Ein Sturmjäger erzählt – Im Auge des Hagelsturms – warum macht er das freiwillig?

Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Superzelle, die sich über dem Jura gebildet hat, bewegt sich mit über 100 Kilometer pro Stunde Richtung Osten. In Samuel Monharts Richtung, vor seine Haustür in Winterthur. Er steigt ins Auto und fährt los.
Es ist der Freitag, 28. August, kurz nach 10 Uhr. Kaum ist er auf dem Sportplatz angekommen, donnert das erste Hagelkorn zu Boden. Es ist etwa so gross wie ein Golfball. Da sei ihm sofort klar geworden, erzählt der Sturmjäger einige Tage später: «Das wird krass.» Er habe vor Begeisterung gejauchzt. «Ich war total euphorisch, mein Herz raste.»
Monhart war, einmal mehr, mitten im Hagelsturm. Schutz suchend neben seinem Auto, weil die Körner wegen den heftigen Windböen quer durch die Luft flogen. Rund acht Minuten tobte der Sturm, danach herrschte gespenstische Ruhe.
Adrenalin-Kick nur die Nebensache
Dann beginnt jeweils die eigentliche Mission des Sturmjägers: Er lässt seine Drohne fliegen und fotografiert die Hagelkörner von oben. Nicht für sein persönliches Fotoalbum, nicht für die sozialen Medien, sondern für die Wissenschaft: Hagel zu messen, sei nämlich extrem schwierig, sagt Monhart, der – wenn er in seiner Freizeit nicht gerade Gewittern hinterherjagt, als Wetterradar-Experte bei Meteoschweiz arbeitet.
Schwierig, weil Hagel sehr lokal ist, nur kurz dauert und die Körner am Boden rasch schmelzen. Darum weiss man nur wenig darüber, was tatsächlich unten ankommt.
«Wertvoll sind die Meldungen aus der Bevölkerung», sagt Monhart. Die grössten Körner sind rasch benannt: Kaffeebohne, Einfränkler, Fünffränkler, Golfball oder Tennisball. Was aber fehlt: wie viele grosse, wie viele kleine, wie viele dazwischen?
Ein genaueres Bild liefern die automatischen Hagelsensoren. 80 davon gibt es in den Hagelhotspots im Tessin, im Napfgebiet und im Jura. Sie zählen alle Hagelkörner, die auf dem Sensor aufprallen, und schätzen ihre Grösse.
Es brauche aber noch viel mehr Daten, sagt Monhart, und die Drohnen hätten hier ein grosses Potenzial. Mehrere tausend Hagelkörner lassen sich damit vermessen.
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Bild 1 von 3. Nach dem Gewitter ist der Fussballplatz in Hettlingen nahe Winterthur übersät mit Hagelkörnern, in allen möglichen Grössen und Formen: gross, klein, mittel, rund, sternförmig. Bildquelle: Samuel Monhart.
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Bild 2 von 3. Während einer Hageljagd im Juni 2021 hat Samuel Monhart laufend das Wetterradar im Blick, um den besten Ort für die Drohnenflüge zu finden. Bildquelle: Killian Brennan.
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Bild 3 von 3. Ruhe nach dem Sturm: Samuel Monhart nach einem Hagelsturm Ende Juni 2021 im Kanton Bern. Bildquelle: Killian Brennan.
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«Auf die Methode aufmerksam gemacht hat uns eine Studie aus Australien», erzählt der Sturmjäger. Uns, das sind Samuel Monhart und etwa zehn Gleichgesinnte aus der Schweiz. «Das wollten wir unbedingt auch ausprobieren und damit wertvolles Wissen für die ganze Gesellschaft sammeln.»
Die Daten zur Hagelgrösse braucht es nämlich, um die Beobachtungen der Wetterradare zu überprüfen und zu verbessern. Das führt zu genaueren Prognosen, wodurch man sich besser vorbereiten und schützen kann. Das sei, was ihn antreibe, sagt Monhart, und auch einen Teil seiner Faszination ausmache.
Superzellen in der Schweiz werden häufiger
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Superzellen sind spezielle Gewitterzellen. Charakteristisch ist, dass der Wind oben stärker ist als unten. Dadurch entsteht ein leicht schräger Wolkenturm. Die Aufwinde innerhalb des Gewitters sind dann an einem anderen Ort als die Abwinde. Dadurch dauern Superzellen länger als normale Gewitter. Und die Hagelkörner haben viel Zeit zu wachsen.
Forschungsresultate zeigen, dass Superzellen mit zunehmender Erwärmung in der Schweiz häufiger werden. Und sie werden auch grösser, mit stärkeren Windböen, extremeren Regenmengen und grösseren Hagelkörnern. Auch bei Gewittern, die keine Superzellen sind, aber doch zu Hagel führen, nehmen grössere Hagelkörner zu. Dadurch ist in Zukunft auch mit mehr Schäden zu rechnen.
Darum verfolgt er seit rund fünf Jahren täglich das Wetter. Macht eigene Vorhersagen, um ins Auge des Sturms zu kommen. «9 von 10 Mal kehren wir mit leeren Händen zurück», erzählt er.
Nicht so vor knapp drei Wochen in Hettlingen. Es war der intensivste Hagelsturm, den Monhart je miterlebt hat. Und ein prägender: «Ich habe mit vielen Leuten gesprochen nach dem Sturm, auch Freunden an Schulen, wo Kinder verletzt wurden». Zudem sei auch das Haus, in dem er in Winterthur wohne, stark beschädigt. Alle Fenster auf der einen Seite sind kaputt.
«Das grösste Korn bei uns im Garten war 7.2 Zentimeter gross», sagt Monhart. Es ist das grösste, das der Sturmjäger je gesehen hat.
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