«Der kämpferische Geist ist vielerorts Mutlosigkeit gewichen»

- Seit über vier Jahren tobt der Krieg in der Ukraine.
- 20-Minuten-Auslandsreporterin Ann Guenter ist zum wiederholten Mal vor Ort gereist, um über die Entwicklungen zu berichten und mit den Menschen zu sprechen.
- Im Interview spricht sie über ihre Arbeit vor Ort, wie sie die Menschen und die Stimmung erlebt hat, und erklärt, wieso sie nicht auch aus Russland berichtet.
Wie arbeitet eine Reporterin im Kriegsgebiet? Wie gelingt es, trotz des Leids professionelle Distanz zu wahren? Und ist ausgewogene Berichterstattung in einem Krieg überhaupt möglich? Darüber spricht 20-Minuten-Auslandsreporterin Ann Guenter im Interview kurz nach ihrer jüngsten journalistischen Reise in die Ukraine.
Du warst zuletzt vor zwei Jahren in der Ukraine. Was ist die als Erstes aufgefallen, das anders ist als beim letzten Besuch?
Als Allererstes die Häufigkeit der Angriffe, über die man via App informiert wird. Das hat gewaltig zugenommen, gefühlt im Minutentakt kommen Warnungen. Im Alltag fiel mir ausserdem überall das Knattern der Stromgeneratoren auf, das ist mittlerweile der Soundtrack jeder ukrainischen Stadt. Zugleich überrascht mich immer noch, wie normal der Alltag trotz alldem weiterläuft. Im Krieg wird stets das Abnormale normalisiert, das passiert auch hier.

Wie hast du die Menschen erlebt, mit denen du gesprochen hast?
Bei vielen ist der kämpferische Geist der Mutlosigkeit gewichen. Das zu sehen bei Menschen, die ich seit Beginn der Vollinvasion der Ukraine kenne, tut weh. Viele scheinen sich ihrem Schicksal ergeben zu haben: Es wird nicht besser, aber es ist jetzt, wie es ist.
«Ich würde gerne auch mit den Menschen in Russland sprechen.»
Und trotzdem läuft der Alltag weiter.
Ja, selbst in den Frontstädten, in denen ich war. Viele ignorieren den Luftalarm, wenn es nicht grad gewaltig knallt. Sie sitzen unbeeindruckt draussen und gehen ihrem Leben nach. Den Krieg bemerkt man etwa an den teils leeren Regalen in den Supermärkten. Russland hat damit angefangen, Einkaufszentren, Produzenten und Verteilzentren anzugreifen, was sich in fehlenden Gütern bemerkbar macht.
Wieso berichtest du nicht aus Russland und wie stellst du eine ausgewogene Berichterstattung sicher?
Ich würde gerne auch mit den Menschen in Russland sprechen. Doch die russischen Behörden verhindern das, seit ich 2021 im besetzten Donezk eine Strassenumfrage vor dem leeren Schachtar-Stadion machen wollte. Sie entzogen mir die Akkreditierung für die russisch besetzten Gebiete, deshalb würde ich wohl auch kein Visum für Russland bekommen. Nach einem Embed, also einer von der ukrainischen Armee begleiteten journalistischen Reise ins zeitweise besetzte Gebiet Kursk, drohte mir die russische Botschaft in Bern 2024 zudem mit Haft.
Ausgewogenheit vor Ort ist aber ehrlicherweise in keinem Krieg vollständig möglich: Informationen sind teils eingeschränkt, verzerrt und schwer überprüfbar, Zugänge nicht frei. Solange ich nicht mit der Armee unterwegs bin, kann ich in der Ukraine aber frei berichten und ich mache die Bedingungen, unter denen Reportagen entstehen, immer transparent. Zentral sind auch externe Fachleute, die das Gesamtbild einordnen können. Ihre Analysen mit den eigenen Beobachtungen abzugleichen, ist wohl das Ausgewogenste, was im Krieg möglich ist.

