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Saturday, October 24, 2026

Wissenschaft gegen Netanjahu: "Wir wählen gegen die Kultur der Zerstörung"

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Wissenschaft gegen Netanjahu"Wir wählen gegen die Kultur der Zerstörung"

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Die Zerstörung des wissenschaftlichen Weizmann-Instituts im Juni 2025 durch iranische Raketen wurde von Teilen der nationalreligiösen Netanjahu-Anhängerschaft gefeiert. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

In der kommenden Woche, am Dienstag, wählt Israel ein neues Parlament. Für die israelische Neurowissenschaftlerin Keren Avirame sind die Wahlen der Moment, um der Kultur der Gewalt, der Zerstörung und des Rassismus entgegenzutreten, für die die Regierung Netanjahu steht und die auch Wissenschaftler angreift.

ntv.de: Wie blicken Sie als israelische Wissenschaftlerin, die im Gesundheitswesen tätig ist, auf die vergangenen drei Jahre des Krieges in Nahost zurück? Was steht Ihrer Meinung nach bei den bevorstehenden Wahlen auf dem Spiel?

Keren Avirame: Bevor ich antworte, gibt es etwas Grundsätzliches festzuhalten: Ich bin Israelin und Jüdin. Aber ich repräsentiere Israel nicht und schon gar nicht alle Jüdinnen und Juden auf der Welt. Es gibt Israelis, deren Werte, Entscheidungen und Vorstellungen von diesem Land sich grundlegend von meinen unterscheiden. Ich spreche aus einer bestimmten Perspektive auf Israel und vielleicht auch aus einem bestimmten Verständnis des Judentums - eines, das ich in dem Land um mich herum zunehmend schwerer wiedererkenne.

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Keren Avirame ist Direktorin für Forschung und Innovation im Tel Aviv Medical Center. (Foto: Privat)

Was meinen Sie mit den unterschiedlichen Werten und Vorstellungen?

Ich würde gerne mit dem Weizmann-Institut für Wissenschaft beginnen, einer der führenden wissenschaftlichen Einrichtungen Israels. Im Juni 2025 schlug eine iranische Rakete dort ein und zerstörte Labore und damit jahrelange, nicht ersetzbare Forschungsarbeit sowie wissenschaftliche Infrastruktur im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar. Kurz darauf veröffentlichte Yinon Magal, ein bekannter rechtsgerichteter Medienvertreter aus dem Umfeld der Netanjahu-Propaganda, den Satz: "Gott 1 – Weizmann-Institut 0". Überlegen wir einmal, was das bedeutet: Die Zerstörung wissenschaftlicher Erkenntnisse wird unter Berufung auf Gott gefeiert - Erkenntnisse, die zur Entwicklung lebensrettender Medikamente und Behandlungsmethoden beitragen. Was ich daran verstörend finde: Wenn diese Menschen selbst oder ihre Angehörigen an Krebs erkranken, sind sie genau von der wissenschaftlichen Gemeinschaft abhängig, deren Zerstörung sie feiern. 

Beschränkt sich diese Feindseligkeit gegenüber Wissenschaft auf die öffentliche Debatte, oder zeigt sie sich auch in der Regierungspolitik?

Ganz eindeutig auch in der Politik. Im Juli 2026, kurz vor der Sommerpause der Knesset, dem israelischen Parlament, brachte Netanjahus Koalition ein umstrittenes Gesetz durch, das die Geschlechtertrennung an Hochschulen ausweitet, auch auf weiterführende akademische Programme. Universitäten sollten Orte sein, an denen Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, Ideen austauschen, Annahmen hinterfragen und Wissen weiterentwickeln. Doch nun fördert die Regierung die Trennung von Männern und Frauen genau in diesen Einrichtungen.

Wie reagierte die akademische Gemeinschaft darauf?

Fünf Mitglieder des israelischen Rates für Hochschulbildung traten aus Protest zurück. Sie argumentierten, das Gesetz gefährde grundlegende Prinzipien wie Wissenschaftsfreiheit, Gleichheit, Exzellenz und Pluralismus. Das Bildungsministerium versuchte daraufhin, eigene Leute für die freigewordenen Posten einzusetzen. Hier treffen also erneut zwei unterschiedliche Vorstellungen von Wissenschaft aufeinander: eine, die ihre Unabhängigkeit und Werte verteidigt, und eine andere, in der die Regierung größeren Einfluss auf akademische Einrichtungen ausüben will. 

