Proteste in Albanien – Wie weiter mit den Flamingo-Protesten?

Albanien kommt nicht zur Ruhe. Neben den andauernden Flamingo-Protesten gehen seit dieser Woche nun auch die Studierenden auf die Strasse. Dabei ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen.
Die andauernden Proteste verändern nicht nur das Land, sondern auch das Leben von Marjana Koceku. Die 25‑Jährige ist die jüngste Abgeordnete des Landes.
Eine junge weibliche Stimme
«Ich stamme aus einer der abgelegensten Regionen des Balkans», sagt sie. Ihr Heimatdorf ist so abgelegen, dass es nur per Boot erreichbar ist. Lange hatte die Region keine eigene Stimme im Parlament. «Als junge albanische Frau will ich jungen Menschen aus Randregionen eine Perspektive bieten.»
Als sie nach ihrem Studium in ihr Heimatdorf zurückkehrte, engagierte sie sich zunächst für ökologische Themen und gründete ein kleines Agrotourismus-Unternehmen. So wurde die sozialistische Partei von Premierminister Edi Rama auf sie aufmerksam und warb sie an.
Enttäuscht von der eigenen Partei
«Sie sind die grösste Partei des Landes. Ich dachte, ich kann so meine Anliegen umsetzen.» Doch die Partei nutzte ihre Macht nicht im Interesse von Mensch und Umwelt, findet sie: «Ich hätte das Gegenteil davon unterstützen müssen, woran ich mein ganzes Leben glaube.»
In Albanien gehen die gewaltsamen Proteste junger Menschen gegen Missstände im Hochschulwesen und gegen die Regierung in den dritten Tag in Folge. Nach ersten Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstrierenden in der Hauptstadt Tirana weiteten sich die Ausschreitungen drei weitere Städte aus. Das Parlament in Tirana vertagte wegen der Gewalt auf den Strassen vorsichtshalber eine geplante Plenarsitzung auf kommende Woche.
In Tirana versuchten Demonstrierende erneut, sich dem Bildungsministerium zu nähern, worauf die Polizei mit Tränengas reagierte. In der Stadt Korca warfen die Protestierenden Medienberichten zufolge Steine und Molotowcocktails auf Schulen. Zu weiteren Protesten kam es in den Städten Durres und Lushnja.
Während der vergangenen zwei Tage wurden in Tirana insgesamt fast 100 Polizisten verletzt und mehr als 100 mutmassliche Randalierer festgenommen. Im Zentrum Tiranas hatten Randalierer unter anderem eine Bank und Räume einer Universität verwüstet.
Sie zog die Konsequenz und trat aus der Partei aus. Diese Entscheidung hat auch mit den Flamingo-Protesten zu tun.
Noch immer versammeln sich die Menschen täglich im Zentrum Tiranas. Allerdings sind im Vergleich zum Sommer, als zeitweise Zehntausende demonstrierten, deutlich weniger Menschen auf der Strasse – das sieht auch Gregor, der sich bei einer kleinen linken Oppositionspartei engagiert.
«Jetzt geht es darum, die Bewegung am Leben zu halten, bis sich hoffentlich wieder mehr Menschen anschliessen.» Das nächste Ziel seien die Lokalwahlen im Frühjahr. «Ich hoffe, die Regierung verliert zumindest Tirana.»
Ganz anders sieht es Multimediastudentin Ardenisa. Sie setzt keine Hoffnung auf Wahlen, sondern auf einen Wandel durch die Proteste. Diese sollen auf die Universitäten ausgeweitet werden. «Lasst uns eine einzige, besser organisierte Bewegung machen», fordert sie.
Zukunft der Bewegungen ist ungewiss
Ob mit den Studierenden eine neue Dynamik entsteht und sich die beiden Bewegungen etwa zu einer verschmelzen, bleibt abzuwarten. Insgesamt scheint es, als herrsche in der Bewegung bislang Uneinigkeit darüber, wie es die nächsten Monate weitergehen soll.
Politikerin Marjana Koceku setzt auf den Wandel durch Wahlen. Für sie ist klar – schon jetzt hätten die Proteste das Land verändert: «Die Menschen fühlen sich wahrgenommen.» Dies werde bei den Lokalwahlen im nächsten Jahr sichtbar werden, ist die Jungpolitikerin überzeugt und sie ist sich sicher: Die Bewegung wird bis dahin weitermachen.
In Albanien braut sich gerade eine neue Protestbewegung zusammen. Die Studierenden gehen seit dieser Woche auf die Strasse. Neben Forderungen im Bildungsbereich geht es ihnen in erster Linie um ein Ende des aktuellen politischen Systems. Sie fordern den Rücktritt vom Premierminister Edi Rama, distanzieren sich aber gleichzeitig von der grössten Oppositionspartei im Land.
Damit übernehmen sie die Forderung der Flamingo-Proteste. Diese hatte sich im Juni formiert und richtete sich zunächst gegen ein umstrittenes Luxusbauprojekt in einem Naturschutzgebiet. Doch auch sie fordern längst ein Ende des Zwei-Parteiensystems, in dem dieselben zwei Männer die politische Landschaft seit Jahrzehnten dominieren.
Die Regierung betont zwar das Recht auf Protest, zeigt aber bislang keine Bereitschaft zum Dialog. Weitere Proteste für die nächsten Tage sind angekündigt.
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