Forschung aus Genf – Warum Faulheit eigentlich ganz vernünftig ist

Laut Guido Gendolla, Professor für Psychologie an der Universität Genf, ist der Mensch nicht von Natur aus faul. Vielmehr entscheidet er je nach erwartetem Nutzen, wie viel Energie er investieren will.
«Man hat vielleicht eine Tendenz, das Notwendige zu tun, nicht mehr, aber das bedeutet nicht, dass man faul ist, denn man ist bereit, viel Mühe zu investieren, wenn es sich lohnt», sagt er gegenüber RTS.
Gendolla und sein Team am Geneva Motivation Lab untersuchen seit Jahren mit diversen Forschungsprojekten den Zusammenhang zwischen Motivation, Anreizen und körperlichen Reaktionen.
Dabei verstehen die Forschenden Anstrengung als eine Art Investition. «Man ist nicht abgeneigt, zu investieren, aber man will nicht zu viel für etwas bezahlen», sagt Gendolla.
Entscheidend sei die wahrgenommene Rechtfertigung der Anstrengung. «Die Forschung zeigt, dass man ein positives Gefühl haben kann, wenn man sich anstrengt, wenn viel Mühe aufgewendet wird und wenn es gerechtfertigt ist. Andernfalls nicht», erklärt der Forscher. Menschen nähmen deshalb unbewusst eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung vor, bevor sie sich für eine Aufgabe engagieren.
Das ist keine Faulheit, sondern Weisheit.
Besonders deutlich zeigen sich diese Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen. Kleine Kinder seien «überhaupt nicht auf die Vermeidung von Anstrengung ausgerichtet». Im Gegenteil: «Das ist wahrscheinlich vorteilhaft für ihre Entwicklung.»
Mit zunehmendem Alter lernten Menschen hingegen, ihre Ressourcen gezielter einzusetzen. «Aber selbst da ist es keine Faulheit, sondern Weisheit, denn man weiss, dass die Ressourcen begrenzt sind.»
Auch vermeintliche Faulheit bei Jugendlichen erklärt Gendolla anders. «Für den Jugendlichen ist es nicht interessant, sein Zimmer aufzuräumen. Aber er liebt es zum Beispiel, zu feiern und die ganze Nacht zu tanzen.» Die Bereitschaft zur Anstrengung sei also durchaus vorhanden, nur für andere Ziele.
Um Motivation messbar zu machen, erfasst das Geneva Motivation Lab auch körperliche Reaktionen. Dazu werden Versuchspersonen Sensoren am Hals und Brustbein angebracht.
Guido Gendolla erklärt, wie er Motivation im Körper misst
Ein wichtiger Indikator ist laut Forscher Nicolas Silvestrini die sogenannte präejektionale Periode. «Ist sie kurz, interpretieren wir das als Indikator für eine erhöhte Ressourcenmobilisierung. Mit anderen Worten, für Anstrengung.»
Die Erkenntnisse sollen auch Menschen helfen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, Motivation aufzubringen. «Wir haben festgestellt, dass es bei bestimmten Bevölkerungsgruppen wirklich Motivationsdefizite gibt, insbesondere bei Menschen, die an Depressionen leiden», erklärt Silvestrini. «Selbst das Verlassen des Hauses, um einen Psychologen oder Psychiater aufzusuchen, wird für sie etwas Kompliziertes sein.»
Das Ziel der Forschung sei deshalb, besser zu verstehen, wie Motivation bei diesen Menschen gefördert werden könne. Dafür müsse man zunächst die Mechanismen identifizieren, die Motivation beeinflussen.
Eine besondere Herausforderung liegt laut Gendolla darin, dass «depressive Menschen sehr wenig empfänglich für Belohnungen» seien. «Daher ist es sehr schwierig, eine Anstrengung zu rechtfertigen», ergänzt er.
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