Gewaltsame Proteste Frankreich – Die Staatsverweigerer der anderen Art

Plündern, Brandschatzen, die Polizei angreifen: Was mehrere europäische Städte derzeit erleben, schockiert viele. Perspektivlosigkeit, Inflation, Politikverdruss und vieles mehr werden zur Erklärung herangezogen. Das trifft für viele zu. Doch wer ein Rathaus in Brand setzt, Ladenbesitzer ausraubt und Pflastersteine gegen Polizistinnen und Polizisten wirft, dem geht es kaum um Klassengrössen und verstopfte WCs an Gymnasien.
Die Bilder und die Zahlen aus Frankreich illustrieren, dass die gewalttätigen Auswüchse längst keine Schülerproteste mehr sind. Was man als Zerstörungswut und Gewaltlust bezeichnen muss, kommt auch nicht so plötzlich. Viele, besonders Junge, empfinden ihren Alltag, ihre Aussichten als ungerecht und frustrierend – das ist die Basis dieser Entwicklung.
Nur: Das alleine greift zu kurz. Und es sollen hier nicht Täter zu Opfern gemacht werden. Denn Zehntausende andere, vielleicht ebenso frustrierte, blieben friedlich.
Ideologie und organisierte Krawalle
Worum also geht es beim gewalttätigen Teil der Demonstrationen? Es sind oft schwarz gekleidete, offenbar via Social Media lose organisierte Gruppen, die gemäss französischen Medienberichten auch Kundschafter hatten, die Lücken im Polizeiaufgebot suchten – unbewachte Strassen, in denen man dann zuschlagen konnte.
Ein Teil davon sind laut Regierungsangaben sowie den Flaggen und Parolen nach gewaltbereite Linksextreme. Insofern erstaunt es nicht, dass auch mehrere Gruppen aus dem linksextremen Milieu der Schweiz in ihren Kanälen stolz von ihrer Beteiligung in Paris oder Lyon berichten. Wo es nach vermeintlicher Revolution riecht, will man dabei sein.
Feindbilder, Parolen und der «grosse Aufschlag»
Das Feindbild Polizei (siehe Graffiti wie «acab» – «all cops are bastards») gehört dabei zur DNA dieser Ideologie. Typisch für die letzten Jahre ist zudem die auffällige Präsenz von Palästina-Flaggen.
Auch das zeigt: Es geht offensichtlich nicht um Schulbücher, sondern für viele um den grossen Aufschlag: gegen Kapitalismus, gegen Imperialismus, gegen Zionismus, wie es in den Parolen heisst.
Zu politisch heissen Debatten führt zudem bereits jetzt die Frage, wie viele Gewalttäter Migrationshintergrund hatten. Und ob, wie Medienberichte andeuten, teils gezielt jüdische Geschäfte angegriffen wurden.
Vom Grundrecht zum Angriff auf den Staat
Wie viele der Gewalttäter tatsächlich ideologisch motiviert waren, lässt sich heute noch nicht beurteilen.
Klar ist: Viele dürften sich auch aus anderen Gründen angeschlossen haben: Adrenalinkick, Likes und Follower, Bereicherung in Luxusläden.
Solche Motive machen die Sache nicht besser. Denn es zeugt von Entmenschlichung der angegriffenen Polizeikräfte, von völliger Respektlosigkeit gegenüber fremdem Eigentum, vom Ablehnen einer minimalen öffentlichen Ordnung. Der Staat, die Gesellschaft, Mitmenschen werden so zu Angriffszielen.
Laut und sogar bis zu einem gewissen Grad störend zu protestieren – das ist ein Grundrecht. Diese Grenze haben die Gewalttäter aber deutlich überschritten. Vielen Regierungen europaweit dürfte nun dämmern, dass sie ein grösseres Problem mit zumindest teilweise politisch motivierter Gewalt haben.
Daniel Glaus
Fachredaktor Extremismus
Daniel Glaus ist seit 2015 Inlandredaktor beim Schweizer Fernsehen, zu seinen Dossiers zählen Extremismus und Terrorismus. Zuvor arbeitete der Investigativjournalist beim Recherche-Desk von «Sonntagszeitung» und «Le Matin Dimanche».
News Plus, 19.10.2026, 16 Uhr;liea ; Eine Analyse von Dani Glaus
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