Jugendproteste in Frankreich – «Studierende zwischen Niedergeschlagenheit und Empörung»

Geschlossene Universitäten, Tausende Festnahmen: Bei den Jugendprotesten geht es um mehr als nur um marode Schulen, sagt Hélène Miard-Delacroix, Professorin für Zeitgeschichte an der Pariser Universität Sorbonne. Es sei der Aufschrei einer Generation, die sich vernachlässigt fühlt und um ihre Zukunft fürchtet.
SRF News: Sie lehren an der renommierten Sorbonne. Wie ist die Situation dort?
Hélène Miard-Delacroix: Die Sorbonne ist aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die Bewegung begann wie üblich mit Blockaden, aber als versucht wurde, in die Gebäude einzudringen, hat die Universitätsleitung entschieden, alles zu schliessen. Man befürchtet eine Besetzung, die nur mit Polizeigewalt geräumt werden könnte. Der Unterricht für die Studierenden findet zurzeit nur noch per Zoom statt.
Es heisst, eine ganze Generation fühle sich vernachlässigt und vielen gehe es psychisch nicht gut. Trifft das auf Ihre Studierenden zu?
Ja, absolut. Die Zahl der Studierenden, die sagen, dass sie sich schlecht fühlen, ist viel höher als früher. Sie thematisieren das offen, schreiben uns, sie konnten «nicht aus dem Bett», hatten «Angst» oder einen «Burnout».
Dazu kommen die grossen Zukunftsängste: die Klimakatastrophe, die Sorge, dass KI die eigene berufliche Zukunft zerstört, und die enorme Staatsverschuldung.
Gleichzeitig sind sie isoliert und werden auf Social Media ständig mit anderen konfrontiert, die angeblich alles besser schaffen. Dazu kommen die grossen Zukunftsängste: die Klimakatastrophe, die Sorge, dass KI die eigene berufliche Zukunft zerstört, und die enorme Staatsverschuldung. Das führt entweder zu grosser Niedergeschlagenheit oder eben zur Empörung, die wir jetzt auf der Strasse sehen.
Ist es also ein Generationenkonflikt? Ein Aufstand gegen die «Boomer»?
Ja, das Wort «Boomer» taucht im Narrativ der Protestierenden immer wieder auf. Es ist eine Anklage gegen die Älteren nach dem Motto: «Was für ein Leben habt ihr für uns vorbereitet?» Die Wahrnehmung ist, dass die Babyboomer-Generation von allem profitiert hat, während die heutige Jugend zu spät kommt und nichts mehr zu geniessen hat.
Diese Empörung ist von teils massiver Gewalt geprägt. Ist das ein typisch französisches Muster?
Ja, die Gewalt von und gegen die Polizei ist in Frankreich höher als anderswo. Anders als etwa in Deutschland hat die französische Polizei nie einen Weg zur Deeskalation eingeschlagen. Dazu kommt eine besondere politische Kultur: Die Republik entstand in der Revolution, und diese revolutionäre Imagination spielt immer noch eine Rolle.
In einem halben Jahr sind Präsidentschaftswahlen. Wer profitiert von diesen Protesten? Könnte die radikale Linke um Jean-Luc Mélenchon gestärkt werden?
Dieser Protest ist für Mélenchon massgeschneidert. Eine Jugend erhebt sich gegen die Reichen und kämpft für Gleichheit – das passt perfekt in sein Narrativ. Er hofft auf die Stimmen der Erstwähler und stilisiert sich in der Polarisierung als letzter Verteidiger der Republik.
Das ist ein Merkmal der aktuellen Lage: Egal, was passiert, Marine Le Pen profitiert.
Und auf der anderen Seite: Könnte auch die Rechtsaussenpartei von Marine Le Pen profitieren?
Ja, das ist ein Merkmal der aktuellen Lage: Egal, was passiert, Marine Le Pen profitiert. Wenn die Menschen in Frankreich den Eindruck haben, es geht ihnen nicht gut, strömen sie zu ihr. Sie versucht, die Proteste als Werk einer linksextremen Jugend, teils mit Migrationshintergrund, darzustellen und steht ein für Ruhe und Ordnung.
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