Die Menschen erzählen dir ihre Geschichten von Leid, Verlust, Erschöpfung. Was entgegnest du dem Vorwurf, dieses Leid journalistisch auszuschlachten?
Diesem Vorwurf habe ich mich bislang noch nicht ausgesetzt gefühlt. In meiner Arbeit geht es darum, diesen Menschen eine Stimme zu geben. Das ist mein Job. Ich erkläre den Befragten transparent, wofür ich die Gespräche führe, und respektiere es, wenn jemand nicht sprechen oder Fotos nicht veröffentlicht haben will. Zudem ist Übertreibung auch nicht nötig – was Menschen im Krieg erzählen, ist dramatisch genug. Ich schaffe höchstens Kontext mit Zahlen und Fakten oder beschreibe eine Stimmung.
Wie gehst du mit Nähe zu den Menschen und professioneller Distanz um?
Tatsächlich fällt es mir in diesem Krieg schwer, immer distanziert zu bleiben. Ich kenne einige Menschen hier seit Jahren und erlebe mit, wie sich nichts in ihrem Leben zum Guten wendet und ihre Situation immer aussichtsloser wird. Sie haben im Gegensatz zu mir keine Chance, dem zu entfliehen. Menschlich geht mir das nahe. Doch als Journalistin darf ich mich nicht mit einer Seite gemein machen, auch wenn das manchmal schwerfällt. Was mir hilft, um meine Arbeit trotzdem professionell zu erledigen, ist, zwischen den Gesprächen, die ich immer aufnehme, und dem Schreiben ein wenig Zeit verstreichen zu lassen.

Wie gefährlich war diese Reise für dich und wie entscheidest du, wann du weiterarbeiten und wann du Schutz suchst?
In den ersten Nächten war ich oft im Luftschutzkeller, weil diese Kriegsgeräusche, der Luftalarm, das Grollen der Explosionen, wieder neu waren für mich. Man denkt, dass die nächste Explosion dich treffen könnte und hat die Bilder aus den kriegsversehrten Städten und Dörfern vor Augen. Daran muss man sich erst wieder gewöhnen. Bald lassen sich die Geräusche und Abläufe wieder besser einordnen.
Für manche Geschichten waren wir auch nachts unterwegs, auf Autobahnen, über die Drohnenschutz-Netze gespannt sind. Als einziges Auto weit und breit unterwegs zu sein, ist schon unheimlich. In diesen Situationen versuche ich, mich auf meinen Auftrag zu fokussieren und mir nicht ständig vorzustellen, was passieren könnte. Aber klar, wenn man in der Frontstadt Saporischja im Hotel sitzt und bei einer Detonation alles erzittert, fragt man sich schon: Gopf, wieso machst du das.
Und, wieso?
Weil es wichtig ist. Je mehr die Ukraine und der Alltag der Menschen hier aus den Schlagzeilen verschwinden, desto schlechter ist es für uns alle. Weil dieser Krieg mitten in Europa uns alle etwas angeht, ob wir wollen oder nicht.

Welche Begegnung oder welcher Moment begleitet dich seit deiner Rückkehr?
Am letzten Abend hatte mein lokaler Übersetzer, ein sogenannter Fixer, Geburtstag und legte in einem Club in Odessa auf. Junge Menschen tanzten und feierten, auch wenn über allem eine gewisse Bedrücktheit lag. Später sprach mich vor dem Hotel ein Mann an. Er sprach kein Englisch, ich kaum Ukrainisch, aber er simulierte mit den Händen eine Schussabgabe und sagte, dass er in den schweren Kämpfen in Bachmut gekämpft habe. Jetzt brauche er Geld für eine Unterkunft. Ich hatte keines und er ging resigniert weiter.
Dieser Gegensatz hat sich mir eingebrannt: Hier die feiernde Jugend, da der Soldat, der durch die Hölle gegangen ist für sein Land und jetzt kein Geld hat für ein Dach über dem Kopf. Das zeigt die Gegensätzlichkeit, die heute die Realität in der Ukraine bestimmt.
Die Route: Hafenstadt - Hauptstadt - Frontstadt
Die Reise führte über Moldawien in die Hafenstadt Odessa und von dort in acht Stunden nach Dnipro. Weil ein Einsatz mit einer Drohneneinheit wetterbedingt verschoben werden musste, ging es direkt weiter nach Kiew – erneut sechs Stunden im Auto. Dort traf unsere Reporterin Bürgermeister Vitali Klitschko zum Interview und verbrachte eine Nacht mit Schutzsuchenden in der Metro. Am Folgetag kam die Zusage der Drohneneinheit: Also fuhr sie sechs Stunden zurück nach Saporischja. In der stark beschossenen Frontstadt begleitete sie die Einheit und traf einen früheren Fixer wieder, der heute im Militär dient. Während der Reise traf sie sich ausserdem mit Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die über ihre Motivation sprachen. Über Odessa, Moldawien und Wien ging es schliesslich zurück nach Hause.
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