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Sunday, August 30, 2026

Wasserschloss Schweiz am Ende?: Wenn das Eis schwindet, drohen harte Verteilungskämpfe mit der EU

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Gletscher sterben geräuschvoll. Schmelzwasser rauscht in tiefe Spalten und fliesst in Bächen in den Sumpf, der sich unter Gestein und Geröll im Tal bildet. Auf dem Griesgletscher im Oberwallis ist der Klimawandel hautnah erfahrbar: Er ergiesst sich über die Steigeisen. Im Hitzejahr 2026 sind bisher knapp 10 Milliarden Liter Schmelzwasser von dem Eisriesen abgeflossen.

«Zwei, drei Meter in einem Monat», misst Matthias Huss (46), Glaziologe an der ETH Zürich, an einer Messstange. So viel hat der Griesgletscher zwischen Juli und August an Eisdicke verloren. Auf das Jahr gerechnet werden es über sechs Meter sein. Damit gehört der Walliser Eisriese zu den am schnellsten schmelzenden der Schweiz. «Noch stehen wir auf rund 100 Metern Eis», sagt Huss auf dem Plateau. Doch in einigen Jahrzehnten wird hier, auf rund 3000 Metern über dem Meer, nichts mehr davon übrig sein.

Ohne Gletscher mehr Naturkatastrophen?

Den alpinen Eisfeldern geht es seit den 1990er-Jahren schlecht. «In den letzten zehn Jahren hat sich die Lage nochmals dramatisch verschärft», so der Forscher. Schuld ist der Klimawandel mit seiner hohen Kadenz an Hitzesommern und schneearmen Wintern. Zudem schreitet die Erwärmung in den Bergregionen besonders schnell voran. Das dunkle Gestein, das unter dem schwindenden Eis hervorkommt, erhitzt sich stark und treibt die Schmelze zusätzlich an.

Dass der Griesgletscher in seine letzte Lebensphase eingetreten ist, zeigen auch die vielen neuen Risse im Eis. «Die Gletscherzunge wird bald auseinanderbrechen», erklärt der ETH-Wissenschaftler. Welch potenziell tödliche Naturgewalt ein Sturzereignis im Hochgebirge entfesseln kann, zeigte sich diese Woche in Nepal. Dort führte ein Bergsturz kombiniert mit einem Gletscherabbruch zur Flutkatastrophe mit Hunderten Toten und über tausend Vermissten. «Ein solches Szenario ist auch in den Alpen nicht ausgeschlossen», sagt der Glaziologe. Vor gut 200 Jahren ereignete sich in Goldau ein vergleichbar verheerender Bergsturz. Zwar kann der Klimawandel das Risiko erhöhen, dennoch «bleiben solche Ereignisse unwahrscheinlich». Die Alpen werden engmaschiger mit Frühwarnsystemen überwacht als der Himalaya. Absolute Sicherheit bietet das dennoch nicht: «Extremereignisse kommen oft teilweise überraschend – sonst hätte man sich darauf vorbereiten können.»

Verteilkämpfe ums Wasser

Worauf sich die Schweiz vorbereiten kann: Wege zu finden, um die künftigen Wassermangellagen im Sommer zu managen. Laut Gletscherforscher Huss wird «die Schweiz auch ohne Gletscher das Wasserschloss Europas bleiben». Gebirge ziehen den Niederschlag an. Klimaexperten sind sich einig, dass es künftig nicht weniger regnen wird. Allerdings werden sich extreme Perioden von Starkniederschlägen und Trockenphasen abwechseln. «Wichtig wird sein, dass man das Wasser speichern kann – zum Beispiel in Stauseen.» Diese böten die besten Voraussetzungen, um nach dem Verschwinden des Eises als neue Süsswasserreserven der Alpen zu dienen.

Die Nutzung dieser Reserven birgt jedoch Konfliktpotenzial. «Die Stromkonzerne haben ein Interesse, das Schmelzwasser im Sommer für die Energiegewinnung im Winter zurückzuhalten. Die Landwirtschaft wiederum wird in immer trockeneren Sommermonaten fordern, es zur Bewässerung ins Tal zu leiten», so Huss. Auch der Föderalismus erschwert mögliche Verhandlungen, da das Wassermanagement in der Hoheit der Gemeinden und der Kantone liegt. Daran ändert auch die derzeit in Erarbeitung befindliche Wassermanagement-Strategie des Bundes wenig.

Druck aus der EU wird kommen

Auch international dürfte die Wasserverteilung für Spannungen sorgen, warnt Christian Bréthaut (44), Politikwissenschaftler an der Universität Genf. In den Schweizer Alpen entspringen mit Rhein und Rhone zwei grosse europäische Ströme. Dazu kommen wichtige Zuflüsse von Donau und Po. Sie sind für die Anrainerstaaten wirtschaftlich enorm wichtig – «sei es, um Güter zu transportieren, Atomkraftwerke zu kühlen oder Felder zu bewässern». Zusammen mit multinationalen Gewässern wie Bodensee, Lago Maggiore und Genfersee sind sie schon heute Gegenstand von Verhandlungen zwischen der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Italien. Es sei entscheidend, «die Ansprüche in Mangellagen zu klären und festzuschreiben», betont Bréthaut. «Da es sich um strategisch zentrale Routen handelt, würden solche Konflikte hart ausfallen.»

Zwar befinde sich die Schweiz in einer vorteilhaften Position, da die Gewässer auf ihrem Gebiet entspringen. Das «kann der Schweiz sogar Verhandlungsmacht bei anderen Streitfragen mit der EU bieten». Allerdings habe die Schweiz als Kleinstaat dem Druck der grossen Nachbarn wenig entgegenzusetzen. Auch deshalb fordert Bréthaut ein proaktives Handeln und verbindliche Abkommen. «Wir können es uns nicht leisten, langsam zu sein und erst zu reagieren, wenn es zu spät ist.» Die bestehenden Verträge zwischen der Schweiz und Frankreich zum Wassermanagement von Rhone und Genfersee seien ein gutes Vorbild. «Wir fangen also nicht bei null an, aber es ist nur ein Anfang.»

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