Steigende Gesundheitskosten – Die Community schlägt Lösungen vor – Experten antworten

Mitte Woche wurde bekannt, dass die Krankenkassenprämien auch für das kommende Jahr wieder steigen. Wir haben unsere Community gefragt:
Drei unabhängige Expertinnen sind die zahlreichen Vorschläge der Userinnen und User durchgegangen und haben einige davon kommentiert.
Vorschlag 1: Kassen verstaatlichen
Eine vom Staat verwaltete Krankenkasse (mit Subventionierung der Versicherten) könnte tiefere Prämien anbieten, da sie keinen Gewinn erzielen und keine Dividenden ausschütten muss.
(…) In Frankreich hat die Sozialversicherung Betriebskosten von 3%, das heisst, dass 97% der Gesundheitsausgaben direkt Gesundheitsleistungen finanzieren. Bei den (…) privaten Versicherungen belaufen sich die Betriebskosten auf 21%. (…) Der öffentliche Sektor ist wesentlich effizienter.
Einschätzung von Christina Vetsch-Tzogiou, Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften: «Die Krankenkassen dürfen mit der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) keine Gewinne erzielen. Die Verwaltungskosten machen nur rund 4 Prozent der Prämien aus. (…) Als wichtigster Treiber des Kostenwachstums gelten die höheren Kosten pro behandelte Person, etwa durch medizinischen Fortschritt, eine zunehmende Inanspruchnahme und mögliche Überversorgung. (…) Eine Einheitskasse würde das Kostenproblem daher voraussichtlich nicht lösen.»
Vorschlag 2: Gesundheit fördern
Auf Prävention setzen, mit strengeren Gesetzen zum Beispiel im Lebensmittelbereich: Zuckersteuern, Nutri-Score, Verbot von hochverarbeiteten Produkten, Deckelung der Margen auf gesunden Produkten usw., aber Förderung des Sports und frühere und systematische Screenings auf bestimmte Krankheiten.
Einschätzung von Cécile Grobet, Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften: «Die Schweiz gibt nur etwa 1.5 Prozent der Gesundheitsausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention aus. Entscheidend ist, dass dieses Geld dort wirkt, wo der Nutzen am grössten ist. Dazu braucht es eine nationale Strategie mit klaren Zielen, die Kosten und Nutzen der Massnahmen überprüft. Für die Prämien der nächsten Jahre ist das kein Befreiungsschlag, aber ein wichtiger Beitrag, damit langfristig weniger Menschen überhaupt krank werden.»
Vorschlag 3: Weniger Spezialisten
Aufwertung der Allgemeinmediziner, Begrenzung der Anzahl der Spezialisten und Deckelung ihrer Gehälter.
Einschätzung von Igor Francetic, Fachhochschule der italienischen Schweiz: «Die Hausarztmedizin ist für die neuen Generationen von Ärzten immer weniger attraktiv. Eine politische Aufwertung (wie?) macht die Hausarztmedizin nicht zwangsläufig interessanter für Medizinabsolventen. (…) Eine stärkere Kontrolle der Fachrichtungen und der Vergütung der Leistungen der Spezialisten hingegen würde erlauben, sowohl die Mengen als auch die Preise zu kontrollieren. Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag.»
Vorschlag 4: Prämien nach Einkommen
Nationale Prämien abhängig vom Einkommen!
Für mehr Gerechtigkeit eine einkommensabhängige Prämie, die einen bestimmten Prozentsatz des Lohns nicht überschreiten darf.
Christina Vetsch-Tzogiou: «Die Kosten würden sich dadurch kaum verändern, sie wären lediglich auf andere Art verteilt (...), ohne dass dies einen Anreiz schafft, die Inanspruchnahme von Leistungen zu überdenken. Das kann das Kostenbewusstsein schwächen, etwa bei der Wahl des Versicherungsmodells oder beim Bezug von Leistungen.»
Igor Francetic: «Das Pflaster für dieses Problem sind die Prämienverbilligungen, aber die Situation von Kantonen wie dem Tessin (wo man schätzt, dass ab 2029 die Hälfte der Bürger von Prämienverbilligungen profitieren könnte) führt zur Frage, ob der Weg einer direkt nach Steuerprinzipien erhobenen Prämie nicht mittlerweile unausweichlich ist.»
Vorschlag 5: Leistungen überprüfen
(…) die Relevanz der verschiedenen Leistungen, die derzeit im KVG-Katalog enthalten sind, neu bewerten.
Cécile Grobet: «Den Leistungskatalog regelmässig auf Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu prüfen, ist sinnvoll. Gemäss BAG sparen die bisherigen Überprüfungen rund 150 Millionen Franken pro Jahr. Umso unverständlicher ist es, dass ausgerechnet hier das Budget gekürzt wurde. Es braucht mehr Überprüfungen.»
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