Psychische Gesundheit – Innerhalb von 30 Jahren: Doppelt so viele psychisch Erkrankte

Laut einer Vergleichsstudie, die in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht wurde, leiden weltweit 1.2 Milliarden Menschen an einer psychischen Krankheit. Das sind fast doppelt so viele wie vor 30 Jahren.
Das müsse aber nicht zwingend heissen, dass es den Leuten heute schlechter geht, sagte Friedrich Stiefel, Chefarzt der Konsiliarpsychiatrie des Unispitals Waadt, dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Man kann sagen, dass es uns gleich schlecht geht, aber auf eine andere Art», so Stiefel.
Es sei falsch zu glauben, dass früher alles besser gewesen sei. «Neu ist, dass es einen Verlust an Unbeschwertheit in der Bevölkerung gibt, weil sich gewisse Krisen ankündigen oder bereits da sind – also die Energie-, Sicherheits- und Klimakrise», ergänzt der Psychiater.
Angst und Depressionen
Die mit diesen Krisen verbundenen Unsicherheiten könnten Angst erzeugen, führt Stiefel weiter aus. Insbesondere die Klimafragen stünden im Konflikt mit dem Kontrollbedürfnis des Menschen. «Es geht ums Verhältnis des Menschen zur Natur: Er erforscht die Natur, aber er beherrscht sie und beutet sie aus. Daher kann alles, was diese Frage der Dominanz und Kontrolle behindert, Angst erzeugen.»
Das Gespräch mit Friedrich Stiefel mit deutschen Untertiteln:
Die neue Studie stellt auch einen starken Anstieg an Depressionen fest. Laut dem Psychiater hängt dies primär mit Verlusten zusammen. «Normalerweise trauert man, wenn man mit Verlust konfrontiert ist», erläutert er. «Wenn das nicht möglich ist, weil der Verlust so enorm oder so wiederkehrend ist, kann man in eine Depression abrutschen.»
Stiefel ruft in Erinnerung, dass Verluste schon immer zum Leben gehörten. Heute sei es aber, zumindest in den wohlhabenderen Zonen der Welt, anders. «Vor 300 oder 400 Jahren starben viele Kinder. Es gab Hungersnöte, Brände, alle Arten von Naturkatastrophen», argumentiert er. «All das ist nicht mehr da, es gibt jetzt einen Verlust an Vertrauen, an Sicherheit oder am Verhältnis zur Natur.»
Die Zunahme an psychischen Erkrankungen lässt sich aber auch durch eine bessere Erkennung erklären. Zudem ist es heute einfacher, darüber zu reden. Laut Stiefel gibt es aber einen Unterschied bei den Geschlechtern: «Frauen sind viel eher bereit, auf psychischer Ebene Hilfe anzunehmen als Männer. Das sind wahrscheinlich Überreste der Erziehung, und es wird sich in Zukunft ausgleichen.»
Drei Lösungsansätze
Angesichts der sich häufenden Krisen und Verluste sieht der Chefarzt drei Lösungsansätze: «Einer ist die Investition in Beziehungen. Was im Leben wichtig ist, sind menschliche Beziehungen. Das sieht man etwa bei schweren Krankheiten, wo man sich plötzlich dem Wesentlichen zuwendet.»
Der zweite Ansatz besteht darin, eine gewisse Handlungsfähigkeit zu finden, bei sich selbst, bei anderen oder bei der Umwelt. Man könne sich zum Beispiel für ein politisches Anliegen engagieren, das gebe einem eine gewisse Handlungsfähigkeit.
Als Drittes rät der Psychiater, «nicht am Wahnsinn teilzunehmen, sondern das zu tun, was sinnvoll ist, auch wenn man die Dinge nicht ändern kann». So habe der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel beim Kampf gegen den Kommunismus gesagt: «Ich kämpfe nicht, weil ich sicher bin zu gewinnen, ich kämpfe, weil es Sinn ergibt.»
«Sich in einem Sinn und einer Kohärenz mit sich selbst zu fühlen, bewahrt die psychische Gesundheit», lautet Stiefels Fazit.
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