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Saturday, October 10, 2026

Todesstrafen-Priester sagt: «Ich fühle mich jedes Mal wie ein Mord-Komplize»

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14 Hinrichtungen hat Jeff Hood (42) hautnah miterlebt, so viele wie kein anderer in den USA. Der Seelsorger aus Little Rock, Arkansas, reist quer durchs ganze Land, um Verbrechern in ihren allerletzten Momenten beizustehen. Er war in der Todeskammer, als die USA zum ersten Mal einen Mann mit Stickstoff vergasten. Und er war diesen Donnerstag bei der ersten Exekution nach der geplatzten Giftspritzen-Hinrichtung von Christa Pike (50) dabei.

Der Todesstrafen-Priester erzählt, wie er die Verurteilten auf die Exekution vorbereitet, welche Hinrichtungsmethode er für sich wählen würde und warum er eine Livestream-Hinrichtung, wie sie die US-Regierung am 3. Dezember durchführen will, gar nicht so schlecht fände.

Blick: Herr Hood, Sie sind eben zurück von der ersten Exekution nach der gescheiterten Hinrichtung von Christa Pike. Lief diesmal alles nach Plan?

Jeff Hood: Aus Sicht des Staates schon. Jamaal Howard, den ich in Huntsville in die Todeskammer begleitet habe, hatte einen IQ von etwa 65. Er hat bis zuletzt nicht verstanden, was mit ihm passiert. Kurz vor seiner Hinrichtung fragte er mich: «Warum weinen alle?» Als ich ihm zu erklären versuchte, dass man ihm jetzt dann gleich ein tödliches Mittel – auf Englisch «drugs» – in den Arm spritzen werde, sagte er mir: «Keine Sorge, Jeff, ich nehme keine Drogen.»

Sie haben 14 Hinrichtungen miterlebt. Wie bereiten Sie die Verurteilten auf ihren letzten Gang vor?

Ich versuche mit meiner Organisation «Execution Intervention Project» bis zuletzt, die jeweilige Hinrichtung zu stoppen. Wenn das nicht gelingt, bleibt mir nur, für die Verurteilten da zu sein, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu beten. Es hilft den Menschen, wenn sie ihrem Tod nicht ganz allein entgegenschreiten müssen.

In Texas müssen Sie das alles von Gesetzes wegen getrennt durch eine Glasscheibe machen.

Leider. Ich konnte Jamaal weder Brot noch Wein für das Abendmahl reichen. Deshalb verwendeten wir eine Zimtschnecke und – immerhin – ein rotes Powerade aus dem Automaten. Ich segnete beides. Im Todestrakt muss man improvisieren. Für Jamaal schmeckte Gottes Liebe nach Zimt und das Blut Christi nach Powerade.

Howard starb – wie die meisten zum Tode Verurteilten in den USA – durch den umstrittenen Wirkstoff Pentobarbital. Sie haben auch Hinrichtungen mit Stickstoffmasken miterlebt. Was ist humaner?

Sie sollten sich fragen: Wie würden Sie selbst hingerichtet werden wollen? Müsste ich wählen, ich nähme die Guillotine: Das ist schnell und sauber. Die Methoden, die wir in den USA verwenden, sind einzig und allein dazu da, von aussen alles möglichst harmlos erscheinen zu lassen, damit sich die Öffentlichkeit besser fühlt. Das Leiden der Verurteilten spielt keine Rolle.

Was meinen Sie konkret?

Bei der Stickstoffmethode dachte man, der Mensch würde einfach einschlafen. Dann wurde daraus eine Horrorshow. Dieses Mass an Grausamkeit hat es meiner Ansicht nach seit den Massenvergasungen in Nazi-Deutschland nicht mehr gegeben. Statt in einer Kammer werden die Menschen einfach hinter einer Maske vergast. Warten Sie, ich zeige es Ihnen.

Hood holt aus einer Schublade eine Originalgasmaske hervor, die vom Kinn bis zum Haaransatz reicht. Sie sieht aus wie eine tödliche Taucherbrille.

Sie waren bei der ersten Stickstoffhinrichtung der US-Geschichte 2024 dabei.

Es war, als müsste ich zusehen, wie jemand unter einem Plastiksack erstickt. Der Körper von Kenneth Smith zuckte acht Minuten lang. Sein Gesicht schlug immer wieder gegen die Maske. Blut, Speichel und Schleim liefen darin herunter wie ein Wasserfall. Bei Anthony Boyd wars 2025 fast noch schlimmer. Seine Augen quollen hervor wie Ballons. Durch die Maske schrie er: «Jeff, hilf mir! Hilf mir!» Ich zitterte am ganzen Körper und zerriss das Deckblatt meiner Bibel, ohne es zu merken.

