Alarmierende Studie – 96 Prozent der Korallenriffe droht der Kollaps

Die Korallenriffe der Meere sind bedroht. Jetzt zeigt eine neue Studie das dramatische Ausmass: Bis in fünfzig Jahren könnten 96 Prozent aller Flachwasser-Riffsysteme verschwinden. Die Studie ist an der UNO-Biodiversitätskonferenz in Armeniens Hauptstadt Eriwan präsentiert worden. SRF-Wissenschaftsredaktorin Felicitas Erzinger erklärt, was die Folgen eines solchen Kollaps wären.
Felicitas Erzinger
Wissenschaftsredaktorin
Felicitas Erzinger arbeitet seit 2022 für die SRF-Wissenschaftsredaktion. Sie hat Umweltwissenschaften studiert und einen Doktortitel in Biologie.
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Was sind die Haupterkenntnisse der Studie?
Sie zeigt, dass praktisch alle der knapp 130 Korallenriffsysteme, die genauer untersucht wurden, kollabieren. Sie beschreibt also ein Zukunftsszenario und nicht den aktuellen Zustand der Korallen weltweit. Der Hauptgrund für dieses düstere Szenario ist, dass die Meerestemperaturen wegen der Klimaerwärmung immer stärker ansteigen.
Man spricht auch von Hitzewellen im Meer. Diese sind für Korallen ein Problem: Wenn es ihnen zu heiss wird, stossen sie die Algen ab, die mit ihnen leben. Dadurch verlieren sie ihre Farbe. Davon stammt auch der Ausdruck «Korallenbleiche». Vor allem aber verlieren sie einen überlebenswichtigen Partner. Denn die Alge liefert den Korallen Energie – ohne sie überleben viele Korallen nicht.
Wie sehen Korallenriffe in fünfzig Jahren aus?
Wenn sie tatsächlich kollabieren sollten, gäbe es deutlich weniger riffbildende harte Korallen. Stattdessen würden Algen, Schwämme und Geröll dominieren. Dadurch verlieren Korallen ihre Funktion als Lebensraum, zum Beispiel für Fische, Schnecken und Schildkröten. Ein solches Korallenriff würde deutlich anders aussehen als heute. Gemäss der Studie ist das für viele Korallenriffe ein realistisches Szenario, wenn die Erwärmung wie bisher weitergeht.
Es gibt aber auch Riffe, die erstaunlich widerstandsfähig sind und weit weniger leiden. Das lässt sich etwa im Roten Meer oder im Korallendreieck Südostasiens beobachten. Solche Korallenriffe können auch in Zukunft überleben. Es ist also nicht alles hoffnungslos. Interessant ist auch, dass sich Korallen erstaunlich gut erholen können – sofern sie Zeit dafür bekommen und die Meerestemperaturen zwischendurch sinken.
Was wären die Folgen für die dortigen Ökosysteme?
Schätzungsweise leben rund ein Viertel aller Meeresfische in und um Korallen. Auch unzählige Muscheln und viele andere Arten verstecken sich in den Kalkskeletten, die die Korallen bilden. Diese Lebewesen ernähren sich dort und pflanzen sich fort. Sie alle müssten ausweichen, sofern sie das können. Spezialisierte Arten werden es aber schwer haben und wohl verschwinden. Dadurch verändert sich die Nahrungskette – bis hin zu grossen Raubfischen wie Haien. Dazu kommen Auswirkungen auf die Menschen. Korallen sind nämlich wichtig für die Fischerei und für den Tourismus. Zudem schützen sie Küsten vor Wellen und Erosion.
Was bringt eine Aufnahme auf die Rote Liste der bedrohten Arten?
In erster Linie Sichtbarkeit. Derzeit wird an der Biodiversitätskonferenz in Armenien über den Fortschritt und die Lücken diskutiert, die es beim weltweiten Schutz von Arten und Ökosystemen gibt. Diese Roten Listen sind ein international anerkannter Massstab, um dies zu bewerten und zu vergleichen. Damit liegt nun erstmals eine umfassende Einschätzung für Korallenriffsysteme vor. Die Rote Liste zeigt auch für alle Regionen auf, welche Faktoren wo besonders problematisch sind. Das sind neben der Erwärmung auch Überfischung und Verschmutzung. Das soll Regierungen helfen, gezielt zu handeln – und den Druck erhöhen, etwas zu tun. Denn nun ist klar, was passiert, wenn man nichts tut.
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