Wie den Nato-Luftraum schützen?: "Unsere Drohne ist dafür gemacht, dass sie abgeknallt wird"

Wie den Nato-Luftraum schützen?"Unsere Drohne ist dafür gemacht, dass sie abgeknallt wird"
Der Westen muss dringend Antworten auf russische Drohnen finden. Aber wie können Rüstungsfirmen prüfen, ob ihr System überhaupt gegen die Moskauer Modelle funktioniert? Und wie trainieren Soldaten, sie abzuwehren? Schließlich haben sie iranisch-russische Shahed nicht selbst im Bestand. Das estnische Unternehmen Krattworks baut unter anderem Waffen, die nur dazu da sind, um im Training zerstört zu werden. Es sind Attrappen zum Üben, sogenannte "target drones", sie müssen aber die Eigenschaften der echten Waffe perfekt nachahmen. Erprobt wird das an geheimen Orten in Estland, unbeobachtet von russischer Aufklärung.
Auf einer Wiese, eine Autostunde von Estlands Hauptstadt Tallinn entfernt, lässt Krattworks das Modell DART aufsteigen - zwei Meter breit, 200 Stundenkilometer schnell, ein Propeller und Lärm wie ein Motorrad. Verkaufschef Karmo Saar erklärt ntv.de, warum sich die Shahed-Attrappe auch genauso anhören muss wie das Original der Russen.
ntv.de: Herr Saar, warum macht Ihre Drohne beim Fliegen solch einen Lärm?
Karmo Saar: Unser Ziel ist, dass man mit dem DART-Modell genauso trainieren kann, als flöge eine echte russische Shahed-Drohne am Himmel. Wir sind stolz darauf, dass uns ukrainische Soldaten bestätigen: Unsere Drohne knattert zu 99,9 Prozent so wie das Original im Anflug. Noch etwas ist wichtig: Unsere Kunden benutzen die Ziel-Drohne, um mit allen möglichen Abwehrwaffen daran zu trainieren. Die Ukrainer haben ein mehrstufiges System zur Drohnenabwehr. Zum Beispiel betreiben sie auch akustische Sensoren, die also bei Einflug auf ukrainisches Territorium die russischen Drohnen an ihrem Fluggeräusch erkennen. Darum ist es für uns sehr wichtig, dass die Attrappe nicht nur so schnell und wendig fliegt wie die Shahed, sondern dabei auch genauso laut knattert.
Mit welchen Abwehrwaffen lässt sich ihre Drohne ansonsten vom Himmel holen?
Die DART ist hier in Estland auch schon von Kampfjets gejagt worden. Niederländische F-35 Jets haben sie abgeschossen, Eurofighter aus Italien….
Das ist eigentlich keine adäquate Antwort auf eine Shahed, oder? Die F-35 ist das modernste Kampfflugzeug weltweit. Eine Flugstunde plus Munition kosten weit über 100.000 Euro, während die Drohne ein Billig-Produkt ist, für vielleicht 10.000 Euro zu haben.
Schon, aber die jeweilige Luftwaffe trainiert mit unserer Drohne ihre reguläre Fliegerabwehr. Sie hat Abwehrsysteme für kurze Reichweite, für mittlere und für große Distanz und alle Systeme trainieren, solche Drohnen zu bekämpfen. Wir liefern unsere DARTs und die Kunden schießen sie mit den Waffen ab, die sie zur Luftverteidigung zur Verfügung haben. Dazu gehören dann auch Kampfjets. Nachdem die niederländische Luftwaffe hier in Estland ihre F-35 mit unseren Drohnen trainiert hatte, wurde die Einheit nach Polen verlegt. Kurz darauf drangen dort russische Shaheds in den polnischen Luftraum ein. Die Niederländer haben die Shaheds runtergeholt. Ich hoffe, unsere Schulungen haben dazu beigetragen.
Welche Abwehrwaffe ist aus Ihrer Sicht die adäquate gegen die Shahed? Wenn Sie das Preis-Leistungs-Verhältnis berechnen?
Das vielversprechendste System derzeit ist aus meiner Sicht die Abfang-Drohne. Die lässt sich mit einer Kamera ausstatten, die ziemlich preiswert ist. Die einzige wirklich teure Komponente ist die Software. Mit der richtigen Software erkennt die Abfang-Drohne die Shahed und fliegt ihre Abwehrattacke dann autonom.
Wie genau bekämpft sie die Shahed?
