Diesel ist so teuer wie noch nie – steigt der Preis noch weiter?

- Diesel kostet in der Schweiz im Schnitt 2.41 Franken pro Liter – ein Rekordwert.
- Grund für den Anstieg sind der Angriff auf eine Pipeline in Saudi-Arabien, die drohende Blockade des Roten Meers und Frachtkosten, die acht- bis zehnmal höher als üblich sind.
- Die Schweiz ist besonders betroffen, weil sie kein eigenes Erdöl fördert und sieben von zehn Litern als Fertigprodukte importiert.
- Ob die Preise bald wieder sinken, hängt wesentlich von geopolitischen Entwicklungen ab.
Diesel kostet in der Schweiz so viel wie noch nie: Laut TCS liegt der aktuelle Durchschnittspreis bei 2.41 Franken pro Liter. Das sind die Gründe – und die Szenarien, wie es jetzt weitergehen könnte.
Darum steigen die Preise
Auf den ersten Preisschub durch den Irankrieg folgen nun neue Störungen, erklärt Ueli Bamert vom Branchenverband Avenergy Suisse. Der Angriff auf eine Pipeline in Saudi-Arabien und die drohende Blockade des Roten Meers setzten den Ölmarkt zusätzlich unter Druck. «Rohöl ist heute rund 80 Prozent teurer als vor Beginn des Irankriegs.» Auch der Transport per Schiff auf dem Rhein koste derzeit acht- bis zehnmal mehr als gewöhnlich.
Walter Pfeiffer, Energieexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger, ergänzt, dass auch Angriffe auf russische Raffinerien und Tanklager eine Rolle spielten: «So kommt weniger Rohöl und insbesondere weniger Diesel auf den Markt. Das gilt auch für kasachisches Rohöl, das zum Teil über russische Häfen exportiert wird.»
Das alles führe dazu, dass die Kraftstoffpreise zwischen Januar und August in der Schweiz deutlich angestiegen seien. «Bei Diesel betrug der Anstieg 25 bis 33 Prozent, beim Benzin 20 bis 27 Prozent», sagt Pfeiffer.
Verschärft wurde die Lage durch einen vorübergehenden Ausfall der Raffinerie Cressier NE. Die einzige Schweizer Raffinerie deckt normalerweise rund 30 Prozent des Bedarfs an Mineralölprodukten. Wegen eines technischen Defekts musste sie ihre Produktion Anfang September für mehrere Tage einstellen. Der Bund bewilligte deshalb begrenzte Bezüge aus den Pflichtlagern.
So stark beeinflussen diese Faktoren die Preise
Pfeiffer gibt ausserdem eine Einschätzung, welche Faktoren welchen Anteil an diesem Preisanstieg ausgemacht haben:
Verlangen die Tankstellen zu viel fürs Benzin?
Immer wieder wird der Vorwurf laut, Tankstellen erhöhten ihre Preise sofort und überdurchschnittlich, wenn der Ölpreis steige. Bamert weist das zurück. «Die Tankstellendichte ist hoch, die Konkurrenz zwischen den Anbietern gross. Die Betreiber haben kaum Spielraum bei der Preisgestaltung.»
Pfeiffer schliesst höhere Margen nicht aus. Tankstellen passten ihre Preise mithilfe spezialisierter Systeme an Weltmarktpreise, Konkurrenz und lokale Nachfrage an. Nach seiner Einschätzung machten höhere Tankstellenmargen jedoch nur einen kleineren Teil des gesamten Preisanstiegs aus.
Warum Diesel jetzt viel stärker steigt als Benzin
Europa produziert mehr Benzin, als es selbst benötigt, ist bei Diesel aber auf Importe angewiesen, erklärt Energieexperte Pfeiffer. Geringere Lieferungen aus Russland und dem Nahen Osten träfen Diesel deshalb besonders stark. Gleichzeitig könnten Transport, Landwirtschaft und Industrie ihren Verbrauch kurzfristig kaum reduzieren, sagt Ueli Bamert von Avenergy Suisse. Das knappe Angebot treffe somit auf eine stabile Nachfrage.
Geht das jetzt einfach so weiter?
Ob Diesel bald 2.50 Franken pro Liter kostet, lässt sich laut Bamert nicht seriös vorhersagen. Entscheidend sei, wie sich der Irankrieg und die Lage auf den wichtigen Öltransportwegen entwickelten.
Pfeiffer arbeitet mit Szenarien. Diese drei Möglichkeiten gibt es laut ihm für den Dieselpreis. Derzeit befänden wir uns in Szenario zwei, Teile von Szenario drei könnten noch dazukommen.
Szenario 1: Preise von 2.00 bis 2.20 Franken
Voraussetzungen:
- Keine weitere Eskalation
- Kein Eingriff der Politik in Kraftstoffpreise
- Eine Normalisierung der Logistik auf dem Rhein
- Alle Raffinerien im Versorgungsbereich können voll liefern
Ergebnis:
- Entspannung bei Benzin
- Diesel bleibt angespannt, aber etwas weniger kritisch.
Szenario 2: Fortgesetzte Knappheit, 2.20 bis 2.40 Franken pro Liter
Voraussetzungen:
- Die genannten Faktoren setzen sich fort
- In Hormus kommen einzelne Schiffe durch
- Die Huthi-Kontrolle im Roten Meer wird durch europäisches oder US-Militär gestoppt
- Saudi-Arabien kann darüber erhebliche Mengen exportieren
- Auch die Vereinigten Arabischen Emirate können exportieren
- Russlands Exportmengen sind weiter sehr knapp, aber ungefähr auf heutigem Niveau
Ergebnis: Situation bei Benzin und Diesel wäre schwierig, zum Teil leicht verschärft
Szenario 3: 2.70 bis 3.00 Franken pro Liter
Voraussetzungen:
- Der Iran-Krieg wird mit Nachdruck fortgesetzt
- Schwere Treffer auf Anlagen und Öltanker in Nahost
- Die Pipelines ans Rote Meer und nach Fujairah werden stark beschädigt.
- Die Ukraine zerstört erfolgreich Schlüssel-Exportterminals der Russen.
- Raffinerien im süddeutschen Raum fallen aus, etwa durch ungeplante Störfälle
- Die Kraftstoffversorgung aus den USA wird gestört, etwa durch Unwetter oder die US-Aussenpolitik
Ergebnis: Drastische Engpässe und Lieferausfälle im Markt: Wer Geld hat, bekommt Ware. Preise steigen stark an.
Kann die Schweiz etwas gegen die hohen Preise machen?
Ganz ausgeliefert ist die Schweiz einer weiteren Eskalation nicht. Laut Pfeiffer könnten zusätzliche Freigaben aus den Pflichtlagern extreme Versorgungsspitzen abfedern. Der Bund hat wegen des zeitweisen Ausfalls der Raffinerie Cressier und der eingeschränkten Rheinschifffahrt bereits begrenzte Entnahmen bewilligt. Damit lässt sich die Versorgung stützen – eine bestimmte Senkung des Tankstellenpreises ist dadurch jedoch nicht garantiert.
Politiker wie SVP-Nationalrat Thomas Knutti fordern ausserdem, dass die Mineralölsteuer für zwei Monate ausgesetzt wird.
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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