Tiefere Krankenkassen-Prämie – ist das dank KI möglich?

- Die Menschen in der Schweiz fühlen sich gesünder als im Vorjahr – trotzdem steigen die Krankenkassenprämien auch 2027.
- CSS-CEO Mirjam Bamberger sieht in künstlicher Intelligenz eine Chance, die Versorgungsqualität zu verbessern und gleichzeitig Kosten zu senken.
- Um unnötige Kosten im Gesundheitswesen zu minimieren, brauche es alle Akteure im Gesundheitswesen.
Die Menschen in der Schweiz fühlen sich wieder etwas gesünder als in den Vorjahren. Das zeigt die neueste Gesundheitsstudie der CSS – alle Erkenntnisse gibt es hier. CSS-CEO Mirjam Bamberger spricht im Interview über KI-Chatbots zur Selbstdiagnose, eine 50-Franken-Pauschale für Notfälle ohne ärztliche Zuweisung und den Kampf gegen steigende Krankenkassenprämien.
Mirjam Bamberger, wann haben Sie zuletzt Ihre Symptome einem Chatbot geschildert?
Ich habe das Glück: Nach der Covid-Pandemie war ich nicht mehr richtig krank und habe darum bisher keine eigenen Symptome mit einem Chatbot besprochen. Ich nutze KI aber durchaus als erste Orientierung zum Thema Gesundheit.
42 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer holen sich inzwischen bei einem Chatbot eine Ersteinschätzung zu Symptomen. Spart das der CSS Geld oder schickt die KI die Menschen im Zweifel erst recht in die Praxis?
Beides ist möglich – wie sich KI auf die Zahl der Arztbesuche auswirkt, lässt sich heute noch nicht beurteilen. KI-Chatbots sind eine leicht verfügbare, zusätzliche Möglichkeit, sich zu informieren. Gut informierte Versicherte können Symptome besser einschätzen und unnötige Arztbesuche vermeiden. Andererseits kann zu viel Information zu Verunsicherung führen.
«Richtig eingesetzt, kann KI die Qualität der Versorgung verbessern und Kosten sparen.»
Das BAG sagt, die Kosten steigen vor allem, weil mehr behandelt wird. Ist KI Teil des Problems?
Dass die Behandlungen zunehmen, hat vor allem mit dem medizinischen Fortschritt und dem verfügbaren Angebot zu tun. Bei KI sehe ich eine der grössten Chancen für unser Gesundheitswesen. Richtig eingesetzt, kann KI die Qualität der Versorgung verbessern und gleichzeitig Kosten sparen. KI kann Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose unterstützen und Behandlungen besser aufeinander abstimmen. Ich denke dabei an Hautkrebsscreenings, aber ebenso an die komplexe Schichtplanung im Spital sowie die Koordination von Behandlungsschritten und Nachsorge. Auch bei den grossen Herausforderungen des Gesundheitswesens – dem Fachkräftemangel und der Bürokratie – kann KI einen grossen Beitrag leisten.
Nur noch die Hälfte wendet sich ans Umfeld, wenn es ihr psychisch schlecht geht. Gleichzeitig nutzt jeder Siebte einen Chatbot als Stütze. Ist KI für eine Krankenkasse die billigere Therapie?
Ein klares Nein. KI-Chatbots sind kein Ersatz für eine professionelle psychologische Unterstützung. Digitale Angebote können aber eine sinnvolle Ergänzung sein, insbesondere wenn sie in einen therapeutischen Kontext eingebettet sind. Gerade angesichts der hohen Nachfrage nach Angeboten rund um mentale Gesundheit sehe ich durchaus Potenzial, mit KI die Erstversorgung zu verbessern.
Würden Sie Ihren Versicherten empfehlen, bei psychischen Problemen zuerst mit einem Chatbot zu sprechen?
Nicht pauschal. KI kann durchaus die Hemmschwelle senken, sich Hilfe zu holen. Doch gerade bei psychischen Problemen ist der persönliche Kontakt oft entscheidend.
Zwei Drittel fühlen sich gesund, mehr als im Vorjahr. Trotzdem steigen die Prämien 2027 im Schnitt um 5 Prozent. Wie erklären Sie das einer Familie?
