Jungstars mit Taktstock – Dirigierende Gen Z – Jugendwahn oder Kulturwandel am Pult?

Jungstars mit Taktstock Dirigierende Gen Z – Jugendwahn oder Kulturwandel am Pult?
Senkrechtstarter wie Dirigent Tarmo Peltokoski zeigen: Ein Orchester zu dirigieren ist keine Frage des Alters. Stimmt das wirklich?
21.09.2026, 16:46
Es gibt Künstler und Ausnahmekünstler. Der finnische Dirigent Tarmo Peltokoski gehört zur zweiten Kategorie. Mit gerade mal 26 Jahren ist er Chefdirigent des Orchestre du Capitole de Toulouse und dazu Chef beim Hong Kong Philharmonic Orchestra. Der junge Mann ist begehrt.
Angesprochen auf seine Jugend sagt Peltokoski: «Wenn einer jahrzehntelang im Orchester spielt und plötzlich steht da vorne ein 21-Jähriger, das muss eine komische Erfahrung sein.» Mit 21 hat Peltokoski debütiert, bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.
Soeben hat Tarmo Peltokoski die Saison im Opernhaus Zürich mit der «Zauberflöte» eröffnet, nächstes Jahr leitet er in Bayreuth «Lohengrin». Orchester und Opernhäuser reissen sich um den jungen Finnen. So sehr, dass seine Agenda übervoll ist und er vor zwei Jahren ein erstes Burnout hatte. Ist das eine normale Entwicklung oder Jugendwahn?
So klingt die «Zauberflöte» am Opernhaus Zürich
Box aufklappen Box zuklappen
Tag und Nacht, Licht und Schatten treffen in Mozarts «Zauberflöte» aufeinander. Hier die helle Welt des Weisen Sarastro, da die dunkle der Königin der Nacht. Die Regie von Daniele Finzi Pasca lässt beides in einer faszinierenden Traumwelt aufeinander treffen: voller verspielter Details und dabei in klaren Farben leuchtend.
Dasselbe gilt auch für Tarmo Peltokoskis Dirigat. Unter seiner Leitung klingt das Opernhausorchester hell in den auf historischen Instrumenten gespielten Bläsern und den Streichern, dunkel grundiert von den prominent platzierten Kontrabässen. Oft sehr zügige Tempi schliessen dabei Finessen nicht aus. Ein schillernder Kosmos tut sich auf.
Jung und hochbegabt
Junge Musikschaffende, die auf Geige oder Klavier brillieren, gibt es schon länger. Es ist auch leichter, sein eigenes Instrumentalspiel zu perfektionieren, als ein ganzes Orchester zu leiten. Könnte man denken. Tatsächlich wirken Hochbegabungen aber auch hierbei offenbar anders, können führen und auf bis zu hundert Orchestermitglieder eingehen.
Das war schon früher so: Arturo Toscanini war mit 32 Operndirektor, Wilhelm Furtwängler mit 31, Herbert von Karajan gab sein Debüt mit 30 und Leonard Bernstein gab mit 25 ein spektakuläres Konzert als Einspringer für Bruno Walter.
Heute kommen auch Dirigentinnen früh zum Zug: Mirga Gražinytė setzte Massstäbe, als sie mit knapp 30 Jahren beim City of Birmingham Symphony Orchestra antrat. Marie Jacquot ist heute Chefin beim WDR-Sinfonieorchester und der Königlichen Oper Kopenhagen. Mit 36 ist sie dabei schon fast in einem «normalen» Alter.
Typische Karrieren verliefen früher über lange Lehrjahre bei Provinzorchestern und schrittweisen Aufstieg. Im Buch «Mythos Maestro» von 2002 sind die ersten fünf porträtierten Dirigenten durchschnittlich über 60 Jahre alt.
Heute dreht sich der Musikzirkus schneller, ist internationaler und Karrieren starten eindeutig früher. An der diesjährigen Tonhalle Conductor’s Academy etwa gewann Rui Miguel Marques den ersten Publikumspreis – mit 21.
Vertiefte Einsichten
Noch früher setzt die «Schweizer Dirigier-Akademie» in Lenzburg an. Dort nimmt ein 12-Jähriger Unterricht. Lehrer Jonas Bürgin sagt: «Je früher man dirigieren lernt, desto besser.» Er bietet Stunden an in Gehörbildung, Partiturspiel, Generalbass. Oder sitzt am Klavier, das Orchester mimend, wenn sein Zögling die Holberg-Suite von Edvard Grieg dirigiert.
Ist das nicht etwas überambitioniert? «Für mich als Lehrer ist es unwichtig, ob mein Schüler später Musiker wird. Aber das Dirigierstudium ermöglicht ihm eine vertiefte Einsicht in die Musik», sagt Bürgin.
Eines bei alldem ist sicher. Um gute junge Dirigentinnen und Dirigenten reissen sich die Veranstalter. Sie sind günstiger als etablierte Namen. Man kann sich mit dem Engagement eines Jungdirigenten, einer Jungdirigentin als Talent-Scout beweisen und hat so allenfalls schon einen Kontakt für später.
Das sieht auch eine grosse Agentur aus London so, die knapp zwanzig unter 35-jährige Dirigenten und Dirigentinnen vertritt. Wie viele davon wirklich Karriere machen, entscheidet sich oft in den ersten Jahren. Und die beginnen eben oft schon viel früher.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.