Wie sieht es in den Schulen aus? Welchen Botschaften sind jüngere Schülerinnen und Schüler ausgesetzt?

Kürzlich nahm ein Vertreter der rechtsextremen Partei von Itamar Ben-Gvir an einer Wahlveranstaltung an einer Schule in Herzliya teil. Dort verteilte er Anstecker mit einem Henkersknoten an die Schülerinnen und Schüler. Die Galgenschlinge ist das Symbol der Parteikampagne für die Einführung der Todesstrafe für Terroristen. Ben-Gvir und andere seiner Parteimitglieder hatten zuvor begonnen, diese Anstecker statt der gelben Schleifen zu tragen, die Solidarität mit den israelischen Geiseln symbolisieren. Die Schulleitung hatte die Verteilung der Anstecker ausdrücklich untersagt, der Bürgermeister von Herzliya verurteilte den Vorfall scharf. Die Partei erklärte dagegen, sie sei stolz darauf, der jungen Generation die Bedeutung der Abschreckung von Terrorismus zu vermitteln. Wir sprechen hier über eine Schule in einer der liberaleren Städte Israels. Die Jugendlichen müssen in ein oder zwei Jahren ihren Militärdienst antreten. Und ein Vertreter einer Regierungspartei, die von einem Mann mit Vorstrafen geführt wird, kommt an diese Schule und verteilt ein Hinrichtungssymbol an die künftigen Soldatinnen und Soldaten.

Ein verstörendes Bild. Wie spiegeln sich solche Ereignisse in den aktuellen politischen Entscheidungen über Bildung und öffentliche Gesundheit wider?

Ich denke, genau solche Vorfälle gehören zur Agenda der Regierung Netanjahu. Man erkennt es auch daran, wen seine aktuelle Koalition in Schlüsselpositionen einsetzt. Im Dezember 2025 wurde Zvi Sukkot, ein rechtsextremer Siedlungsaktivist ohne Hochschulabschluss und bekannt für extremistische Aktivitäten, zum Vorsitzenden des Bildungsausschusses der Knesset ernannt. Gleichzeitig wurde Limor Son Har-Melech, eine weitere rechtsextreme, religiöse Siedlungspolitikerin ohne medizinische oder wissenschaftliche Qualifikation, zur Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses der Knesset ernannt. Sie hatte sich für einen Austritt Israels aus der Weltgesundheitsorganisation ausgesprochen. Diese parlamentarischen Ausschüsse beaufsichtigen zwei der wichtigsten Säulen unserer Gesellschaft: Bildung und Gesundheitsversorgung. Diese Personalentscheidungen zeigen, wie politische Ideologie gegen fachliche Expertise, wissenschaftliche Erkenntnisse und eine evidenzbasierte Politik eingesetzt wird. 

Was ist mit der Verteilung öffentlicher Mittel?

Die Ariel-Universität ist ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür, wie politische Prioritäten die Hochschulpolitik in Israel prägen. Ariel liegt in einer Siedlung im besetzten Westjordanland, außerhalb des international anerkannten israelischen Staatsgebiets. 2012 setzte sich die Regierung Netanjahu dafür ein, die Einrichtung als Universität anzuerkennen, obwohl Israels etablierte Forschungsuniversitäten dagegen waren. Aufgrund ihres Standortes ist die Universität von EU-Forschungsförderprogrammen ausgeschlossen. Statt ihre Entscheidung deswegen neu zu bewerten, stellte die israelische Regierung zusätzliche öffentliche Mittel bereit - zulasten anderer israelischer Forschungsuniversitäten mit deutlich stärkeren akademischen und wissenschaftlichen Leistungen. Die Entscheidungen der Regierung spiegeln das umfassendere Siedlungsprojekt wider, das durch politische Entscheidungen und erhebliche öffentliche Investitionen aufrechterhalten wird. Ich habe mich persönlich immer geweigert, an der Ariel-Universität zu lehren oder mit ihren Forschenden zusammenzuarbeiten.

Also spiegelt die Verteilung öffentlicher Mittel die Werte und Prioritäten der Regierung Netanjahu wider?

