Warum antworten wir unseren besten Freunden tagelang nicht?

Die Nachricht ist gelesen, die Antwort längst im Kopf formuliert und trotzdem lässt du dir drei Tage Zeit, um zu antworten. Nicht etwa bei irgendeiner Bekanntschaft, sondern ausgerechnet bei der besten Freundin. Gleichzeitig entsperren wir unser Handy unzählige Male am Tag, verschicken Memes und reagieren auf Storys. Aber die eine, wichtige Nachricht? Bleibt unbeantwortet.
Welche Art Nachricht beantwortest du am schnellsten?
Warum fällt uns eine Antwort an Menschen, die uns besonders wichtig sind, oft so schwer? Betroffene erzählen, welche Nachrichten sie aufschieben, wie sich das auf ihre Freundschaften auswirkt und was sie selbst empfinden, wenn sie tagelang auf eine Antwort warten müssen.
Mehr zu diesem Thema
«Chat-Nachrichten sind gesichtslos»
Anna (24) antwortet manchmal bewusst nicht: «Wenn ich während der Arbeit ans Handy gehe, bin ich schnell überreizt», sagt sie. Um sich nicht ablenken zu lassen, lege sie das Smartphone deshalb zur Seite. Wenn ihr selbst aber nicht geantwortet wird, ärgert sie sich: «Dann bin ich genervt. Deshalb halte ich meine Erwartungen lieber niedrig.»

Auch Alen (22) kennt das. «Entweder antworte ich sofort oder gar nicht», sagt er. Entscheidend sei für ihn, wie wichtig eine Nachricht ist. Stehe darin: «Kannst du mich anrufen?», melde er sich schnell zurück. Alen sieht das Problem vor allem in der digitalen Kommunikation. Beim Schreiben fehle die persönliche Verbindung, weil man weder die Reaktion des Gegenübers sehe noch wisse, was die Person wirklich empfinde. «Chat-Nachrichten sind gesichtslos», sagt er. Deshalb schreibe er nicht besonders gerne und bevorzuge persönliche Gespräche.

Doch es gibt auch klare Gegenstimmen. Sofia (15) lässt ihre Freunde nicht auf eine Antwort warten. «Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich das täte», sagt sie. Für sie gehört eine schnelle Rückmeldung zu einer echten Freundschaft: Wer einen regelmässig warten lasse, sei kein wahrer Freund.
«Nachrichten geraten schnell in Vergessenheit»
Maxim (23) fühlt sich von seinen Freunden als «nicht wichtig genug» betrachtet, wenn er länger keine Antwort erhält. Dass hinter der Funkstille jedoch nicht zwingend fehlende Wertschätzung steckt, zeigt das Beispiel von Flurina (19). Sie lasse Nachrichten nicht absichtlich unbeantwortet. «Wenn es nicht so dringend ist, gerät die Nachricht bei mir schnell in Vergessenheit.» Sie sagt: «Wenn sie eher belanglos ist, weiss ich manchmal auch einfach nicht, was ich darauf antworten soll.» Flavia (21) findet: «Gehts in einer Freundschaft wirklich darum, wann und ob man antwortet?»
Keine Energie, keine Antwort
Therapeutin Tharsika Bühler erklärt auf Anfrage von 20 Minuten: «Gerade Nachrichten von nahestehenden Menschen verlangen oft mehr emotionale Kapazität.» Fragen wie: «Wann beginnt das Meeting?» seien hingegen schnell beantwortet. Wenn es sich um die beste Freundin handelt und diese von einem persönlichen Problem erzählt, möchten viele nicht mit einer hastigen Nachricht reagieren, sondern sich Zeit für eine aufmerksame Antwort nehmen. «Fehlt dafür gerade die emotionale Energie, schieben sie die Antwort auf», so die Expertin.
Über die Expertin

«Wiederkehrende Muster sind entscheidender als einzelne Antwortzeiten», sagt die Therapeutin. Eine stabile Freundschaft halte durchaus Phasen aus, in denen eine Person weniger verfügbar sei. «Problematisch wird es erst, wenn jemand das Verständnis des Gegenübers dauerhaft als selbstverständlich voraussetzt und dessen Bedürfnisse kaum noch berücksichtigt.» Finden es beide in Ordnung, mehrere Tage nichts voneinander zu hören, müsse die Funkstille die Freundschaft nicht belasten. Warte hingegen immer dieselbe Person auf eine Antwort und fühle sich damit unwohl, entstehe ein Ungleichgewicht.
Bist du eher die Person, die tagelang nicht antwortet, oder diejenige, die tagelang auf eine Antwort wartet?
Yasmina Al Dubai (yad), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juni 2026 bei 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Lifestyle-Ressort.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
