Das bedeutet Brasiliens Präsidentschaftswahl für die Schweiz

- Vom Ausgang der Wahl in Brasilien hängen Schweizer Firmen und der Schutz des Amazonas-Regenwalds ab.
- Am Sonntag entscheidet sich, ob Lula (80) im Amt bleibt oder Flávio Bolsonaro (45) übernimmt.
- Unter Lula sank die Abholzung auf ein Zehnjahrestief, Bolsonaro verspricht ein Ende bis 2029.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva steht vor einer grossen Herausforderung: Für eine vierte Amtszeit muss er auch Wähler überzeugen, die ihn eigentlich ablehnen. An der Copacabana in Rio de Janeiro versammelten sich zuletzt Tausende zur Unterstützung seiner Wiederwahl. Derweil schauen auch Klimaforschende und viele Entscheidungsträger aus der Schweizer Wirtschaft gespannt nach Brasilien. Wer in Brasília künftig regiert, ist nämlich auch für sie von grosser Bedeutung.
Wirtschaftsmotor und Naturparadies
Für die Schweiz ist Brasilien der mit Abstand wichtigste Handelspartner in Lateinamerika. 2024 wurden Schweizer Produkte im Gesamtwert von 3,13 Milliarden Franken ins Land exportiert, hauptsächlich Arzneimittel, Chemikalien und Präzisionsmaschinen.
Derweil haben Schweizer Unternehmen im Land total 15,4 Milliarden Franken investiert und beschäftigen dort fast 100’000 Personen. Nestlé betreibt etwa 18 Produktionsstandorte und zwölf Verteilzentren, während Swissport an 17 brasilianischen Flughäfen für die Fracht- und Flughafenabfertigung zuständig ist.
Amazonas als essenzieller Klimaspeicher
Die Wahl in Brasilien ist wegen des Amazonas-Regenwaldes auch von globaler Bedeutung, obwohl dessen Schutz im Wahlkampf kaum Thema war. Als weltweit grösster tropischer Regenwald bindet er Treibhausgase und bremst den Klimawandel. Unter Lula sank die Abholzung auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt. Er will die illegale Rodung bis 2030 stoppen, unterstützt aber zugleich die umstrittene Ölförderung nahe der Amazonasmündung.
Unter seinem Vorgänger Jair Bolsonaro nahm die Abholzung stark zu und erreichte 2022 mit 12’500 Quadratkilometern einen Höchststand. Dessen Sohn Flávio verspricht, die Abholzung bis 2029 zu beenden. Seine Verbindungen zur Agrarindustrie wecken jedoch Zweifel an diesem Versprechen.
Quellen: EDA/Nestlé/Swissport/DPA
Denn an diesem Sonntag entscheidet sich, ob der 80-Jährige im Amt bleibt oder von seinem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro abgelöst wird. Beide Kandidaten stossen auf erhebliche Vorbehalte. Bolsonaro geht dabei mit Rückenwind in die Stichwahl. Der 45-jährige Sohn des Ex-Präsidenten lag in der ersten Runde mit mehr als zwei Millionen Stimmen vor Lula. Zudem unterstützen ihn mehrere ausgeschiedene Kandidaten.
Musik und Feuerwerk: Wahlkampf auf brasilianische Art
Lula setzt im Endspurt auf prominente Unterstützung und landesweite Mobilisierung. An der Copacabana traten bekannte brasilianische Musiker wie Caetano Veloso vor seinen versammelten Anhängern auf. Die weltberühmte Strandpromenade wurde zur politischen Bühne. «Fanatismus ist kein Argument», lautet eine Botschaft der Lula-Anhänger. Auch in São Paulo, Brasília und anderen Städten gingen Menschen auf die Strasse.
Aber auch Flávio Bolsonaro mobilisiert – gerade in Regionen, in denen er schwächer abgeschnitten hatte, etwa im ärmeren Nordosten. In Fortaleza treibt er seine Anhänger mit Feuerwerk und Funk-Musik an, fast wie bei einem Karnevalsumzug. Auf der Bühne verspricht er einen harten Kurs gegen kriminelle Banden: «Sie werden festgenommen oder von der Polizei neutralisiert.» Auch eine chemische Kastration von Vergewaltigern stellt er in Aussicht. Sicherheit und Kriminalität treiben viele Brasilianer um.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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