Ja. Ich nenne Ihnen ein weiteres Beispiel. In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober 2023 behandelte das Soroka-Krankenhaus in Beerscheba unter ständigem Raketenbeschuss aus Gaza Tausende Verletzte. Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte und Freiwillige kamen aus dem ganzen Land und arbeiteten nahezu ununterbrochen, bis ein System für die Verlegung von Notfallpatienten in große Krankenhäuser im Zentrum Israels eingerichtet war, darunter auch mein eigenes. Im Juni 2025 zerstörte eine iranische Rakete ein großes Klinikgebäude. Glücklicherweise waren die Patienten zuvor evakuiert worden. Mehr als ein Jahr später kämpft das Krankenhaus noch immer mit den Folgen; der Wiederaufbau hängt von einer komplizierten Mischung aus öffentlichen Mitteln, institutionellen Ressourcen und privaten Spenden ab. Gleichzeitig wurden fast zwei Millionen Schekel [umgerechnet etwa 580.000 Euro] an öffentlichen Geldern für die Reparatur eines beschädigten Fensters in Netanjahus privater Residenz in Caesarea ausgegeben.

Wie wirken sich diese politischen Prioritäten und der andauernde Krieg auf Ihre Arbeit und die Zukunft der wissenschaftlichen Forschung in Israel aus?

Israelische Forschungseinrichtungen sind international zunehmend isoliert. Ein Beispiel ist die sinkende Erfolgsquote israelischer Bewerbungen um die sogenannten "Starting Grants" des Europäischen Forschungsrats ERC: von rund 26 Prozent in früheren Jahren auf nur noch 9,3 Prozent im Jahr 2025. Das ist besonders alarmierend, weil die israelische Wissenschaft international traditionell sehr wettbewerbsfähig war. Unsere Forschenden haben starke internationale Kooperationen aufgebaut, renommierte Fördermittel eingeworben und wichtige wissenschaftliche Fortschritte erzielt. Als Wissenschaftler sind wir auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Wissenschaft kann nicht isoliert gedeihen. Doch zunehmend geraten wir zwischen eine Regierung, deren Politik wir ablehnen, und eine internationale Wissenschaftsgemeinschaft, die uns als Vertreter dieser Regierung wahrnimmt. 

Wird das auch auf anderer Ebene spürbar? Verlassen israelische Wissenschaftler und Ärzte das Land?

Das ist vielleicht die besorgniserregendste langfristige Folge. Immer mehr hoch qualifizierte Menschen verlassen Israel, darunter Forschende, Ärzte, Akademiker und Beschäftigte der Hightech-Branche. Mein Fachgebiet, die Neurowissenschaften und Psychiatrie, gehört zu den mit am stärksten betroffenen. Viele gehen nicht nur wegen des Krieges und der Sicherheitslage, sondern auch, weil sie für sich und ihre Kinder keine Zukunft mehr in diesem Land sehen. Was ich besonders verstörend finde, ist die Vision derjenigen, die das gegenwärtige Bild von Israel und dem Judentum propagieren: Sie scheinen sich ein Land vorzustellen, das von Gewalt und Religion getragen wird. Ich zögere sogar, das Religion zu nennen, weil es eine Beleidigung des Glaubens wäre. Gerade jene Eigenschaften, die Israel so außergewöhnlich gemacht haben - intellektuelle Neugier, wissenschaftliche Leistungen, Kreativität und Innovation -, werden heute mit Verachtung behandelt.

Was ist mit den Wissenschaftlern, die bleiben? Unternimmt die Wissenschaftsgemeinschaft etwas, um sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen?

Ja, und das ist das andere Israel, von dem ich gesprochen habe. Eine besonders interessante Initiative heißt Mind-IL. Am 25. und 26. Oktober werden in ganz Israel Dutzende wissenschaftliche Konferenzen organisiert, um israelische Forschende, die im Ausland leben, rund um die Wahl zurück ins Land zu bringen. Die Idee ist, sie durch Fachkonferenzen wieder mit Israel zu verbinden und es ihnen leichter zu machen, während des Wahlzeitraums persönlich anwesend zu sein.

Anders als in anderen Ländern muss man bei israelischen Wahlen persönlich vor Ort sein, um seine Stimme abgeben zu können, es ist nicht möglich, beispielsweise in Botschaften zu wählen. Aktuellen Umfragen zufolge planen mehr als 50.000 im Ausland lebende Israelis für die Wahlen einzureisen.

Ich finde die Initiative faszinierend, weil sie zeigt, wie die Wissenschaftsgemeinschaft ihre beruflichen Netzwerke mobilisiert, um die demokratische Teilhabe zu fördern. Ich kann mich persönlich kaum entscheiden, welche Veranstaltungen ich besuchen sollte, weil die Auswahl so außergewöhnlich ist.

