Erbrechen gegen Vergewaltigung: Psychologin warnt vor Polizeitipp

- Die Polizei im deutschen Landkreis Diepholz empfiehlt, sich bei sexuellen Übergriffen selbst zu erbrechen, um Täter abzuschrecken.
- Schweizer Psychologin Stefanie Gonin-Spahni kritisiert den Tipp: Willentliches Erbrechen sei kaum möglich und könne sogar lebensbedrohlich werden.
- Gonin-Spahni betont, die Verantwortung für einen Übergriff liege immer beim Täter – und fordert stärkere Täterprävention.
- Schweizer Polizeikorps sagen auf Anfrage, dass sie Massnahmen ausländischer Polizeien nicht bewerten.
Die Polizei im deutschen Landkreis Diepholz empfiehlt unter anderem das Sich-Erbrechen als wirksame Möglichkeit, ein Sexualdelikt abzuwehren. Diese Massnahme wird im Rahmen von Selbstbehauptungsseminaren geschult, in denen es darum geht, wie sich Behördenmitarbeitende mit Kundenkontakt in Notsituationen gegen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen wehren können.
Mit dem Finger den Würgereiz auslösen
Konkret sollen Betroffene mit einem Finger den Würgereiz im Hals auslösen und sich selbst übergeben. Der Ekel würde einen Täter bei einem Triebangriff stoppen, heisst es. Die deutsche Polizei betonte gegenüber der «Kreiszeitung», man solle sich in einem Notfall mit «allen zur Verfügung stehenden Mitteln» wehren. Zugespitzt: Lieber sich selbst absichtlich übergeben als vergewaltigt werden.
Auf Social Media sorgt die Massnahme für Kritik: «Ist das euer Ernst?», fragt etwa der User «Iron Oak». In einem Video kritisiert er drei Punkte: Erstens handle es sich um eine Täter-Opfer-Umkehr. Statt sexuelle Gewalt an der Ursache zu bekämpfen und Täter zur Verantwortung zu ziehen, werde das Problem auf die Opfer abgewälzt.
Zweitens sei die Massnahme menschenunwürdig und für Betroffene in einer solchen Situation zusätzlich erniedrigend. Drittens sei es realitätsfern, sich unter extremem Stress selbst einen Würgereiz auszulösen. In der Kommentarspalte stimmen ihm zahlreiche User zu.
Psychologin bewertet die Methode kritisch
Die Methode sorgt auch bei Stefanie Gonin-Spahni, Studienleiterin des CAS Sexuelle Gesundheit der Universität Bern, für Kopfschütteln. «Willentlich zu erbrechen ist schon unter normalen Umständen schwierig und für die meisten Menschen kaum möglich», gibt sie zu bedenken.
Ausserdem würden viele Betroffene während eines Übergriffs in eine unwillkürliche Erstarrung geraten. «Das ist eine normale Reaktion und kein Versagen. Und wem der Mund zugehalten oder wer auf dem Rücken festgehalten wird, riskiert, beim Erbrechen zu ersticken», sagt Gonin-Spahni.
Ob Ekel einen Täter tatsächlich zum Abbruch bewegen kann, sei ihres Wissens wissenschaftlich nicht untersucht. «Wir wissen aus der Forschung, dass Gegenwehr während eines Übergriffs, ob körperlich oder verbal, die Wahrscheinlichkeit einer vollendeten Vergewaltigung senkt», erklärt Gonin-Spahni.
Experimentelle Studien zeigten zudem, dass sexuelle Erregung das Ekelempfinden dämpft. «Das spricht eher dagegen, dass Ekel einen Täter zuverlässig stoppen würde», so die Psychologin.
Gonin-Spahni betont zudem, dass Ratschläge wie das Erbrechen die Verantwortung verschieben und den Opfern eine Mitverantwortung zuschreiben würden. «Die Verantwortung für einen Übergriff liegt aber immer beim Täter.»
Für den Schutz vor sexualisierter Gewalt braucht es deshalb eine stärkere Täterprävention, plädiert sie. «Viele Präventionsprogramme verändern zwar Einstellungen, aber nicht das Verhalten. Wirksamer ist es, konkretes Handeln einzuüben und das Umfeld einzubeziehen.»
Das sagen Schweizer Polizeikorps dazu
Auf Anfrage von 20 Minuten teilten verschiedene grosse Schweizer Polizeikorps mit, dass sie Massnahmen ausländischer Polizeien nicht bewerten. Polizeiverbände reagierten nicht auf die Anfrage.
Eine Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern erklärt lediglich: «Wie Menschen in einer akuten Bedrohungssituation reagieren, ist sehr individuell und hängt von zahlreichen Faktoren ab. Entsprechend gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, mit einer solchen Situation umzugehen.»
Angesprochen auf die Kritik auf Social Media sagt die Sprecherin: «Eine Täter-Opfer-Umkehr darf keinesfalls gefördert werden. Bei Präventionstipps geht es vielmehr darum, potenziell von Gewalt betroffene Personen zu stärken und ihnen mögliche Handlungsoptionen aufzuzeigen.»
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Melissa Greiter (mgr) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Sie ist seit Februar 2025 Redaktorin im Ressort News, Wirtschaft und Videoreportagen.
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