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Friday, October 16, 2026

1944 geflüchtet – Von der Schweiz ausgeliefert, von Nazis erschossen

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1944 geflüchtet Von der Schweiz ausgeliefert, von Nazis erschossen

Anton Reinhardt flüchtete 1944 in die Schweiz. Doch der Angehörige der Sinti wurde abgeschoben und danach von Nazis erschossen. Zu seinem Gedenken wurde in Koblenz ein Stolperstein gesetzt.

Mit einem Schuss ins Genick wurde Anton Reinhardt am 31. März 1945 getötet. Es war Karfreitag. Nach einem kurzen Gerichtsprozess vollstreckte ein SS-Obersturmbannführer das Todesurteil. Zuvor war der 17-jährige Sinto misshandelt worden und musste sein eigenes Grab schaufeln. So steht es in seiner Biografie.

Zwei identische Schwarzweiss-Porträtfotos eines Mannes in kariertem Hemd.
Legende: Diese Polizeifotos von Anton Reinhardt liegen bis heute im Schweizerischen Bundesarchiv. Willi Wottreng / Schweizerisches Bundesarchiv

Das Verfahren gegen Anton Reinhardt war selbst nach SS-Massstäben nichts als ein Scheinprozess. Vorgeworfen wurde ihm Wehrdienstverweigerung, doch ein späteres Urteil des Deutschen Bundesgerichtshofs von 1960 stellte fest, dass die Täter ihn wohl aus rassistischen Gründen töteten.

Seine Hinrichtung war ganz im Sinne des nationalsozialistischen Ausrottungsprogramms. Sinti, Roma und Jenische galten gemäss Nazi-Ideologie – wie Juden – als moralisch und biologisch minderwertig.

In der Schweiz abgewiesen

Für Anton Reinhardt wurde Mitte Oktober am Rheinufer in Koblenz im Kanton Aargau ein Stolperstein gesetzt. Ein Mahnmal, um an sein Schicksal zu erinnern. Denn seine Geschichte ist auch mit der Schweiz verbunden. Dies zeigt seine Biographie, welche vom Zürcher Schriftsteller und Journalisten Willi Wottreng anlässlich der Stolpersteinsetzung verfasst wurde.

Am Anlass in Koblenz waren rund 100 Personen zugegen. Der Stein für Anton Reinhardt ist der 61. Stolperstein, der in der Schweiz gesetzt wurde. Der Erste für einen Angehörigen der Sinti. «Jüdinnen und Juden sind die grösste Opfergruppe der Nazis, aber nicht die Einzige», sagt Jakob Tanner vom Vorstand des Vereins Stolpersteine.

«Stolpersteine» ist ein Projekt, das an das Schicksal der Menschen erinnert, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Initiiert wurde das Projekt vom deutschen Künstler Gunter Demnig.

Mit mittlerweile über 100'000 Gedenksteinen in mehr als 30 Ländern gilt das Projekt Stolpersteine als das grösste dezentrale Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus.

Seit 2020 setzt auch ein Verein in der Schweiz solche Erinnerungszeichen für Opfer, die einst hier ihren Wohnsitz hatten.

Kürzlich wurde im sächsischen Heidenau die Setzung von Stolpersteinen verboten.

Anton Reinhardt wurde 1927 im Dorf Weiden im deutschen Bundesland Baden-Württemberg geboren. Seine Mutter Elwira stammte aus einer Sinti-Familie mit französischen und schweizerischen Wurzeln. Sie ist Antons Vater in der Schweiz begegnet. Doch dieser lernte seinen Sohn niemals kennen. Anton wuchs in Süddeutschland auf. Im Jahre 1935 zog er mit seiner Mutter nach Waldshut und arbeitete nach der Schule als Hilfsarbeiter in einer Maschinenfabrik.

Nachdem er sich kritisch über den Krieg geäussert hatte, geriet er ins Visier der Nazi-Behörden. Ihm drohte die Zwangssterilisation als sogenannter «Zigeunermischling». Der junge Mann wollte aus Deutschland fliehen.

Kein Asyl für den «dubiosen Menschen»

Im August 1944 täuschte er eine Blinddarmentzündung vor, floh aus dem Krankenhaus und schwamm über den Rhein in die Schweiz, mit der Hoffnung auf Asyl. Doch die Schweizer Behörden verhafteten ihn. Das Polizeikorps des Kantons Aargau schrieb über Anton Reinhardt: «Derselbe wird als ein dubioser Mensch geschildert, und seine Eltern zählten vor dem Krieg zum Fahrenden Volk.»

Nach Rücksprache mit der Polizeiabteilung in Bern wurde Anton Reinhardt ins deutsch besetzte Elsass abgeschoben, wo er sogleich gefasst wurde. Von den Nazis wurde er in verschiedene Gefangenenlager gesteckt, wo er Zwangsarbeit leisten musste.

Nach mehreren Fluchtversuchen gelang es Anton Reinhardt schliesslich, aus dem Lager zu entkommen. Doch er wurde gefasst und am 31. März 1945 hingerichtet. Rund sechs Wochen vor dem Ende des 2. Weltkriegs.

Anton Reinhardts letzter Brief an seine Mutter wurde nie abgeschickt. Der Brief befindet sich im deutschen Freiburg im Staatsarchiv. Darin steht unter anderem: «Liebe Mutter (...) Ich wünsche euch eine gute Gesundheit und langes Leben. Gute Nacht.»

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