Sie gehören zum Leitungsteam der psychiatrischen Abteilung eines der größten öffentlichen Krankenhäuser Israels. Wie haben die Ereignisse der vergangenen drei Jahre diesen Teil Ihres Alltags beeinflusst?

Ich denke, israelische Krankenhäuser verkörpern besonders deutlich die zwei unterschiedlichen Israels, von denen ich gesprochen habe. 2016 verteidigte Bezalel Smotrich, heute Israels Finanzminister, öffentlich die Entscheidung seiner Frau, sich eine Entbindungsstation nicht mit arabischen Frauen teilen zu wollen. Sie wollte außerdem bei der Geburt ausschließlich von jüdischem medizinischem Personal betreut werden. Und doch arbeiten jüdische und arabische Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und andere Beschäftigte im israelischen Gesundheitswesen jeden Tag Seite an Seite. Sie behandeln Patienten unabhängig von ethnischer Herkunft, Religion oder politischer Überzeugung. Selbst israelische Geiseln, die aus Gaza zurückkehrten, haben enge Beziehungen zu ihren arabischen Ärzten und Pflegekräften entwickelt. Ich habe mit hervorragenden arabischen Kollegen zusammengearbeitet. Es macht mich traurig, dass einige Israel verlassen, weil sie in den Golfstaaten bessere berufliche Möglichkeiten haben. Die israelische Medizin verliert diese Expertise. Gleichzeitig kann ich ihre Entscheidung nachvollziehen. Als arabischer Bürger in Israel zu leben, ist alles andere als einfach - besonders im gegenwärtigen politischen Klima.

Manchmal vergessen wir, welch außergewöhnliche Errungenschaft unser öffentliches Gesundheitssystem ist. Es gewährleistet mehr als zehn Millionen Menschen eine universelle Gesundheitsversorgung, weitgehend kostenlos. Israelische Krankenhäuser haben Palästinenser, Syrer und Patienten aus anderen Ländern behandelt. Während unsere politischen Führungskräfte Spaltung, Rassismus und Gewalt fördern, zeigen unsere Krankenhäuser jeden Tag, dass Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft zusammenarbeiten, einander vertrauen und sich gemeinsam dem Schutz menschlichen Lebens verpflichtet fühlen.

Aber wie funktionieren diese Orte mit einer anderen Vorstellung von israelischer Gesellschaft, während dreier Kriegsjahre und wiederholter Notlagen? Das muss doch Auswirkungen haben.

Natürlich. Unser Krankenhaus liegt im Zentrum von Tel Aviv, direkt gegenüber dem Hauptquartier der israelischen Armee, und ist daher zum Beispiel bei Raketenangriffen besonders exponiert. Wir sind trainiert, innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus mit 1200 Betten vollständig unter die Erde zu verlegen und die medizinische Versorgung in umfunktionierten Parkhäusern wenn nötig tagelang aufrechtzuerhalten. Ich halte es für außergewöhnlich, dass wir mitten in Zerstörung, Unsicherheit und Erschöpfung unsere Arbeit weiterentwickeln und die Versorgung verbessern konnten, um etwa auch auf einen enormen Anstieg des Bedarfs an psychischer Gesundheitsversorgung reagieren zu können.

All das während eines Krieges anzubieten, ist teuer. Gleichzeitig versiegen die Fördermittel und die Wissenschaftsgemeinde fühlt sich zunehmend isoliert. Wie finanziert man solche Weiterentwicklungen dann?

Ein erheblicher Teil dessen, was wir seit dem 7. Oktober aufbauen konnten, wurde durch Spenden ermöglicht, insbesondere von amerikanisch-jüdischen Philanthropen. Ihre Großzügigkeit und Solidarität waren außergewöhnlich. Ohne ihre Unterstützung gäbe es viele dringend benötigte Angebote im Bereich der psychischen Gesundheit schlicht nicht. Es handelt sich um unglaublich hohe Summen: Einzelspenden in Höhe von 100 bis 250 Millionen US-Dollar der verschiedenen philanthropischen Familien fließen in die israelische Wissenschaft und Medizin - zu einer Zeit, in der Israel international zunehmend isoliert ist und diese Institutionen zugleich politischen Angriffen und Einmischung der eigenen Regierung ausgesetzt sind. Diese Beiträge werden noch Generationen von Israelis zugutekommen.