Manche Drohnentypen fliegen sehr schnell direkt auf die feindliche Drohne zu und rammen sie dann aus dem Weg. Die Shahed kippt zur Seite, überschlägt sich und stürzt ab. Andere Abfang-Drohnen fliegen nahe an die Shahed heran, explodieren dann selbst und zerstören sie mit. Beide Varianten sind effizient. Die allerbeste Methode zur Drohnenabwehr ist aber möglicherweise ein Laser. Bislang werden sie allerdings noch nicht so oft eingesetzt wie Abfangdrohnen. Unsere DART wurde auch schon von Schiffen oder Hubschraubern aus abgeschossen oder ganz direkt von Soldaten mit Maschinengewehren.
Eine Shahed abwehren mit Maschinengewehr - wenn die mit 200 Stundenkilometern ankommt, stelle ich mir das anspruchsvoll vor. Zu Recht?
Darum müssen die Soldaten das trainieren. Unsere Drohne ist dafür gemacht, dass sie von irgendwem abgeknallt wird. Wenn der Schütze aber nur die Flügel trifft, in denen sich keine kritischen Komponenten befinden, stürzt sie noch nicht unbedingt ab. Eine unserer DARTs hat mal acht Treffer an den Flügeln kassiert und ist mit den acht Einschusslöchern dann weitergeflogen.
Dann ist es also eine Mehrweg-Drohne, falls sie nicht exakt getroffen wird? Allerdings fehlen ihr die Räder, um beim Landen elegant auszurollen.
Die Landung ist oft recht hart, grob gesagt kann eine Drohne etwa fünf Landungen überstehen, dann ist langsam Schluss. Es hängt aber sehr vom Piloten ab, der unsere DART steuert. Bei einem sehr geschickten Piloten kann die Drohne mehrere Dutzend Landungen überstehen. Ein Ungeschickter steuert sie vielleicht direkt in den nächsten Baum. So kann man sie auch zerstören.
Die Kampfführung im Ukrainekrieg ändert sich alle paar Wochen. Seit kurzem greifen die Russen auch mit deutlich schnelleren Shaheds an. Die sogenannten Geran 5 haben Jetantrieb. Müssen und können sie die DART nun umrüsten?
Wir haben ein Büro in der Ukraine und nehmen wahr, wie die Kriegsbedingungen sich dort verändern. Unser Ziel muss ja sein, ein möglichst realistisches operatives Setting für die Soldaten zu schaffen. Dafür können wir unsere Systeme recht schnell anpassen. Ein Modell, dass die neue Geran 5 nachahmt, können wir noch nicht anbieten. Wir arbeiten aber daran. Die Geran 5 ist mit ihren 500 Stundenkilometern so immens viel schneller als eine Geran 2 zum Beispiel - das ist schon beinahe ein Marschflugkörper. Das müssen wir also entwickeln, und es wird die entsprechende Ziel-Drohne für die Kunden deutlich teurer machen. Daher denke ich, dass hauptsächlich weiter die Attrappen des heutigen Typs fliegen werden, und deutlich weniger der neuen, schnellen Geran 5-Variante.
Armeen, die ihre Soldaten trainieren wollen, machen einen Teil ihres Kundenstamms für Ziel-Drohnen aus. Wer nutzt sie ansonsten?
Staatliche Forschungseinrichtungen des Militärs - und das sind unsere wichtigsten Abnehmer. Die Beschaffungsbehörden bekommen ja viele Angebote, zum Beispiel von privaten Drohnenherstellern. Die preisen ihre Produkte an und die Streitkräfte müssen entscheiden, was sie kaufen wollen und was nicht. Die Forschungseinrichtungen testen also mit unseren Attrappen die angebotenen Abfang-Drohnen, und zwar sehr intensiv. Welches Modell ist das beste? Das müssen sie herausfinden.
Die Bundeswehr gehört aber nicht zu Ihren Kunden, oder?
Nein, aber wir haben einige Kunden in München, die unsere Drohnen nutzen. Titan Technologies gehört dazu, die Firma darf ich nennen. Sie gehört zu einer dritten Kundengruppe, nämlich zu Unternehmen, die mit unseren Ziel-Drohnen ihre eigenen Produkte testen. Titan entwickelt Abfang-Drohnen, die jüngste Version, die ich gesehen habe, fliegt mit einem raketenunterstützten Boost-Mechanismus, die ist also auch richtig schnell, wenn sie unsere Drohne vom Himmel holt.
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