Anthropic-Bericht wirft Russland Desinformation per US-KI in Zentralafrika vor
In Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, sollen russische Agenten den KI-Assistenten Claude ganz bewusst für pro-russische Einflussnahme eingesetzt haben. Das schreibt das US-Unternehmen Anthropic in seinem jüngsten Bericht "Erkennung und Bekämpfung des Missbrauchs von KI" von September. Demnach wurden oppositionelle Politiker beobachtet, Propaganda-Inhalte erstellt und Desinformationskampagnen unterstützt. Claude soll zudem dafür genutzt worden sein, Informationen über mehrere führende Persönlichkeiten der zentralafrikanischen Opposition zusammenzustellen.
Nach Angaben des US-Unternehmens diente Claude insbesondere dazu, Inhalte zu produzieren, die von "Radio Lengo Songo" ausgestrahlt wurden, einem Radiosender, der laut des internationalen Recherchekollektivs "All Eyes on Wagner" von Russland finanziert wird. Das Kollektiv aus Journalisten, Akademikern und Experten untersucht weltweit die Aktivitäten der russischen Söldnergruppe Wagner sowie deren Nachfolgestrukturen, etwa des Africa Corps.

Prorussische Propaganda, Überwachung der Opposition
Die Inhalte waren laut des Anthropic-Berichts prorussisch, standen der zentralafrikanischen Regierung und den Söldnern des Africa Corps positiv gegenüber, äußerten sich jedoch kritisch gegenüber Frankreich und der Opposition. Mehrere politische Persönlichkeiten der Opposition sollen regelmäßig überwacht worden sein, Informationen über sie wurden mithilfe des KI-Assistenten Claude aktualisiert.
Lou Osborn, Mitglied von "All Eyes on Wagner", war an den Recherchen für den jüngsten Bericht beteiligt. Er ist der Ansicht, dass diese Methoden zu einer Praxis gehören, die bereits bei der Gruppe Wagner in der Zentralafrikanischen Republik beobachtet wurde. "Das machen sie nun schon seit einigen Jahren", sagt er der DW. "So gab es etwa einige Verhaftungen von Personen, die nicht unbedingt eng mit dem Touadéra-Regime verbunden sind." Faustin-Archange Touadéra ist seit 2016 Präsident der Zentralafrikanischen Republik. "Die Verhaftungen waren Gegenstand von Online-Kampagnen in Zeitungen und im Radio, um sie entweder als Stellvertreter Frankreichs oder westlicher Geheimdienste darzustellen oder als Personen, die einen Staatsstreich gegen Touadéra vorbereiten."
Anthropic berichtet zudem, dass Claude angeblich aufgefordert worden sei, Oppositionelle als bewaffnete Aktivisten darzustellen, um ein Eingreifen der Sicherheitsdienste gegen sie zu provozieren. Diese Aufforderung habe Claude abgelehnt, schreibt Anthropic. Der Bericht nennt allerdings weder die Namen der überwachten Oppositionellen noch die genaue Art der gesammelten Daten und wer sie erhalten hat.
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Opposition: Regierung will uns loswerden
Für die zentralafrikanische Opposition offenbart der Anthropic-Bericht den Willen der Regierung in Bangui und ihrer russischen Verbündeten, die Opposition loszuwerden. Martin Ziguélé, Sprecher des "Bloc des républicains pour la défense de la Constitution" und Vorsitzender des "Mouvement de libération du peuple centrafricain" (MLPC), erinnert an einen Fall, der schon mehrere Jahre zurückliegt:
"Das haben wir bereits seit 2020 beobachtet, als die CPC (Coalition des patriotes pour le changement, eine Rebellengruppe, Anm. d. Red.) Bangui angriff. Seltsamerweise haben mehrere Medien wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan, um vermeintliche Verbindungen zwischen bestimmten Oppositionsführern und der CPC herzustellen", so Ziguélé gegenüber der DW. "Es gab auch Angriffe gegen die Opposition, in denen behauptet wurde, wir würden vom Ausland bezahlt. Außerdem den Versuch, ein Gesetz zu verabschieden, das besagt, dass sich ausländische Agenten im Land aufhalten. All dies geht auf die Machenschaften der Wagner-Gruppe zurück, ebenso wie diese jüngste Enthüllung."

Die DW hat auch eine Stellungnahme der russischen Seite eingeholt. "Ja, ich habe das in den Nachrichten gehört", so der Vertreter der russischen Mission in der Zentralafrikanischen Republik, Dmitri Sytyi. "Aber da stehen keine konkreten Fakten, es gibt nur Anschuldigungen. Können Sie eine konkrete Sache aus diesem Bericht nennen? Wer ist der Oppositionelle und in welcher Form? Genau das meine ich. Es handelt sich um vage Anschuldigungen, ohne Präzision und ohne Beweise."
KI-Einflussnahme auch in der DR Kongo, Kenia, Sudan und Mali?
Russland bestreitet also die Vorwürfe. Doch was, wenn die Zentralafrikanische Republik kein Einzelfall wäre? Auch die Demokratische Republik Kongo, Kenia, der Sudan und Mali sind laut Bericht betroffen.
In der DR Kongo hat Anthropic laut des Berichts 318 Artikel erfasst, die von einem Netzwerk aus etwa 70 gefälschten Nachrichtenseiten veröffentlicht und anschließend von mehr als 250 fiktiven Konten auf X verbreitet wurden. Die Inhalte unterstützten die Positionen der kongolesischen Regierung vor dem Hintergrund des Konflikts mit Ruanda.
In Kenia soll Claude dazu genutzt worden sein, Serien von jeweils 50 Nachrichten zu generieren, die die Regierung unterstützten und der Opposition feindlich gegenüberstanden.

Im Sudan soll die KI laut Anthropic im Rahmen einer Operation eingesetzt worden sein, die Verantwortlichen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zugeschrieben wird - insbesondere zur Vorbereitung gefälschter Zeugenaussagen für die UNO.
In Mali wiederum soll ein mit den Geheimdiensten verbundener Berater Claude genutzt haben, um eine Plattform zur Überwachung des Telekommunikationsverkehrs zu entwickeln. Sie sollte demnach 25 Millionen SIM-Karten ansteuern und dazu dienen, die Verpflichtung zur Einholung einer richterlichen Genehmigung zu umgehen.
Anthropic gibt an, all diese verschiedenen Operationen zwischen Dezember 2025 und August 2026 aufgedeckt - und unterbunden - zu haben, insbesondere durch die Löschung der betroffenen Konten und die Verstärkung seiner Erkennungssysteme.

Adaptiert aus dem Französischen von Nikolas Fischer
Mitarbeit: Jean-Fernand Koena
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