Wanderin (70) überlebt fünf Nächte alleine auf über 2000 Metern

- Die 70-jährige Italienerin Anna überlebte fünf Nächte alleine auf über 2000 Metern in Sant'Anna di Vinadio nahe der französisch-italienischen Grenze.
- Ein heftiges Gewitter überraschte sie auf ihrer Wanderung – sie kletterte Felswände hoch und kam nicht mehr herunter.
- Sie ernährte sich von wilden Heidelbeeren und suchte Schutz unter Tannen, bevor sie am Samstag lebend gerettet wurde.
Einen kleinen Rucksack, eine Trinkflasche, eine Kappe und eine Fleecejacke mit Kapuze: Mit dieser leichten Ausrüstung machte sich die 70-jährige Italienerin Anna vor wenigen Tagen auf eine Wanderung in Sant’Anna di Vinadio an der französisch-italienischen Grenze auf. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass der Ausflug in einem mehrtägigen Überlebenskampf enden wird.
Am Berg von Gewitter überrascht
Zunächst war sie mit einer Freundin unterwegs, die wegen Schulterproblemen aber umkehren musste. Daraufhin wanderte die Seniorin, die in der Region aufgewachsen ist, alleine weiter, wie der «Corriere della Sera» schreibt. Am Morgen des 7. September schrieb sie ihrer Freundin noch, dass sie den schönen Tag geniesse – danach wurde es still.
Wie jetzt klar ist, wurde Anna an jenem Tag von einem heftigen Gewitter überrascht. «Aus Angst suchte sie Schutz und stieg Felswände empor, von denen sie anschliessend nicht mehr herunterkam», sagt Bergretter Cristiano Bastonero. In der Not landete Anna schliesslich auf einem erhöhten, schwer zugänglichen Felsband mit einigen Bäumen – in einer Höhe von mehr als 2000 Metern über Meer.
Dank Tannen und Heidelbeeren überlebt
In der Nacht fielen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, zudem gingen der 70-Jährigen die Lebensmittel aus. «Sie überlebte, indem sie unter Tannen Schutz suchte und wilde Heidelbeeren ass. Ihre Hände waren vom Saft der Beeren ganz schwarz», so Bastonero weiter.
Ihr Zufluchtsort wäre Anna schlussendlich fast zum Verhängnis geworden: Trotz grossangelegter Suchaktion fehlte lange Zeit jede Spur von der vermissten Wanderin. «Wir suchten am helllichten Tag mit Drohnen. Doch sie hielt sich unter den Tannen verborgen und war deshalb nicht zu sehen», erinnert sich Bastonero.
«Hände waren von den Heidelbeeren ganz schwarz»
Die Retter kämpften auch mit Technik-Problemen: «Die Funkverbindung war äusserst schlecht, fast kein Signal kam durch», so der Bergretter. Dank eines Satellitengeräts eines Polizisten habe man schliesslich eine Verbindung zur Rettungs-Leitstelle herstellen und so die Einsatzkräfte besser koordinieren können.
Nach fünf Tagen und fünf Nächten im Freien konnte Anna schliesslich am Samstagnachmittag lebend gefunden werden. Sie war bei Bewusstsein, aber stark unterkühlt. Einer der Retter, die bereits mit dem Schlimmsten gerechnet hatten, schloss die Seniorin in die Arme, danach ging es ins Spital.
«Sie wirkt wie ein völlig anderer Mensch»
«Der jüngste Mann unseres Teams lief auf sie zu und umarmte sie», erzählt Bastonero. «Als ich ihn ansah, hatte er Tränen in den Augen. Gestern habe ich noch einmal mit Anna gesprochen. Sie wirkte wie ein völlig anderer Mensch – klarer und ruhiger. Unsere Sorge war riesig, aber am Ende ist es wirklich ein Wunder.» Die rüstige Italienerin konnte das Spital am Sonntag bereits wieder verlassen.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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