Elif Eralp will Berlin umkrempeln: Wer ist die Linken-Siegerin?

- Elif Eralp (45) führte die Berliner Linke mit 25,7 Prozent zum Wahlsieg und will nun Regierende Bürgermeisterin werden.
- Ihr Programm sieht Mietenstopp, Vergesellschaftung grosser Wohnkonzerne und eine «Luxusvillensteuer» vor.
- Nach dem Wahlsieg sorgt das Auftauchen eines Clan-Mitglieds und eines PFLP-nahen Aktivisten an der Wahlparty für Kritik.
Elif Eralp führte die Linke mit 25,7 Prozent zum Berliner Wahlsieg – jetzt will die 45-jährige Juristin Regierende Bürgermeisterin werden. Dafür bräuchte sie SPD und Grüne.
Das ist Elif Eralp
Eralp wurde 1981 in München als Tochter türkischer Geflüchteter geboren. Ihre Eltern waren nach dem Militärputsch in der Türkei im September 1980 als politisch Verfolgte nach Deutschland geflohen. Sie studierte Jura, arbeitete für die Linksfraktion im Bundestag und sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus. Seit 2024 ist sie Vizechefin der Berliner Linksfraktion. Regierungserfahrung hat Eralp nicht. Eralps Vorbild heisst Zohran Mamdani, seit Anfang 2026 Bürgermeister von New York. Auch sie setzt auf einen klar linken Kurs.
Was will Eralp?
Die Berliner Linke will den Verfassungsschutz als Nachrichtendienst auflösen und durch eine unabhängige Institution ausserhalb der Innenverwaltung ersetzen. Diese soll ohne geheimdienstliche Mittel arbeiten, Extremismus wissenschaftlich erfassen und öffentlich darüber informieren.
Bei der Polizei soll die weitere «Aufrüstung» gestoppt werden. Geld aus weniger Einsätzen bei Demonstrationen, anlasslosen Kontrollen oder Fussballspielen soll in Krisendienste, Strassensozialarbeit, Suchthilfe und Prävention fliessen. Langfristig sollen spezialisierte Teams einzelne Aufgaben der Polizei ergänzen oder übernehmen.
Sie legt sich mit den Immobilienriesen an
Ihr Hauptaugenmerk gilt aber der Mietenkrise in der Hauptstadt: «Wir sind bereit, uns mit den Immobilienkonzernen anzulegen», sagte Eralp im Wahlkampf. Grosse Wohnungsunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen sollen vergesellschaftet werden. Bei landeseigenen Wohnungen will sie die Mieten ein Jahr lang einfrieren, danach wären Erhöhungen auf höchstens ein Prozent pro Jahr begrenzt. Bei Neuvermietungen sollen die Preise sogar unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen.
Was hältst du von Elif Eralps Plan, grosse Wohnungskonzerne zu vergesellschaften und die Mieten stärker zu deckeln?
Das Thema kennt Eralp auch persönlich: Sie sucht nach eigenen Angaben seit Jahren vergeblich eine grössere Wohnung für ihre Familie. Beim Volksentscheid 2021 stimmten 56,4 Prozent der Berliner für die Vergesellschaftung grosser Immobilienkonzerne. Eralp will ihn nun umsetzen.
Mehr Sozialwohnungen finanziert mit «Luxusvillensteuer»
Dazu kommen ein Landesamt für Mieterschutz, keine Zwangsräumungen wegen Mietschulden bei landeseigenen Wohnungen und mehr Sozialwohnungen. Das Sozialticket, ein vergünstigtes ÖV-Abo für Niedriglöhner, soll wieder neun Euro kosten, Kiezkantinen günstige Mahlzeiten anbieten. Eralp will zudem Privatisierungen stoppen und Wohnen, Nahverkehr, Pflege und Gesundheit schrittweise wieder stärker in öffentliche Hand bringen. Finanziert werden soll das unter anderem mit einer «Luxusvillensteuer» und strengeren Steuerprüfungen bei Millionären.
Das sind die Vorwürfe gegenüber ihrer Partei
Nach dem Wahlsieg sorgte das Auftauchen von Issa Remmo bei der Wahlfeier der Linken für Schlagzeilen. Er gehört zum weit verzweigten Remmo-Clan, dessen Mitglieder immer wieder mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht werden. Eralp erklärte, Remmo sei nicht eingeladen gewesen und nach seinem Erscheinen weggeschickt worden.
Auch der Anti-Israel-Aktivist Ibrahim Ibrahim wurde auf der Wahlparty gesehen. Ihm wird eine Nähe zur PFLP, der «Volksfront zur Befreiung Palästinas», nachgesagt. Die marxistisch-palästinensische Organisation wird von der EU als Terrororganisation eingestuft.
Eralp distanzierte sich ebenso wie die Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner von den Vorfällen. «Für mich ist völlig klar, dass Gewaltverherrlichung und Terrorverherrlichung absolut inakzeptabel sind», sagte Eralp. Und: «Ich stehe für den Schutz von jüdischem Leben genauso wie für den Schutz jedes anderen Lebens.»
Verfassungsschutz und Abgrenzung zu Extremisten
Die Linke wird als Gesamtpartei nicht als extremistisch eingestuft. Der Neuköllner Linken-Verband organisierte 2025 jedoch eine Palästina-Solidaritätsveranstaltung, an der auch das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee beteiligt war. Dieses Komitee wird im Berliner Verfassungsschutzbericht als Zusammenschluss beschrieben, unter dessen Dach Hamas- und PFLP-Anhänger zusammenarbeiten. Eralp bestritt gegenüber Welt Kontakte ihrer Partei zur Hamas und schliesst eine Zusammenarbeit mit Islamisten aus. Zugleich räumt sie ein: «Antisemitismus innerhalb des linken Milieus gibt es.»
Experte fordert Taten statt Worte
Politökonom Klaus Wellershoff kritisiert, dass die Linke im Wahlkampf gezielt um pro-palästinensische Milieus geworben habe, gegenüber islamistischen und antisemitischen Teilen dieser Bewegung aber keine klaren Grenzen ziehe.
Er fordert von Eralp distanzierende Taten statt Worte. Entscheidend sei ihr mögliches Kabinett: «Sitzen dort Personen mit antisemitischen oder extremistischen Positionen, wäre ein Einschreiten des Verfassungsschutzes erwartbar.» Wellershoff kritisiert zudem radikale Vorstellungen über Privateigentum, Probleme bei der inneren Sicherheit und Strömungen aus der Antifa-Szene. Diese seien teils bereit, politische Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Auch erkenne er Tendenzen, das DDR-Unrechtsregime zu verklären.
Dass die Linke als Gesamtpartei nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werde, die AfD aber schon, findet Wellershoff «spannend». Er vermutet: Problematische Strömungen im linken Milieu seien bislang weniger öffentlich debattiert worden, weshalb der Fokus der Behörden stärker auf der AfD liege. Trotzdem warnt er vor vorschnellen Urteilen. Einzelne problematische Kontakte oder radikale Forderungen machten eine Partei nicht automatisch extremistisch.
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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