Warum «Emma» nach 50 Jahren vom Kiosk verschwindet

Alice Schwarzers Erbe
Warum «Emma» nach 50 Jahren vom Kiosk verschwindet
Nach fast 50 Jahren stellt Frauenrechtlerin Alice Schwarzer ihr feministisches Kultmagazin «Emma» ein. Das Ende einer publizistischen Revolution, deren Gründerin zuletzt selbst zur Reizfigur wurde.
Publiziert: vor 20 Minuten
- Alice Schwarzer stellt die gedruckte «Emma» nach fast 50 Jahren ein, letzte Ausgabe am 8. Dezember
- Nicht Geld, sondern eine erschöpfte Redaktion und fehlende Nachfolge führen zum Print-Aus bei «Emma»
- Das Magazin thematisierte Sexualität, Gewalt und Ehevergewaltigung, online soll es weitergehen
Sie attackierte das Patriarchat, brach gesellschaftliche Tabus und machte den Feminismus zum grossen öffentlichen Streitthema. Doch nun schlägt Alice Schwarzer (83) ungewohnt leise Töne an. Nach fast 50 Jahren stellt Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin ihr legendäres Magazin «Emma» in gedruckter Form ein. Am 8. Dezember erscheint die letzte Ausgabe. «Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet», das erklärt die Herausgeberin lakonisch auf der Website des Magazins.
Doch warum ist Schluss? Am Geld liege es nicht, betont die Gründerin: «Unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben.» Dennoch sind die Abonnentenzahlen deutlich geschrumpft. Zuletzt hielten noch rund 15 000 Leserinnen dem Blatt die Treue – etwa halb so viele wie einst. Ausschlaggebend sei jedoch die Erschöpfung der langjährigen Redaktion. Und die fehlende Nachfolge. Seit den 1990er-Jahren habe sie immer wieder versucht, die Leitung abzugeben, erzählt Schwarzer im Interview mit der «Zeit». Vergeblich. Der Posten sei eine «Mörderarbeit» und undankbar. «Emma» war eben nie bloss eine Zeitschrift. Sie trug über Jahrzehnte unverkennbar die Handschrift ihrer Gründerin.
Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»
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Eine Revolution am Kiosk
Als Schwarzer am 26. Januar 1977 die erste «Emma» lanciert, ist die 34-Jährige längst eine prominente Stimme der deutschen Frauenbewegung. Als freie Korrespondentin in Paris hatte sie sechs Jahre zuvor die Idee für eine spektakuläre «Stern»-Titelgeschichte nach Deutschland gebracht. Unter dem Motto «Wir haben abgetrieben!» bekannten sich 374 Frauen öffentlich zu einem damals strafbaren Schwangerschaftsabbruch. Ein Tabubruch, der das Land aufrüttelte. Mit ihrem Bestseller «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» sorgte Schwarzer 1975 erneut für Furore. Nun wollte die Journalistin nicht länger auf das Wohlwollen männlicher Chefredaktionen angewiesen sein, sondern selbst die Themen setzen. Sie investierte 250000 D-Mark aus ihren Buchhonoraren in ein Wagnis: eine Zeitschrift von Frauen für Frauen. Die Branche spottete und prophezeite dem Projekt ein kurzes Leben. Doch die Startauflage von 200000 Exemplaren war innert Tagen vergriffen, weitere 100000 wurden nachgedruckt. «Emma» traf den Nerv der Zeit. Das Blatt brach das Schweigen über weibliche Sexualität und häusliche Gewalt, kämpfte gegen sexuellen Missbrauch und für die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. Und blieb auch in den 1980er- und 1990er-Jahren unbequem. Mit ihrer umstrittenen «PorNo»-Kampagne gegen Pornografie provozierte die Redaktion heftige Debatten. Schwarzer selbst stritt unerbittlich in Talkshows und wurde zur Galionsfigur der Frauenbewegung.
Von der Ikone zur Reizfigur
Doch die Zeiten änderten sich – und mit ihnen der Feminismus. Jüngere Strömungen rückten Fragen der Diversität, Rassismuskritik und queeren Identität stärker ins Zentrum. Die einstige Vorkämpferin wurde für viele jüngere Feministinnen zunehmend zur Reizfigur. Schwarzers Haltung zum Kopftuch, ihre Kritik an der Transbewegung und zuletzt das gemeinsam mit Sahra Wagenknecht (57) lancierte Friedensmanifest zum Ukraine-Krieg sorgten für heftigen Widerspruch. Nach dem Manifest kündigte laut Schwarzer jede fünfte Abonnentin aus Protest.
Ganz verschwinden wird Schwarzers Lebenswerk aber nicht. Online soll «Emma» als feministisches Forum weiter bestehen, auch ein Newsletter ist geplant. Schwarzer selbst will künftig wieder mehr Bücher schreiben.
Den Abschied vom gedruckten Lebenswerk feiert die Redaktion standesgemäss mit Champagner in Paris – jener Stadt, in der Schwarzers feministisches Engagement einst entscheidend geprägt wurde. Der Tisch im legendären Restaurant La Coupole ist bereits reserviert. «Die ‹Emma› wird uns furchtbar fehlen», gesteht die 83-Jährige abschliessend. Ein bisschen Wehmut darf sein. Schliesslich verabschiedet sich mit der «Emma» auch ein halbes Jahrhundert Frauengeschichte.
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