Trotz dieses Horrors gehen Sie immer wieder aufs Neue in die Todeszelle.

Ich fühle mich jedes Mal wie ein Komplize bei einem Mord. Ich tröste diesen Menschen. Gleichzeitig fühlt es sich an, als hielte ich ihn ruhig, damit der Staat ihn töten kann. Mit jeder Minute fühlt sich meine Soutane schwerer an, als ziehe sie mich zu Boden. Nach jeder Hinrichtung frage ich mich, ob ich seelisch wieder herausfinde.

Warum setzen Sie sich dem immer wieder aus?

Mein Glaube ruft mich zu den Menschen, die am stärksten ausgegrenzt werden. In den USA kenne ich keine stärker ausgegrenzte Gruppe als die Menschen im Todestrakt.

Denken Sie auch an die Opfer Ihrer Todestrakt-Bekannten?

Natürlich. Ich habe fünf Kinder. Oft fragt man mich: Was wäre, wenn der dein Kind getötet oder vergewaltigt hätte? Meine ehrliche Antwort lautet: Dann würde ich den Täter mit blossen Händen töten wollen. Die moralische Frage ist aber nicht, was wir spontan tun wollen, sondern was wir tun sollten. Uns von unseren Impulsen beherrschen zu lassen, ist definitiv keine Lösung.

Warum halten die USA so stark an der Todesstrafe fest? In Europa ist sie – ausser in Belarus – faktisch abgeschafft.

Uns wird ständig vermittelt, dass wir das Leid nur überwinden können, indem wir töten. Unsere Gesellschaft ist regelrecht süchtig nach dem Töten. An der Wurzel liegt für mich auch die christliche Theologie: die Vorstellung, Erlösung verlange Blut. Donald Trump streut ständig Bibelverse und Verweise auf Jesus ein, um Grausamkeit und Unterdrückung zu rechtfertigen. Dabei übersehen wir, dass wir unser eigenes Leben einsetzen sollen, um anderen Heilung und Liebe zu bringen. Die USA behaupten, eine Bastion der Menschenrechte zu sein. In Wirklichkeit unterscheiden wir uns beim Hinrichten nicht von China, Saudi-Arabien oder dem Iran.

Jetzt sollen Hinrichtungen in den USA auch wieder öffentlich werden. Das Pentagon will die für den 3. Dezember geplante Erschiessung des Fort-Hood-Attentäters Nidal Hasan per Livestream zeigen.

Das bedient primär die Sensationslust. Für die Regierung könnte das aber zum Bumerang werden. Sie will Hinrichtungen normalisieren. Indem sie der Öffentlichkeit ungeschminkt zeigt, was es heisst, einen Menschen zu exekutieren, offenbart sie aber nichts als die Brutalität des Systems. Das dürfte viele schockieren.

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Dann kommt Ihnen als Anti-Todesstrafen-Aktivist der Livestream gar entgegen?

Die Bürger sollten sehen, was der Staat tut. Solange wir weiter Menschen im Namen des Gesetzes ermorden, bin ich nicht grundsätzlich dagegen, dass man das auch öffentlich macht.

Haben Sie als Aktivist schon einmal jemanden vor der Todesstrafe bewahren können?

Ja. Seinen Namen werde ich nicht nennen. Ich hatte den Mann über Jahre hinweg betreut. Er beteuerte vehement seine Unschuld. Ich habe ihm neue Anwälte organisiert, die mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt haben: Wenn er die volle Wahrheit erzähle, werde er nicht hingerichtet. Da gab er plötzlich zu, dass er alles getan habe, was man ihm vorwerfe. Ich sass im Gerichtssaal, war baff. Sein einziger Kommentar zu mir war: «Ha, reingelegt!»

Der Todeskammer-Priester

Jeff Hood (42) lebt mit seiner Frau und fünf Kindern als Priester in Little Rock, Arkansas. Für seinen Aktivismus gegen die Todesstrafe in den USA wurde er 2025 für den Friedensnobelpreis nominiert. Er hat 14 Exekutionen als Beistand der Verurteilten miterlebt und mit seinem Protest eine temporäre Aussetzung der Stickstoff-Hinrichtungen in Alabama erreicht. Hood steht aktuell in Kontakt mit rund 100 zum Tode Verurteilten im ganzen Land. Vor jeder Hinrichtung hält er mit seiner «Kirche der Verdammten» über Facebook einen Onlinegottesdienst für die Verurteilten ab. Er hat 183 Bücher geschrieben und erhält für seinen Aktivismus regelmässig Todesdrohungen.

