Zwei Jahre Sheinbaum in Mexiko: Erfolge und Baustellen
Claudia Sheinbaum ist seit zwei Jahren Präsidentin Mexikos. Politisch setzt sie weitgehend das Projekt ihres Mentors und Vorgängers Andrés Manuel López Obrador fort. Doch die erste Frau an der Staatsspitze muss sich zugleich mit Problemen auseinandersetzen, die weit über Mexiko hinausreichen: der Gewalt der Drogenkartelle, Zehntausenden Vermissten und dem wachsenden Druck aus den USA unter Präsident Donald Trump.
Weniger Morde – aber mehr Vermisste
Bei der Sicherheitslage kann Sheinbaum auf Fortschritte verweisen. In ihrem zweiten Regierungsbericht erklärte sie, die durchschnittliche Zahl der täglichen Tötungsdelikte sei seit ihrem Amtsantritt um 51 Prozent gesunken.
Edgar Cortéz vom Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie sieht ebenfalls Verbesserungen bei der Bekämpfung von Tötungsdelikten. Über deren Ausmaß gibt es allerdings Streit. Die Denkfabrik México Evalúa sieht keine ausreichenden statistischen Belege dafür, den Rückgang unmittelbar auf Einsätze der Bundesregierung zurückzuführen.
Zugleich weisen andere Indikatoren in eine problematische Richtung. Laut México Evalúa nahm die Zahl der registrierten Fälle von Verschleppungen und Verschwindenlassen innerhalb eines Jahrzehnts um 127 Prozent zu, andere Straftaten gegen das Leben um 197 Prozent und Femizide um 53 Prozent.
Wer regiert Mexiko wirklich?
Das nationale Register verzeichnete im Juni 2026 insgesamt 135.271 Vermisste. Zu Beginn von Sheinbaums Amtszeit waren es laut einer Analyse der Organisation Red Lupa etwa 115.000.
Cortéz kritisiert gegenüber DW vor allem den Umgang der Regierung mit diesem Problem. "Es fehlt der politische Wille", sagt er. Die Regierung sehe darin einerseits kaum einen politischen Nutzen, andererseits fehle es an technischer Kompetenz, um Maßnahmen von Bund und Bundesstaaten miteinander zu koordinieren.
Auch Vertreibung ist eine Folge der Gewalt. Nach Angaben des Statistikamts INEGI musste zwischen Oktober 2020 und Oktober 2025 in 510.000 Haushalten mindestens ein Mitglied wegen Gewalt oder Kriminalität seinen Wohnort wechseln. In diesen Haushalten lebten insgesamt 1,6 Millionen Menschen.
Kampf gegen Korruption – aber wie konsequent?
Beim Kampf gegen Korruption erkennt Eduardo Bohórquez, Direktor von Transparencia Mexicana, einen Strategiewechsel. Die Regierung konzentriere sich stärker auf Verbindungen zwischen Staatsbediensteten und organisiertem Verbrechen.
Ein Beispiel ist die "Operación Enjambre", mit der mögliche Verbindungen von Politikern und Beamten zur organisierten Kriminalität untersucht werden. Nach Angaben von Sicherheitsminister Omar García Harfuch wurden dabei mehr als 100 Amtsträger unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit festgenommen – darunter Bürgermeister, ehemalige Bürgermeister und Polizeikommandeure.
Kritiker werfen der Regierung jedoch selektives Vorgehen vor. Bislang wurde kein amtierender oder ehemaliger Gouverneur der Regierungspartei Morena, gegen den Vorwürfe wegen Korruption oder mutmaßlicher Verbindungen zum organisierten Verbrechen erhoben wurden, strafrechtlich verfolgt oder festgenommen.
Bohórquez wartet deshalb auf das von Sheinbaum angekündigte Reformpaket zur Korruptionsbekämpfung. Erst daran lasse sich beurteilen, ob sie tatsächlich einen anderen Kurs einschlage als López Obrador.
Trump erhöht den Druck
Innen- und Außenpolitik lassen sich dabei kaum noch trennen. Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus steht Mexiko unter erheblichem Druck aus Washington – bei Drogenbekämpfung, Migration und Handel.
