. Damit Männer in ärmeren Regionen denken, ‹die Armee kriegt mich sowieso, wieso dann nicht einen lukrativen Vertrag unterschreiben?› – und auf diese Weise mehr Soldaten rekrutieren.»

Ständig frage ich mich: Soll ich bleiben oder ausreisen?

Ein Motiv hätte der Kreml, mehr Männer zum Armeedienst nach Vertrag zu bewegen: So hat er in den letzten Jahren überwiegend rekrutiert – ohne politischen Schaden zu nehmen. Vertragssoldaten sieht die Bevölkerung als Freiwillige, die Mobilmachung vor vier Jahren hingegen war unbeliebt, weil sie als Zwangsmassnahme betrachtet wurde.

Angst in der U-Bahn

Für Dimas Theorie gibt es allerdings keine Belege. Sie zeigt nur, dass verunsicherte russische Männer nach Erklärungen suchen, die die Gefahr herunterspielen und die Angst lindern. Dima gibt zu, dass ihn das Ganze psychisch belastet.

Zwei Personen gehen an einem Werbeplakat auf dem Bürgersteig vorbei.
Legende: Werbung für die russische Armee (Moskau, 2023). Nun gehen Gerüchte zu einer neuen Mobilmachung um. REUTERS / Evgenia Novozhenina

«Es ist ein Riesenstress für mich, mit der U-Bahn zu fahren», sagt er – dort gebe es immer viele Polizisten und man könne ständig kontrolliert und theoretisch eingezogen werden. «Ständig frage ich mich: Soll ich bleiben oder ausreisen? Soll ich mein Geld ausgeben oder lieber für ein Flugticket nach Armenien sparen?» Seine Freunde würden darüber reden, zur Grossmutter aufs Land zu reisen und sich dort zu verstecken. «In dieser Situation kann man nichts anpacken, sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, weil im nächsten Moment vielleicht alles zerstört wird.»

«Bürgerliche Pflicht»

Während Dima, der gegen den Krieg ist, sich den Kopf zerbricht, ist Maxim, der den Kurs des Kremls unterstützt, viel gelassener. Er glaubt nicht, dass es eine neue Mobilmachung geben wird.

«Sie würde die Armee nicht stärken», sagt er. «Es braucht nicht mehr Soldaten, die mit dem Bajonett in der Hand die feindlichen Stellungen stürmen. Im heutigen Krieg kämpfen irgendwelche Playstation-Gamer, die Drohnen steuern.»

Was spricht für, was gegen eine neue russische Mobilmachung?

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Eine Mobilmachung ist momentan noch eher unwahrscheinlich. Es stimmt grundsätzlich, dass eine neue Mobilmachung das Kräfteverhältnis an der Front wohl nicht gross beeinflussen würde.

Zwar stimmt es nicht, dass Russland nur Drohnenpiloten und keine Fusssoldaten brauche – Russland verbraucht sehr viele Soldaten in Infanterie-Attacken auf ukrainische Stellungen. Aber es ist richtig, dass der Einsatz von Drohnen die zahlenmässige Überlegenheit Russlands viel weniger relevant gemacht hat.

Derzeit gehen Russland die Soldaten noch nicht aus. Das geht aus öffentlich einsehbaren Zahlen zu Rekrutierungsboni und Kompensationszahlungen von Angehörigen getöteter Soldaten hervor. Damit kommt man auf die grobe Schätzung, dass Russland pro Monat etwa 30'000 neue Männer rekrutiert, aber in etwa genauso viele russische Soldaten pro Monat getötet oder schwer verletzt werden. Russlands Truppenstärke bleibt also wohl mehr oder weniger stabil.

Demnach bringt eine Mobilmachung mehr Vorteile als Nachteile: Die Wirtschaft leidet tatsächlich unter einem akuten Arbeitskräftemangel, die letzte Mobilmachung hat Unruhen in der Bevölkerung ausgelöst. Eigentlich wäre es nicht im Interesse des Staates, diese Probleme wieder auszulösen. Aber letztlich können wir nicht wissen, was der Kreml tun wird. In der Vergangenheit hat er bewiesen, dass er Fehler begeht und Dinge macht, die eigentlich nicht in seinem Interesse wären.

SRF-Russlandkorrespondent Calum MacKenzie

Ausserdem, argumentiert Maxim, würde eine Mobilmachung der Wirtschaft schaden, weil dann noch mehr Arbeitskräfte fehlen würden. Auch Maxim hat eine Theorie zum Ursprung der Gerüchte: Beide Seiten seien in psychologischer Kriegsführung geübt, die Ukraine befeuere wohl die Angst vor einer Mobilmachung, um die russische Gesellschaft zu destabilisieren.

Maxim hat keine Absicht, von sich aus in den Krieg zu ziehen. Doch er ist Arzt und könnte bei einer Mobilmachung einer der ersten sein, der einberufen würde. Dann wäre er «bestimmt nicht begeistert», hätte aber wohl keine Wahl, sagt er. Letztlich sei es seine bürgerliche und medizinische Pflicht.

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