Es bereitet mir grosse Sorgen. Die Krankenversicherungsprämien sind für viele Menschen zu einer spürbaren Belastung geworden. Die Gesundheitskosten nehmen drastisch zu. Und nicht alles ist demografiegetrieben. Durch den medizinischen Fortschritt sind immer neue und innovative Behandlungen verfügbar – gleichzeitig nehmen wir alle immer mehr Leistungen in Anspruch. Dieses Kostenwachstum müssen wir dringend bremsen.
Wie gelingt das?
Dafür braucht es alle Akteure im Gesundheitswesen. Wir müssen nicht an der Qualität sparen, sondern unnötige Kosten vermeiden. Es braucht eine bessere Koordination im Gesundheitswesen, wirksame Prävention und Reformen im gesamten System. Die CSS hat allein 2025 ungerechtfertigte Kosten von 872 Millionen Franken verhindert. Darunter sind zahlreiche Doppelspurigkeiten und Fehlbehandlungen. Ich erwarte, dass der Betrag in wenigen Jahren auf eine Milliarde ansteigen wird.
78 Prozent sehen in mehr Prävention den besten Weg, die Kosten zu senken. Die CSS forderte schon vor zwei Jahren einen «Paradigmenwechsel». Was hat sich seither konkret getan?
Wir kommen vom Reden ins Handeln. Seit Juli können sich die Krankenversicherer gezielt über Präventionsmassnahmen informieren. Die CSS nutzt diese neue gesetzliche Grundlage: Wir haben kürzlich jüngere Versicherte auf die Grippeimpfung aufmerksam gemacht. Denn auch jüngere Menschen können aufgrund chronischer Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Grippeverläufe haben. Unser Anspruch ist klar: Gesundheit fördern, ehe Krankheit entsteht. Dass solche Hinweise wirken, zeigt eine aktuelle Untersuchung unseres CSS-Instituts: Nach einem Hinweis auf eine Impfapotheke in der Nähe liessen sich rund ein Drittel mehr Versicherte impfen.
Eine Mehrheit wäre für 50 Franken Gebühr, wenn man ohne Not in den Notfall geht, aber gegen eine höhere Mindestfranchise. Wo stehen Sie?
Eine pauschale Notfallgebühr überzeugt mich nicht. Sie schafft Abgrenzungsprobleme, statt die Ursache zu lösen. Die Überlastung der Notfallstationen durch Bagatellfälle ist heute ein tägliches Problem. Der aktuell diskutierte Vorschlag ist aber kompliziert, sieht viele Ausnahmen vor und ist für mich keine Lösung. Wir brauchen besser zugängliche Anlaufstellen und eine gezielte Patientensteuerung. Auch eine moderate Erhöhung der Mindestfranchise halte ich für prüfenswert, solange sie sozialverträglich ausgestaltet ist. Sie wurde seit über 20 Jahren nicht angepasst. Studien zeigen: Wer sich stärker an den Kosten beteiligt, übernimmt mehr Eigenverantwortung und nutzt Gesundheitsleistungen bewusster. Genau das kann die Prämien für alle entlasten.
Für Junge ist der eigene Medienkonsum die meistgenannte Gesundheitsbelastung. Wie viel Zeit verbringen Sie täglich auf Tiktok, Instagram und Co.?
(Lacht) Mehr, als mir lieb ist. Vor allem bei Newsfeeds passiert es schnell: Man schaut kurz aufs Natel – und verliert mehr Zeit als geplant. Ich gehe damit sehr bewusst um. Bemerkenswert finde ich, dass in unserer Gesundheitsstudie junge Erwachsene diese Belastung selbst so klar benennen. Digitale Kompetenz bedeutet auch, bewusst abschalten zu können.
Sie sind Chefin von rund 3000 Mitarbeitenden: Gibt es bei der CSS ein Recht auf Nichterreichbarkeit?
Ja, selbstverständlich. Wir erwarten von niemandem, dass er abends und am Wochenende ständig erreichbar ist. Unsere Mitarbeitenden leisten jeden Tag viel – und ich möchte, dass sie Freude an ihrer Arbeit haben. Erholung ist deshalb kein Luxus, sondern Voraussetzung für Gesundheit. Im Umkehrschluss gehören heute beruflicher Stress und mangelnder Schlaf zu den häufigsten Belastungen für die Gesundheit. Das hat unsere aktuelle Studie gezeigt. Als Arbeitgeberin tragen wir dafür Verantwortung und ich nehme dies sehr ernst.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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