Ein Post reichte – plötzlich standen Fremde vor ihrem Gym

- Drei Schweizer Influencerinnen berichten, wie ein einziger Post Fremde an ihren Aufenthaltsort gelockt hat.
- Alle drei posten Standorte nur noch zeitversetzt – eine von ihnen wurde auch im echten Leben gestalkt.
- Seit dem 1. Januar 2026 ist Stalking in der Schweiz erstmals ein eigener Straftatbestand.
Ein Post aus dem Gym, eine Story aus dem Lieblingscafé oder schnell zeigen, wie schön die neue Wohnung geworden ist: Was für die meisten wie ein harmloser Einblick in den Alltag wirkt, kann ziemlich viel darüber verraten, wo wir wohnen, wo wir uns regelmässig aufhalten – und wann wir wo anzutreffen sind.
Genau davor warnt Tiktokerin Delina in einem Video, das mittlerweile 2,7 Millionen Mal angesehen wurde. «Was du nicht posten solltest – von jemandem, der selbst gestalkt wurde», beginnt sie. Ihre wichtigste Regel: möglichst wenig Informationen veröffentlichen, mit denen sich Aufenthaltsorte und Routinen nachvollziehen lassen.
Diese Dinge sollte man nicht posten
«Man weiss nie, wer zuschaut»
Ihre Warnungen mögen drastisch klingen. Dass Stalking aber auch in der Schweiz ein Thema ist, zeigen Zahlen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). In einer Befragung gaben 4,3 Prozent an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate Stalking erlebt zu haben. Die Untersuchung stammt allerdings aus dem Jahr 2019 – aktuelle repräsentative Schweizer Zahlen sind rar.
Straftatbestand Stalking
«Menschen wissen, wo ich bin»
Dass ein einziger Post reicht, damit Menschen wissen, wo man gerade ist, hat Influencerin Sara (140’000 Follower) selbst erlebt. Zu Beginn ihrer Karriere postete sie einmal direkt aus dem Fitnessstudio. Als sie danach rausging, warteten dort rund zehn junge Frauen auf sie.
Die Begegnung sei zwar «mega schön und herzig» gewesen, wie sie im Gespräch mit 20 Minuten erzählt. Gleichzeitig habe sie ihr vor Augen geführt: «Menschen wissen, wo ich bin.» Und es könne eben auch einmal jemand auftauchen, den man dort nicht haben wolle.
Heute veröffentlicht die 32-Jährige ihren Standort deshalb grundsätzlich zeitversetzt – teilweise zwei Stunden, teilweise einen ganzen Tag später. Auch bei ihrem Zuhause achtet sie darauf, dass von draussen möglichst wenig Rückschlüsse auf den genauen Ort möglich sind. Adressen auf Paketen hält sie ebenfalls aus der Kamera.
Denn auch mit ihrem Wohnort hatte Sara bereits eine unangenehme Erfahrung: Vor einigen Jahren sei in einem Tiktok relativ gut zu erkennen gewesen, wo sie wohnt. Danach seien Menschen dort aufgetaucht und hätten nach ihr gerufen. «Das war für mich ein Weckruf.»
Wie gehst du mit Standort-Posts auf Social Media um?
«Ich bin ein gebranntes Kind»
Auch Influencerin Ella (knapp 27’000 Follower) postet ihren Aufenthaltsort fast immer zeitversetzt. Der Grund ist nicht nur theoretische Vorsicht: Nachdem sie einmal in einer Story gezeigt hatte, wo sie sich gerade befand, kam jemand gezielt dorthin.
Die Begegnung sei lieb gemeint gewesen, habe sich aber trotzdem unangenehm angefühlt, wie die 35-Jährige erzählt: «Ich war allein und befand mich an einem öffentlichen Ort in der Stadt, deshalb war die Situation für mich noch okay.» Mit ihrem Kind oder an einem privaten Ort hätte sie die Situation deutlich anders empfunden.
Ella ist bei dem Thema besonders sensibilisiert. Unabhängig von Social Media wurde sie bereits von einer ihr bekannten Person gestalkt. Sie zeigte die Person an, es kam laut Ella zu einem Verfahren, einem Kontaktverbot und einem Bussgeld. «In diesem Sinne bin ich ein gebranntes Kind und weiss, wie schnell das Gefühl von Sicherheit verloren gehen kann.»
Heute versucht sie deshalb auch, keine Routinen preiszugeben. Geht sie beispielsweise ins Pilates, veröffentlicht sie weder den konkreten Tag noch Klasse oder Uhrzeit.
Ramonas Stalker fand ihre Wohnadresse
Für Content-Creatorin Ramona (knapp 44’000 Follower) begann das Stalking direkt auf Social Media. Eine Person habe sie dort entdeckt und sich eine Beziehung zu ihr eingebildet, «die nie existiert hat». Über längere Zeit habe die Person Informationen über die 27-Jährige gesammelt.
Schliesslich fand sie laut Ramona sogar ihre damalige Wohnadresse heraus. «Die Belästigung verlagerte sich von der digitalen in die reale Welt.» Dadurch sei ihr nochmals deutlich geworden, was passieren könne, wenn jemand einzelne öffentlich verfügbare Informationen gezielt zusammensetzt.
Heute nennt Ramona ihren Wohnort nicht öffentlich und veröffentlicht aktuelle Standorte grundsätzlich nicht in Echtzeit. Ganz aus ihrem Leben zurückziehen will sie sich deshalb aber nicht. Social Media ist ihr Beruf. «Ob ich einen Ort in diesem Moment oder zwei Stunden später poste, verändert den Content nicht», sagt sie im Gespräch mit 20 Minuten. Für sie gehe es darum, Nähe zu schaffen, ohne dafür die eigene Sicherheit oder die Privatsphäre ihres Umfelds aufzugeben.
Wie viel von deinem Privatleben teilst du auf Social Media? Achtest du darauf, deinen Standort oder bestimmte Orte nicht zu zeigen – oder machst du dir darüber kaum Gedanken? Erzähl uns unten im Formular, wie du mit deiner Privatsphäre im Netz umgehst.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Stalking betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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