Jeff Hood (42) lebt mit seiner Frau und fünf Kindern als Priester in Little Rock, Arkansas. Für seinen Aktivismus gegen die Todesstrafe in den USA wurde er 2025 für den Friedensnobelpreis nominiert. Er hat 14 Exekutionen als Beistand der Verurteilten miterlebt und mit seinem Protest eine temporäre Aussetzung der Stickstoff-Hinrichtungen in Alabama erreicht. Hood steht aktuell in Kontakt mit rund 100 zum Tode Verurteilten im ganzen Land. Vor jeder Hinrichtung hält er mit seiner «Kirche der Verdammten» über Facebook einen Onlinegottesdienst für die Verurteilten ab. Er hat 183 Bücher geschrieben und erhält für seinen Aktivismus regelmässig Todesdrohungen.

Hatten Sie jemals Angst vor einem Ihrer Schützlinge?

Ja. Einer der ersten Männer, die ich in Texas besuchte, hatte Kinder vergewaltigt und ermordet. Trotzdem führten wir stundenlang ein gutes Gespräch. Ich war voller Tatendrang und fragte zum Schluss: «Kann ich etwas für Sie tun?» Er beugte sich vor: «Können Sie mir ein Foto Ihrer Kinder schicken?» Da stand ich dem Bösen unmittelbar gegenüber. Ein anderer versuchte, Nacktfotos von meiner Frau zu bekommen.

Und für diese Menschen setzen Sie sich Tag und Nacht ein?

Ich mache mir keine Illusionen darüber, mit wem ich arbeite. Viele dieser Menschen verdienen, was ihnen droht. Aber sind wir wirklich bereit, selbst zu Mördern zu werden? Wenn wir ihnen ihre Menschlichkeit absprechen und sie töten, verlieren wir auch unsere eigene. Ich finde übrigens, auch Christa Pike hätte den Tod verdient. Es ist falsch, sie jetzt ausschliesslich als Opfer darzustellen, trotz des Horrors, den sie bei der gescheiterten Hinrichtung ertragen musste. Sie ist eine Mörderin, keine Märtyrerin. (Anmerkung: Pike hat als 18-Jährige eine Mitschülerin zu Tode gequält und danach einen Teil ihres Schädels als Trophäe herumgezeigt.)

Christa Pike überlebte Ende September zwei Giftspritzen und erholt sich jetzt im Spital. Glauben Sie, dass Texas sie erneut in die Todeskammer schicken wird?

Nein. Wie kann der Staat jemanden erneut hinrichten, wenn er den nächsten Versuch durch sein Scheitern noch schmerzhafter gemacht hat? Für mich wäre das eine grausame und ungewöhnliche Bestrafung, ein klarer Verfassungsverstoss. Ich glaube, sie wird im Gefängnis sterben.

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Sind Sie sicher? Ihr Bekannter Kenneth Smith wurde nach einer gescheiterten Exekution 2022 zwei Jahre später ja ebenfalls ein zweites Mal in die Todeskammer geführt.

Das stimmt. Bei Kenny entwickelte sich eine Art Gefühl der Unsterblichkeit. Er war wütend. Aber da war dieser Gedanke: Sie können mich nicht töten, also muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Er wurde dann mit der Stickstoffmaske hingerichtet. Wir wussten alle nicht, was uns erwarten würde. Alabama liess mich vor seiner Hinrichtung unterschreiben, dass meine Familie den Staat nicht haftbar machen dürfte, falls ich selbst in der Kammer sterben würde. Es gab die Sorge, Stickstoff könnte austreten und uns alle töten.

Sie sind noch hier und stehen mit fast 100 Todeskandidaten in Kontakt. Glauben Sie, dass Sie die Abschaffung der Todesstrafe in den USA noch miterleben werden?

Da bin ich mir nicht sicher. Gerade hier im Süden wird das nicht freiwillig passieren. Dazu bräuchte es einen Entscheid des Obersten Gerichts. So lange dreht sich meine Arbeit vielleicht weniger darum, die Todesstrafe abzuschaffen, als vielmehr darum, ihren seelischen Schaden zu begrenzen.

Sie haben dem Tod zigfach ins Auge geschaut. Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Nein. Sterben werden wir alle. Die Frage ist einzig, ob wir davor wagen, wirklich zu leben.

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