Diese Familien üben mit ihren finanziellen Mitteln allerdings auch beträchtliche Macht aus.

Das ist richtig. Mit der Zeit, insbesondere durch meine Teilnahme an Traumakonferenzen und die Begegnung mit potenziellen Spendern, ist mir die Verbindung von Philanthropie, Ideologie und politischer Macht zunehmend unangenehm geworden. Ich sehe, wie sich der aufrichtige Wunsch zu helfen mit starken ideologischen Überzeugungen und erheblichem finanziellem Einfluss verbinden kann. Und ich habe angefangen, darüber nachzudenken, was die Folgen dieser Abhängigkeit sein können. Sie erinnert mich an die politische Kultur, die Netanjahu geprägt hat und in der Zugang zu Reichtum und einflussreichen Unterstützern eine so große Rolle spielt. Seit Jahrzehnten behandelt Netanjahu die Institutionen und öffentlichen Interessen des Landes wie Ressourcen, die zu seinem eigenen politischen und persönlichen Vorteil eingesetzt werden können.

Sie beschreiben ein Gesundheitssystem, das sich unabhängig von Herkunft und Überzeugungen um alle Menschen kümmert. Ist es Ihnen nach allem, was geschehen ist, persönlich jemals schwergefallen, an diesem Grundsatz festzuhalten?

Vielleicht fällt es mir am schwersten einzugestehen, dass ich erleichtert bin, nicht mehr unmittelbar Patienten behandeln zu müssen. Ich arbeite in einem Krankenhaus, in einem zutiefst humanistischen Umfeld, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Leben retten. Heute bilde ich Fachkräfte aus, werbe Fördermittel ein und verwalte sie, betreibe Forschung und entwickle bessere Behandlungsmethoden, statt selbst Patienten zu behandeln. Ich weiß, dass ich Schwierigkeiten hätte, die Menschen zu versorgen, die hierzulande Hass gegen alles schüren, woran ich glaube, und die Institutionen und Werte angreifen, denen ich mein Leben gewidmet habe. Darauf bin ich nicht stolz. Ich weiß, dass die Pflicht zur Behandlung nicht von den politischen Überzeugungen eines Patienten abhängen darf. Eine Behandlung zu verweigern, würde eines der grundlegendsten Prinzipien der Medizin verletzen. Ich kann aber nicht so tun, als gäbe es diesen inneren Konflikt nicht. Vielleicht zeigt sich gerade darin am deutlichsten, was diese Jahre mit uns gemacht haben: Selbst meine ärztliche Tätigkeit ist zu einem ethischen Kampf geworden. 

Nach all dem, insbesondere nach diesem persönlichen ethischen Konflikt: Was bedeutet es heute für Sie, jüdisch zu sein?

Ich hatte neulich die Gelegenheit, Marc Chagalls Gemälde "Das Leben" zu sehen. Chagall wurde wie meine Großeltern in eine jüdische Familie in einem osteuropäischen Schtetl hineingeboren. Er trug sein jüdisches Erbe über Grenzen hinweg, durch das Exil und die Umbrüche des 20. Jahrhunderts, und verwandelte es in außergewöhnliche Kunst, inspiriert von biblischen Geschichten, jüdischer Erinnerung, Liebe und Menschlichkeit. Vor diesem Gemälde wurde mir schmerzlich bewusst, wie viel von diesem Reichtum in Netanjahus Israel zu fehlen scheint. Ich weiß, dass Zärtlichkeit, Fantasie, intellektuelle Neugier, Kreativität und Menschlichkeit noch immer existieren. Ich weiß, dass viele von uns weiterhin uneingeschränkt Verantwortung für das Leben übernehmen. Diese Eigenschaften verbinde ich mit der jüdischen Tradition und mit den außergewöhnlichen Beiträgen, die Jüdinnen und Juden zu den Kulturen und Gesellschaften geleistet haben, in denen sie lebten. Ich bemühe mich jeden Tag, mich mit dieser außergewöhnlichen intellektuellen und humanistischen Tradition des Judentums zu verbinden: von Maimonides und Spinoza über Martin Buber und Emmanuel Levinas bis hin zu Freud und Einstein, Hannah Arendt und Gershom Scholem. Für mich geht es nicht nur um die Zukunft Israels oder darum, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Es geht um den Kampf, in einer Kultur der Zerstörung schöpferisch zu bleiben. Und genau dafür werden wir stimmen.

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