Frust und Lust der Google Rezensionen: Das Spießer-Hobby

Google-Bewertungen führen zu einer Quantifizierung des Alltags. Verloren gehen dabei echter Austausch und Erzählung. Klingt sehr deutsch? Ist es auch.
Foto: imago
W enn ich null Sterne geben könnte, würde ich es tun“, liest C. vor. Die Google-Rezension gilt nicht etwa der Creative-Director-Hochburg La Maison am Maybachufer oder der Victoria Bar, diesem Schöneberger Fleckchen Prätention.
Nein, sie gilt dem Kölner Hauptbahnhof. C. muss selbst lachen während sie fortfährt: „Schlimmster Aufenthalt meines ganzen Lebens. Ein Zug nach dem anderen ist ausgefallen, am laufenden Band extrem unangenehmes Gequietsche, während ich drei Stunden warten musste, um nach Düsseldorf zu kommen.“
Exzessive Google Rezensent:innen haben einen Knacks. Sie sind Deutschland in a nutshell: humorlos, rechthaberisch und ausgestattet mit einem grundlosen Zerstörungsdrang.
Dieses permanente Sterneverteilen führt zu einer dystopischen Quantifizierung und Ökonomisierung des Alltags. Der Kellner war schlecht gelaunt: ein Stern. Der Görlitzer Park dreckig: ein Stern. Der Kaffee nur lauwarm: ein Stern.
Falzungen akkurat!!!
Natürlich kann man auch positive Bewertungen hinterlassen, aber seien wir mal ehrlich, wie häufig geben wir dem Druckladen fünf Sterne, weil die „Druckqualität genau so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe (und vor allem die Falzungen akkurat sind)!!“? (Wieder C.)
Der Philosoph Byung-Chul Han kritisiert in seinem Essay „Die Krise der Narration“, dass in der Transparenzgesellschaft Informationen echte Erzählungen verdrängt haben. Damit gehe Sinnstiftung und Gemeinschaft verloren.
„Erzählen verlangt nach Muße. In einer beschleunigten Kommunikation haben wir keine Zeit, ja, keine Geduld fürs Erzählen. Es werden nur Informationen ausgetauscht“, schreibt der Philosoph. „Die Transparenz entzaubert die Welt, indem sie sie in Daten und Informationen auflöst.“
Beim Sterneverteilen zählt nur das Urteil, nicht der Kontext. Vielleicht wurde der schlechtgelaunte Kellner gerade verlassen, vielleicht der Görli ausgerechnet am 2. Mai besucht? Nebensache. Wie so oft wird verkürzt, zugespitzt und der Frust im Internet abgeladen, anstatt das Gespräch zu suchen.
Die Bedeutung der Schwarmintelligenz
Andererseits können Google-Rezensionen auch gerechtfertigt und im besten Fall ein mikrorevolutionärer Akt sein. Wie die Bewertung meiner Freundin I., der am Flughafen in Mexiko Kerzen abgenommen wurden, angeblich, weil sie entzündbar seien.
Kurz zuvor hatte sie gesehen, wie das Personal die beschlagnahmte Ware gegenüber verkaufte. „Diebstahl ist eine Sünde,“ schreibt I. in ihrer Bewertung. „Ich hoffe, ihr habt das auf dem Schirm, Security-Personal mit Kreuzen um die Hälse.“
So können Rezensionen auch ein Dienst an der Gesellschaft sein, durch den Wissen geteilt und Öffentlichkeit demokratisiert wird. Wer sich an solchen Open-Source-Projekten beteiligt, gestaltet das Zusammenleben mit. Und was hätte ich bloß für unwiderrufliche Fehler ohne diese Scharmintelligenz gemacht?
Womöglich wäre ich ins Moviemento gegangen, diesen „verschwitzten überfüllten Raum mit Temu-Projektor, in dem es noch unbequemer ist als in öffentlichen Verkehrsmitteln“.
Oder ich hätte in der Hamburger Davidwache übernachtet, dieser „sehr dubiosen, aber kostenlosen Unterkunft“. Der Service sei „miserabel“, kritisiert Lukas B., „die Mitarbeiter unfreundlich.“ Im schlimmsten Fall hätte ich mich in das Wilma Shopping Center verirrt und wäre jetzt in der Klapse, denn: „Dieser Ort löst Depressionen aus“, wie Luja schreibt.
Doch so demokratisch das Spießer-Hobby auch erscheinen mag, es gibt einen Haken. In keinem anderen Land in Europa werden mehr Google-Bewertungen von Unternehmen und Geschäftsinhaber:innen entfernt als hierzulande.
Mehr als 99 Prozent der im ersten Halbjahr 2026 europaweit wegen vermeintlicher „Diffamierung“ entfernten Google-Rezensionen stammten aus Deutschland. Vielleicht liegt die Krise der Rezension also nicht nur im Bewerten, sondern auch im Austeilen ohne einstecken zu können.
Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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