Trump wirft Mexiko vor, nicht entschieden genug gegen die Kartelle vorzugehen. Seine Regierung hat mehrere mexikanische Verbrecherorganisationen als Terrororganisationen eingestuft. Trump drohte wiederholt mit einem eigenständigen Vorgehen der USA gegen die Kartelle. Sheinbaum lehnt eine militärische Intervention auf mexikanischem Territorium ab und setzt nach eigener Darstellung auf "Kooperation ohne Unterordnung".
Gleichzeitig arbeitet Mexiko eng mit den USA zusammen. Besonders sichtbar ist das in der Migrationspolitik: Die Zahl der von US-Behörden registrierten Migrantenkontakte an der Grenze zu Mexiko sank zwischen 2024 und dem US-Haushaltsjahr 2025 um mehr als 84 Prozent – von über 1,5 Millionen auf rund 238.000.

Auch wirtschaftlich ist das Verhältnis entscheidend. Mexiko und die USA verhandeln über Handelsfragen und die Zukunft des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA, in Mexiko T-MEC genannt. Mexiko versucht unter anderem, US-Zölle auf Stahl, Aluminium und Autos zu reduzieren. Noch im September erklärte Sheinbaum nach einem Gespräch mit Trump, beide Seiten arbeiteten an einem Handelsabkommen.
Damit verfolgt sie einen Balanceakt: möglichst enge Zusammenarbeit mit dem mit Abstand wichtigsten Wirtschaftspartner, ohne den Eindruck zu erwecken, Mexiko gebe unter dem Druck Washingtons seine politische Souveränität auf.
Fortschritte bei sozialen Rechten
Positiver fällt die Bilanz bei den wirtschaftlichen und sozialen Rechten aus. Cortéz verweist auf die Erhöhung des Mindestlohns sowie staatliche Transferleistungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung.
Bei anderen Menschenrechten sieht er dagegen "keinen Fortschritt und Rückschritte". Neben den Vermissten nennt er Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger und Journalisten sowie Großprojekte, bei denen indigene und bäuerliche Gemeinschaften nicht ausreichend konsultiert würden.
Als möglichen Fortschritt nennt Cortéz Sheinbaums angekündigtes landesweites Gesetz gegen Femizide, das die unterschiedlichen Regelungen auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene vereinheitlichen soll. "Das kann positiv sein, aber das Problem ist die Umsetzung", warnt er.
Weniger Transparenz
Auch beim Zugang zu staatlichen Informationen sehen Experten Rückschritte. Die Regierung schaffte das seit zwei Jahrzehnten bestehende unabhängige Transparenzinstitut INAI ab. Seine Aufgaben wurden auf verschiedene staatliche Stellen verteilt.
"Statt es einfacher zu machen, wurde alles zerstückelt", kritisiert Bohórquez. Wer Informationen vom Kongress, der Justiz, dem Militär oder lokalen Behörden verlangt, muss sich nun direkt an die jeweilige Institution wenden.
Auch Sheinbaums tägliche Pressekonferenz bewertet Bohórquez ambivalent: Sie sei "sehr effektiv als Instrument politischer Kommunikation, aber keine Rechenschaftslegung".
Für Cortéz zeigt sich darin eine grundsätzliche Frage politischer Prioritäten. Sozialprogramme böten einen "unmittelbaren politischen Ertrag". Bürgerliche und politische Rechte dagegen verlangten langfristige Arbeit und ließen sich "nicht sofort politisch kapitalisieren".
Nach zwei Jahren steht Sheinbaum damit für Kontinuität und Veränderung zugleich: Fortschritten bei Sozialpolitik und Teilen der Sicherheitsstrategie stehen ungelöste Probleme bei Gewalt, Vermissten, Korruption, Transparenz und Menschenrechten gegenüber. Hinzu kommt die außenpolitische Herausforderung: ein US-Präsident, der Mexiko bei Sicherheit, Migration und Handel gleichzeitig unter Druck setzt.
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