SBB offerieren Anwohnerin Hotel – dann heisst es bitte stornieren

Baulärm-Terror in Bassersdorf ZH
SBB offerieren Anwohnerin Hotel – dann heisst es bitte stornieren
Wegen nächtlichem Baulärm offerieren die SBB Anwohnenden in Bassersdorf ZH Hotelnächte. N. K. erfährt davon erst auf Nachfrage. Kaum hat sie das Angebot schwarz auf weiss, krebsen die SBB zurück.
Publiziert: vor 36 Minuten
- SBB offerierten Betroffenen wegen Nachtarbeiten am Brüttenertunnel Hotelübernachtungen
- Anwohnerin erhielt das Angebot erst nach ihrer Beschwerde, rund 27 Stunden später kam die Bitte um Stornierung
- Weitere laute Nächte sind angekündigt; Anwohnerin fordert ein GA für alle Betroffenen
Daniel KestenholzRedaktor Nachtdienst
N. K.* (57) wohnt in Bassersdorf ZH, direkt an der SBB-Grossbaustelle für den Brüttenertunnel. Seit Mitte September rauben ihr die nächtlichen Bauarbeiten den Schlaf. «Niemand wusste, dass solcher Lärm entsteht. Wir sind alle im Schock», sagt sie zu Blick.
Der Lärm dauert laut Kurt seit Mitte September an. Erst sei nachts ein Turm auf der Baustelle gestanden, inzwischen seien es drei. Es sind Rüttelmaschinen: Sie treiben Stahlelemente in den Boden, sogenannte Spundwände, die für den Bau der Tunnelportale nötig sind. Auf einer Aufnahme, die Blick vorliegt, sieht man daneben eine beleuchtete Wolke aufsteigen, vermutlich Staub oder Wasserdunst.
Neuer Lärmschutz – und trotzdem schlaflos
Dabei hatten die SBB den Medien bei einer Baustellenbegehung am 2. Oktober eine Neuheit präsentiert: Bei den Rüttlern kommt erstmals eine neuartige Lärmschutztechnik zum Einsatz. Sie soll die Belastung für die Anwohnenden senken.
Geholfen hat es offenbar wenig. Im Anwohnerbrief vom 15. Oktober räumen die SBB selbst ein: Obwohl man, wo möglich, einen zusätzlichen Lärmschutz eingesetzt habe, habe der intensive Baulärm die Nachtruhe gestört. Und tagsüber könne man den Lärmschutz an der Spundwandmaschine «aufgrund des geringen Abstands zum Betriebsgleis» gar nicht einsetzen.
Das Angebot: «Entschädigung für Hotelübernachtungen»
Schon am 9. Oktober verschickten die SBB ein Schreiben an Anwohnende: Wegen der lärmigen Nachtarbeiten bieten sie externe Übernachtungen an. Bei K. kommt der Brief nie an.
Am 13. Oktober reicht sie zusammen mit ihrem Mann eine Beschwerde bei den SBB ein, mit Kopie an die Gemeinde. Der Lärm sei «wirklich zu einer Zumutung geworden», schreiben sie. Sie verweisen auf das Umweltschutzgesetz und drohen, die Aufsichtsbehörden einzuschalten.
Tags darauf meldet sich eine SBB-Projektassistentin: Ob sie denn das Anwohnerschreiben «über die Entschädigung für Hotelübernachtungen» nicht erhalten hätten? K. antwortet, sie habe nichts bekommen. Dabei habe sie die Hotellösung zuvor selbst Brüttenertunnel-Leiter Josef Sautter vorgeschlagen.
Am 15. Oktober um 9.29 Uhr schicken die SBB das Schreiben samt Antragsformular per Mail nach. «Da ist was in der Verteilung wahrscheinlich vergessen gegangen», heisst es. Und: «Wir entschuldigen uns dafür, dass sie das Schreiben nicht im Briefkasten hatten.»
Der Rückzug: «Bitte stornieren»
Die Freude hält nicht lange. Am 16. Oktober um 12.01 Uhr, keine 27 Stunden später, folgt die nächste SBB-Mail. Darin heisst es: «Wir haben Ihnen mit unserem Schreiben vom 09.10.2026 infolge der nächtlichen Spundwandarbeiten externe Übernachtungen angeboten.» Dank des «erfolgreichen Arbeitsfortschritts» könnten die Arbeiten nun tagsüber erfolgen. Vom 20. bis 23. Oktober gebe es keine lärmintensiven nächtlichen Spundwandarbeiten mehr.
Die Konsequenz formulieren die SBB so: «Wir möchten Sie bitten – soweit jetzt noch möglich – die Übernachtungen in der kommenden Woche zu stornieren.» Bereits angefallene Kosten würden vergütet. Man entschuldige sich «für die Umtriebe».
Ruhig wird es trotzdem nicht
Der Haken: Im gleichen Schreiben kündigen die SBB «lauteren Unterhaltarbeiten an der Fahrbahn» an. Und zwar in den Nächten vom 23./24., 27./28. und 28./29. Oktober. Von Hotelnächten ist dafür keine Rede.
Ende November, Anfang Dezember und im Januar/Februar 2027 rechnen die SBB zudem mit Spundwandarbeiten während «insgesamt rund 10 Nächten». Insgesamt sollen die Bauarbeiten zehn Jahre dauern.
Erst keine Entschädigung, dann doch
Besonders sauer stösst K. der Umgang mit ihr auf. Projektleiter Sautter gebe sich zwar zuvorkommend und habe vorbeikommen wollen. Passiert sei nichts. Am Telefon habe er ihr gesagt, Entschädigungen seien keine geplant. Und sie sei die Einzige, die sich beschwere. Dann erschien der Blick-Bericht, in dem zahlreiche Anwohnende über schlaflose Nächte klagten.
Beim zuständigen Tiefbauamt und bei den SBB sei ihr zudem telefonisch versichert worden, rechtlich habe sie keine Chance auf eine Entschädigung. Das Hotelangebot war also offenbar ein freiwilliges Entgegenkommen, und zurückgezogen wurde es ebenso schnell. Die Gemeinde Bassersdorf ZH habe die Anwohnenden auch nicht vorab über den hohen Lärmpegel informiert.
Kurt spricht von «Salamitaktik»: Informationen und Angebote kämen nur scheibchenweise und erst auf Druck. «Ich dachte nicht, dass so etwas in der Schweiz möglich ist.»
GA-Wunsch
Sie sei nicht gegen den Bahnausbau. Sie sei selber SBB-Kundin und habe kein Auto. Es brauche den Ausbau, aber nicht so.
Fair fände sie ein Generalabonnement für alle Betroffenen, wie es auch schon andere Anwohner gefordert haben.
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